Anschluss

    Aus Lexikon Drittes Reich

    v. a. seit 1918 zum politischen Schlagwort verkürzte Bezeichnung für: Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Der Anschlussgedanke reichte zurück bis in die Freiheitskriege (1813/15) und meinte die Vereinigung der deutschsprachigen Gebiete Österreichs mit Deutschland. Ihr standen Partikularinteressen, Bismarcks kleindeutsche Politik und der Vielvölkercharakter der habsburgischen Monarchie lange entgegen. Erst nach deren Untergang im Ersten Weltkrieg rückte ein Anschluss politisch in greifbare Nähe, gefördert noch durch wirtschaftliche Existenzsorgen des deutsch-österreichischen Rumpfstaats nach der Niederlage.

    Die provisorische österreichische Nationalversammlung nahm am 12. 11. 18 ein Verfassungsgesetz an, das Deutsch-Österreich einschließlich des Sudetengebietes zum Bestandteil der Deutschen Republik erklärte; am 12. 3. 19 einstimmig bestätigt. Der Friedensvertrag von Saint-Germain aber untersagte selbst die Bezeichnung Deutsch-Österreich, machte eine Änderung der österreichischen Selbständigkeit von der Zustimmung des Völkerbunds abhängig und damit vorerst illusorisch; in der österreichischen Bundesverfassung vom 10. 10. 20 fehlte daher ein Anschlusspassus, und aus der Weimarer Verfassung musste auf Druck der Alliierten am 22. 9. 19 der Artikel 61 gestrichen werden, der Österreich bis zum Anschluss beratende Stimme im Reichsrat gewährte. Diese massive Missachtung des Selbstbestimmungsrechts trug nicht unwesentlich zur Diskreditierung der Friedensverträge bei und sicherte der Anschlussagitation weit über nationale Kreise hinaus Aufmerksamkeit. Wie wirksam sie war, zeigen die immer neuen, v. a. französischen Forderungen, Österreichs Selbständigkeit festzuschreiben: 1922 musste Wien für 20 Jahre auf einen Anschluss verzichten, um eine Völkerbundsanleihe zu bekommen, 1931 wurde eine deutsch-österreichische Zollunion von den Großmächten torpediert, 1932 im Lausanner Protokoll eine Anleihe erneut vom Anschlussverzicht abhängig gemacht. Das führte zu erheblichen innenpolitischen Schwierigkeiten, weil fast alle österreichischen Parteien im Programm auf den Anschluss festgelegt waren. Erst nach Hitlers Machtergreifung im Reich strichen Christlich-Soziale wie Sozialdemokraten entsprechende Forderungen; auch die katholische Kirche wandte sich vom Anschlussgedanken ab und förderte die österreichische Eigenstaatlichkeit. Das Feld der Anschlusspolitik blieb der Großdeutschen Volkspartei und den österreichischen Nationalsozialisten überlassen.

    Und das in zweierlei Sinn: Auch Hitler nämlich stellte zunächst Anschlussforderungen aus taktisch-außenpolitischen Gründen zurück, da die Redlichkeit seiner Friedensbeteuerungen nicht zuletzt am politischen Verhältnis zu seinem Heimatland gemessen werden würde; die Presse erhielt Anweisung, das Wort "deutsch-österreichischer Anschluss" zu meiden (22. 6. 33). Das änderte allerdings nichts an dem schon in "Mein Kampf" gleich einleitend formulierten Ziel: "Deutsch-Österreich muss wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande", eine Kernforderung nicht nur im Rahmen der Revisionspolitik, sondern auch weltanschaulich: "Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich."


