Ästhetik

    Aus Lexikon Drittes Reich

    allgemein Lehre vom Schönen, besonders in der Kunst. Ästhetik war für den Nationalsozialismus nur in politisch dienender Funktion von Bedeutung; die Künste sollten keinen Eigenzweck haben, nicht als Instrument der Erkenntnis dienen, sondern Herrschaftsmittel sein: "Schicksalsfragen von der Bedeutung des Existenzkampfes eines Volkes heben jede Verpflichtung zur Schönheit auf" ("Mein Kampf"). Von den Künsten wurden Leitbilder für den "neuen Menschen" erwartet, besonders die Idealisierung des Heldischen, ein "heroischer Realismus".

    Die ästhetische Theoriebildung der Nationalsozialisten orientierte sich am Vorbild der klassischen Antike, des "nordischen Abendlandes" (einschließlich Griechenlands), berief sich kunstwissenschaftlich auf Plotins "Enneaden", betonte "Ebenmaß und Harmonie von Gehalt und Form", verwarf aber weitgehend die Ästhetik der deutschen Klassik, insbesondere Kants, in der das denkende, selbstbestimmte Subjekt eine zentrale Stelle einnimmt. Hitler legitimierte diese normative, epigonenhafte Ästhetik durch die Feststellung, es sei besser, "Gutes nachzuahmen als neues Schlechtes zu produzieren". "Heroische Zeitalter", folgerte er, suchten immer "Brücken zur heroischen Vergangenheit". Die formale Strenge, das Setzen von Normen in der Kunst korrespondierte mit staatlichen Ordnungsvorstellungen: "Dieser Staat ist das höchste Kunstwerk" (Baeumler). Durch die Herstellung von Kulturwerten (Führerkult), durch "anschauliche Freund- und Feindbilder" strebten die Nationalsozialisten eine "Ästhetisierung des politischen Lebens" (W. Benjamin) an, die das Fehlen rationaler Rechtfertigung überdeckte. So überhöhte Hitler sich selbst als Politiker zu einem mit "Menschenmaterial" arbeitenden Künstler, der Menschenmassen nach ästhetischen Gesichtspunkten arrangierte, dem Massenaufmärsche als "menschliche Architektur" galten.

    Unter Berufung auf Nietzsche und Darwin wurde Ästhetik rassebiologisch untermauert: "Völkern und Rassen ist ein bestimmtes Schönheitsideal eigen, und keine historische Kunstgestalt, sofern sie echt ist, kann unabhängig von diesem arteigenen Ideal bestehen" (Baeumler). Der Mensch wurde als ein durch Abstammung determiniertes Kunstwerk gesehen, einem "rassischen Schönheitsideal in physischer Hinsicht" sollte ein "rassisch gebundener Höchstwert seelischer Art" entsprechen (Rosenberg).