"Mein Kampf"

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nach dem gescheiterten Hitlerputsch vom 9. 11. 23 in der Landsberger Festungshaft entstandenes Buch Hitlers, dessen ersten Band er zunächst seinem Chauffeur Maurice und später seinem persönlichen Sekretär Heß in die Maschine diktierte. Ursprünglich geplanter Titel: "Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit". Nach seiner vorzeitigen Entlassung am 20. 12. 24 diktierte Hitler den zweiten Band seiner Sekretärin und Amann. Der erste Band mit dem Untertitel "Eine Abrechnung" erschien am 18. 7. 25, der zweite, "Die nationalsozialistische Bewegung" untertitelt, am 11. 12. 26 im Eher-Verlag in München. Ab 1930 erschienen beide Bände in der 782 Seiten umfassenden, einbändigen, bibelformatigen Volksausgabe. Bis zu dieser Ausgabe wurden 23 000 Exemplare des ersten und 13 000 des zweiten Bands verkauft. Danach, bis zum Machtantritt Hitlers am 30. 1. 33, rund 287 000 Exemplare. Die weitere Auflagenentwicklung: Ende 33: 1,5 Millionen, 1938: 4 Millionen, 1943: 9,84 Millionen. Der Verkauf von "Mein Kampf" wurde bewusst "von oben" gefördert. So "empfahl" der Reichsinnenminister im April 36 den Standesbeamten, jedem Brautpaar "Mein Kampf" als Geschenk zu überreichen. Im Oktober 38 wurden die Buchhändler durch den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer angehalten, nur noch Neuausgaben von "Mein Kampf" zu verkaufen. In einem Rundschreiben der Parteikanzlei vom 13. 12. 39 wurde gefordert, "dass eines Tages jede deutsche Familie, auch die ärmste, des Führers grundlegendes Werk besitzt". Trotz der Auflagenrekorde wurde das in 16 Sprachen übersetzte Buch, wie Forschungen von Karl Lange belegt haben, vor und nach 1933 sowohl in Deutschland wie im Ausland nur wenig gelesen.

    Wie Hitler im Vorwort schreibt, suchte er in "Mein Kampf" die "Ziele unserer Bewegung klarzulegen" sowie "ein Bild der Entwicklung derselben zu zeichnen". Außerdem nahm er die Gelegenheit wahr, "eine Darstellung meines eigenen Werdens zu geben, soweit dies zum Verständnis sowohl des ersten als auch des zweiten Bandes nötig ist und zur Zerstörung der von der jüdischen Presse betriebenen üblen Legendenbildung über meine Person dienen kann". Ausdrücklich wandte sich Hitler in seinem Bekenntnisbuch nicht an "Fremde, sondern an diejenigen Anhänger der Bewegung, die mit dem Herzen ihr gehören und deren Verstand nun nach innigster Aufklärung strebt".

    Seiner literarischen Leistung – "Mein Kampf" ist im typischen Hitlerschen Redestil niedergeschrieben – stand Hitler durchaus kritisch gegenüber: "Ich bin kein Schriftsteller", sagte er im Frühjahr 38 zu H. Frank. "Die Gedanken gehen mir durch beim Schreiben. 'Mein Kampf' ist eine Aneinanderreihung von Leitartikeln für den 'Völkischen Beobachter', und ich glaube, selbst dort würde man sie aus sprachlichen Gründen nur ungern annehmen." Doch: "Inhaltlich möchte ich nichts ändern." Tatsächlich hat Hitlers "Mein Kampf" trotz zahlreicher stilistischer Verbesserungen in all seinen Auflagen nur eine wesentliche Änderung erfahren. Dabei handelt es sich um die Tilgung der letzten Spuren demokratischer Willensbildung in Partei und Staat zugunsten des absoluten Führerprinzips: Wurde 1925 und 1928 noch von "germanischer Demokratie" und "Wahl des Führers" gesprochen, so galt von 1930 an der "Grundsatz der unbedingten Führerautorität".

    Als Quelle ist "Mein Kampf", was Hitlers autobiographische Passagen und die Schilderung der frühen Parteigeschichte der NSDAP betrifft, lückenhaft, irreführend, verschleiernd und verschweigend – eine positiv stilisierte Selbstdarstellung, die nur bedingt zu nutzen ist. In theoretisch-programmatischer Hinsicht jedoch lassen die Aussagen über das Wesen der rassistisch-antisemitischen, auf Eroberung von Raum im Osten angelegten Weltanschauung Hitlers und ihre Methoden (Organisation, Taktik, Propaganda) an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Daran können auch der unsystematische Aufbau des Werks und Hitlers langatmige abschweifende, sich wiederholende Gedankenführung nichts ändern. In "Mein Kampf" ist das Revolutionäre, Primitive und Brutale des Nationalsozialismus deutlich ausgesprochen.

    Nach 1945 gingen die Verlagsrechte an "Mein Kampf", dessen Originalmanuskripte seit Kriegsende verschollen sind, auf den Freistaat Bayern über, der im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt aus Sorge um das deutsche Ansehen im Ausland jede erneute Auflage untersagt. "Dieser Entschluß", schreibt der Historiker Eberhard Jäckel in seinem Standardwerk über Hitlers Weltanschauung, "ist jedoch nur in Deutschland durchsetzbar, und so ergibt sich die absonderliche Lage, dass in anderen Ländern zahlreiche, z. T. von gänzlich unverdächtigen Wissenschaftlern eingeleitete Übersetzungen erhältlich sind, während der Originaltext nur in den unterschiedlichen und daher unzulänglichen Fassungen der nationalsozialistischen Ausgaben in Bibliotheken greifbar ist. So berechtigt die politische Rücksichtnahme manchem erscheinen mag, bedenklicher ist in Wahrheit der Umstand, daß der Staat auf diesem Wege Zensur ausübt und der Wissenschaft die Möglichkeit nimmt, eine wichtige historische Quelle einwandfrei benutzbar zu machen, die ... den verbrecherischen Charakter Hitlers überzeugender offenlegt als viele Kommentare".