Alfred Rosenberg

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher nationalsozialistischer Politiker

    geboren: 12. Januar 1893 in Reval gestorben: 16. Oktober 1946 in Nürnberg


    Studium der Architektur in Riga und Moskau, 1918 Flucht nach Deutschland und 1919 Mitglied in der völkischen Thulegesellschaft, kurz nach Hitler Eintritt in die DAP (Mitgliedsnummer 625). Rosenberg, der sich als antisemitischer Publizist bereits einen Namen gemacht hatte (u. a. "Die Spur des Judentums im Wandel der Zeiten", 1919), war von Eckart in nationalsozialistische Kreise eingeführt worden und übernahm 1921 die Chefredaktion des "Völkischen Beobachters" (ab 1938 Herausgeber). Nach der Teilnahme am gescheiterten Hitlerputsch (9. 11. 23) war er Mitbegründer der Großdeutschen Volksgemeinschaft als Ersatzorganisation der verbotenen NSDAP und versuchte sich als Chefideologe der Partei zu profilieren. Hitler, der seine Bildung bewunderte, förderte ihn und schützte ihn vor Angriffen prominenter Parteigenossen, die mit dem "Ausländer" und humorlosen Doktrinär nicht auskamen.

    Schon mit dem von ihm gegründeten Kampfbund für deutsche Kultur als selbst ernannter Zensor hervorgetreten, versuchte sich Rosenberg 1930 in seinem Hauptwerk "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" an der Kodifizierung der reinen nationalsozialistischen Lehre. Seine rassistischen und antichristlichen Konstruktionen stießen aber selbst bei Hitler auf Reserve, der Rosenberg indes gewähren ließ und sich nicht offiziell von dem Buch distanzierte. Da eine Konfrontation mit den Kirchen auch nach der Machtergreifung zunächst nicht erwünscht war, schien Hitler Rosenberg als Feindbild für die Theologen zur Ablenkung geeignet. Er ernannte ihn 1934 zum "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" und setzte ihn so in Rivalität zu den Weltanschauungswächtern der SS, zu Rust als Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung sowie zu Bormann und Goebbels. Der auch außenpolitisch ambitionierte Rosenberg erhielt zudem 1933 die Leitung des Außenpolitischen Amtes und geriet hier in Konkurrenz zu Ribbentrop. Er wurde in allen seinen Rollen eine typische Figur im Kompetenzgestrüpp der von Hitler absichtsvoll gepflegten "Polykratie" des Dritten Reichs.

    Das setzte sich auch nach Kriegsbeginn fort, als Rosenberg zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete (17. 11. 41) ernannt wurde und dabei in einen Vielfrontenkrieg gegen Auswärtiges Amt, SS, Wehrmacht und selbst gegen die ihm formal unterstellten Reichskommissare E. Koch (Ukraine) und Lohse (Ostland) verstrickt wurde. Zwar selbst nicht wählerisch in seinen Mitteln, hielt er die Schreckensherrschaft der deutschen Besetzer in Russland für politisch falsch, konnte sich aber mit seinen Bedenken bei Hitler kein Gehör verschaffen. Er begriff nicht, dass die propagierte Germanisierung v. a. Vernichtung der Einheimischen und nicht Gewinnung für die deutsche Sache bedeutete. Sogar mit dem mächtigen Göring geriet Rosenberg in Konflikt, als sein Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg beim nationalsozialistischen Kunstraub die Wünsche des Reichsmarschalls nicht hinreichend respektierte. All dies konnte im Nürnberger Prozess bei dem übervollen Schuldmaß nicht mildernd ins Gewicht fallen. Rosenberg wurde am 1. 10. 46 zum Tod verurteilt. Postum erschienen 1955 Rosenbergs "Letzte Aufzeichnungen" und das "Politische Tagebuch".