Österreich

    Aus Lexikon Drittes Reich

    im Südosten an das Deutsche Reich grenzender Bundesstaat mit rund 84 000 km² und 6,7 Millionen Einwohnern (1930). Dem "deutschen Rest" des Habsburgerreichs wurde im Frieden von Saint-Germain-en-Laye (10. 9. 19) der einhellig gewünschte Anschluss an Deutschland untersagt. Vier fundamentale Widersprüche, denen keine hinreichend integrierenden Kräfte gegenüberstanden, ließen Österreich nach dem Zusammenbruch der Großen Koalition zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen unter Renner (10. 6. 20) bis zuletzt nicht zur Ruhe kommen und verhinderten die Ausbildung einer nationalen Identität: historisch die verklärende Erinnerung an Alt-Österreich; ideologisch und parteipolitisch die Polarisierung zwischen antimarxistischem Bürgerblock mit Christlichsozialen unter I. Seipel (Kanzler 1922-24 und 26-29), Großdeutscher Volkspartei und Landbund und dem austromarxistischen Lager, vertieft durch die paramilitärischen Konflikte zwischen Heimwehren und Republikanischem Schutzbund; gesellschaftlich der Gegensatz zwischen dem industrialisierten "roten" Ballungszentrum und bürokratischem Wasserkopf Wien (25 % der Bevölkerung) und den überwiegend agrarisch-konservativen Bundesländern, die nach der Auflösung der Donaumonarchie nicht in der Lage waren, die Hauptstadt ausreichend zu ernähren (Hungerrevolten 1918/22); national die Auseinandersetzung um den Anschluss zwischen den um staatliche Selbständigkeit bemühten Christlichsozialen und den Sozialdemokraten, die sich vom Aufgehen im Deutschen Reich den "Anschluss an den Sozialismus" erhofften.

    Unter den katastrophalen Folgen der Weltwirtschaftskrise (11. 3. 31 Zusammenbruch der Österreichischen Creditanstalt) und den zunehmenden Pressionen und Wühlereien aus Berlin scheiterten Versuche von Dollfuß (1932-34) und Schuschnigg (1934-38), die innere Ordnung und äußere Selbständigkeit Österreichs durch einen Staatsstreich (März 33 Ausschaltung des Parlaments, Auflösung des Republikanischen Schutzbunds), das Verbot der NSDAP (19. 6. 33), die Gründung der Vaterländischen Front und die Errichtung eines autoritären, an der katholischen Soziallehre und am italienischen Faschismus orientierten Ständestaats (Austrofaschismus) um den Preis eines blutigen Bürgerkriegs im Februar 34 (Verbot der Sozialdemokratischen Partei) zu retten. Außenpolitisch isoliert und wehrlos durch das Versagen der "kollektiven Sicherheit", das Appeasement der Westmächte und die Achse Berlin-Rom ("Bratspieß, an dem Österreich braun gebraten werden wird"), musste Österreich den "deutschen Weg" über das Juliabkommen 1936 und den Anschluss 1938 bis zur Auflösung seiner Staatlichkeit als "Ostmark" gehen.