    Entschieden zu früh aber, obschon nicht ungewollt, kam Hitler der nationalsozialistische Putsch gegen die Regierung Dollfuß am 25. 7. 34 (Österreich). Mussolini ließ am Brenner italienische Truppen aufziehen und zwang Hitler zu eiliger Distanzierung vom Wiener Putschversuch. Er zeigte ihm aber auch, dass der Schlüssel zum Anschluss in Rom lag. Italien hatte als einzige Großmacht eine gemeinsame Grenze mit Österreich und musste zudem von einem Großdeutschland die Rückforderung Südtirols befürchten. Jede Anschlusspolitik war folglich zunächst Italienpolitik, die Hitler bei einem ersten Treffen mit dem Duce im Februar 34 noch nicht recht hatte in Gang bringen können. Gelegenheit dazu bot ihm indes schon bald die imperialistische Politik des faschistischen Italien: Im Konflikt um Abessinien verpflichtete er sich Mussolini, im Spanischen Bürgerkrieg baute er die freundlichen Beziehungen zur Waffenbrüderschaft aus. Während Frankreich zunehmend mit innenpolitischen Problemen beschäftigt war und England auf Appeasement setzte, konnte Hitler im Rahmen der Achse wieder zu aktiver Anschlusspolitik übergehen. Die musste zunächst darin bestehen, die Lage der österreichischen Nationalsozialisten zu verbessern, die seit 19. 7. 33 verboten waren und die Anhaltelager füllten. Hier bot sich der Hebel für Hitler zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Nachbarlands: Am 11. 7. 36 kam es unter deutschem Druck zum Juliabkommen mit der Regierung Schuschnigg, die aber die Einlösung der darin ausgehandelten Erleichterungen für die Nationalsozialisten schleppend behandelte. Nach einigen Mahnungen ließ Hitler daher Schuschnigg am 12. 2. 38 auf den Obersalzberg laden und verlangte ultimativ die Hineinnahme seines Manns in Wien, A. Seyß-Inquart, als Innenminister in die österreichische Regierung, die Abstimmung der Außenpolitik auf die des Reichs, die Legalisierung der österreichischen NSDAP, eine allgemeine Amnestie u. a. Im so genannten Berchtesgadener Diktat akzeptierte Schuschnigg diese und weitere wirtschaftliche und militärische Bedingungen; Bundespräsident Miklas ernannte drei Tage später Seyß-Inquart und lieferte damit die österreichischen Sicherheitsorgane den Nationalsozialisten aus.


    In einem verzweifelten letzten Versuch, den Anschluss abzuwenden, beraumte Schuschnigg am 9. 3. 38 überraschend für den 13. eine Volksabstimmung an für oder gegen ein "freies und deutsches, unabhängiges und soziales, christliches und einiges Österreich". Unregelmäßigkeiten bei den Wahlvorbereitungen (Heraufsetzung des Wahlalters auf 24 Jahre, fehlende Wählerlisten) und zu kurze Frist beschleunigten aber nun die deutsche Intervention: Hitler forderte am 11. 3. die Absetzung der Abstimmung, den Rücktritt Schuschniggs zugunsten Seyß-Inquarts und erklärte, er beabsichtige, "wenn andere Mittel nicht zum Ziel führen, mit bewaffneten Kräften in Österreich einzurücken". Unter "Ziele" verstand er jetzt offen den Anschluss und "andere Mittel" als den Einmarsch zog er auch nach Erfüllung seines Ultimatums - um Mitternacht zum 12. 3. berief Miklas nach erheblichem Widerstand Seyß-Inquart zum Kanzler - nicht mehr in Erwägung. In den Morgenstunden des 12. 3. 38 überschritten Wehrmachtseinheiten nach telefonsisch zwischen Göring und Seyß-Inquart vereinbartem Hilfeersuchen der österreichischen Regierung die Grenze. Am 14. 3. verkündete Hitler unter tosendem Jubel auf dem Wiener Heldenplatz "den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich". Gleichzeitig trat das "Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" in Kraft. Österreich, gegliedert in Reichsgaue, hieß nun Ostmark. Die Westmächte ließen es bei papierenen Protesten bewenden.


    Es kann kein Zweifel sein, dass bei allen Vorbehalten gegenüber nationalsozialistischen Zahlenangaben das Ergebnis der Volksabstimmung über den Anschluss am 10. 4. 38 die überwältigende Zustimmung in beiden Ländern spiegelt (offiziell Österreich: 99,75 %, Deutsches Reich: 99,0 %). Selbst Sozialistenführer Renner begrüßte in klarer Einschätzung der Volksstimmung Hitlers Aktion und stimmte öffentlich mit "Ja", obwohl er die Folgen für die österreichische Sozialdemokratie genau abschätzen konnte. Der österreichische Episkopat unter Kardinal Innitzer ließ die Kirchen mit Hakenkreuzfahnen schmücken und würdigte "freudig", dass die Nationalsozialisten "auf dem Gebiet des völkischen und wirtschaftlichen Aufbaus ... Hervorragendes geleistet" hätten, ungeachtet der gleich nach dem Anschluss einsetzenden Verfolgung der politischen Gegner und der Juden. Schon Anfang April 38 wurde das KZ Mauthausen errichtet.