Abrüstung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Bestrebungen zur Beschränkung, Reduzierung und letztlich Beseitigung der Waffenarsenale und Streitkräfte der Nationen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen schien Abrüstung nach dem Ersten Weltkrieg ein mindestens in ersten Schritten politisch erreichbares Ziel: In den Pariser Vorortverträgen wurden den unterlegenen Mittelmächten, allen voran dem Deutschen Reich, drastische Rüstungsbeschränkungen auferlegt (Versailler Vertrag), die als Einleitung einer allgemeinen Abrüstung proklamiert wurden. Die in die Friedensverträge aufgenommene Völkerbundssatzung enthielt in Artikel 8 eine Abrüstungsverpflichtung, die allerdings an den nationalen Sicherheitsbedürfnissen ausgerichtet sein sollte und so von vornherein weit interpretierbar blieb. Über eine zwischen den Seemächten ausgehandelte Flottenbegrenzung (Konferenz von Washington 11. 11. 21-6. 2. 22) kamen daher erste Abrüstungsbemühungen nicht hinaus, da bei den Landstreitkräften französische Sicherheitsforderungen einer Einigung entgegenstanden.

    Erst als der Locarnopakt internationale Garantien der französischen Ostgrenze brachte, konnte der Völkerbundsrat am 12. 12. 25 eine "Vorbereitende Kommission für die Abrüstungskonferenz" berufen. Sie legte nach fünf oft monatelangen Sitzungen am 9. 12. 30 den Entwurf einer Abrüstungskonvention vor, die allerdings von der Reichsregierung abgelehnt wurde, weil sie die Entwaffnung der Besiegten festschrieb, ohne für die Sieger ein gleich niedriges Rüstungsniveau zu fordern. Zu den beiden bisherigen Hauptstreitpunkten: "Sicherheit durch Abrüstung" und "Abrüstung nach Sicherheit" trat als dritter die Forderung nach deutscher Gleichberechtigung. An ihr scheiterte beinahe schon die erste Runde der am 2. 2. 32 einberufenen Abrüstungskonferenz von 51 Staaten in Genf. Erst nach Vertagung und deutscher Drohung, die Mitarbeit einzustellen, lenkte Frankreich ein und erklärte mit den anderen Großmächten am 11. 12. 32 die grundsätzliche militärische Gleichberechtigung Deutschlands im Rahmen eines "Systems, das allen Nationen Sicherheit bietet".


    Innenpolitisch kam die Zusage wie schon die Zugeständnisse in der Frage der Reparationen zu spät: Hitler, dessen Aufstieg von der harten Haltung der Westmächte mit befördert worden war, erntete die Erfolge. Und er nutzte den moralischen Hebel der eigenen Waffenlosigkeit zu verstärktem Druck auf die Großmächte, akzeptierte bedingt den Plan des britischen Premiers MacDonald (16. 3. 33), dem Reich auf der Basis eines 200 000-Mann-Heers Rüstungsparität zu gewähren, und brachte so v. a. Frankreich in Zugzwang. Als die französische Delegation die Zustimmung zum MacDonald-Plan von einer vierjährigen Frist abhängig machte, lehnte die Reichsregierung dies als unzumutbar ab und verließ am 14. 10. 33 die Genfer Abrüstungskonferenz und den Völkerbund. In der Weltöffentlichkeit stand Frankreich als Abrüstungsverhinderer da, so dass die Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht im Deutschen Reich am 16. 3. 35, obwohl längst geplant, als moralisch gerechtfertigte Antwort hingestellt werden konnte, zumal wenig später das Deutsch-Britische Flottenabkommen vom 18. 6. 35 den guten deutschen Willen zur Rüstungsbegrenzung zu bestätigen schien. Die Abrüstung aber im Sinne der Völkerbundssatzung war damit gescheitert; letzte Sitzung der Genfer Abrüstungskonferenz am 11. 6. 34.