Antisemitismus

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Die Judenverfolgung des Nationalsozialismus knüpfte an den Antisemitismus an, der in der nationalen Geschichte Deutschlands und Österreichs angelegt war. Grundlage des Antisemitismus bildete die Minoritätensituation, in der die Juden in vielen europäischen Nationalgesellschaften lebten. Die Minorität der Juden wurde, wie grundsätzlich auch andere Minoritäten, zum Objekt der Aggression für die Majorität. Die Juden übernahmen die Rolle des Sündenbocks, dem man die Schuld oder doch wenigstens die Mitschuld am nationalen Unglück zuschrieb.

    Als der historische Augenblick für die Entstehung des modernen Antisemitismus in Deutschland ist die ökonomische und soziale Krise von 1873 anzusehen, die "Gründerkrise", die Teil einer Weltwirtschaftskrise war und eine Phase der Depression einleitete. Ein tiefer Pessimismus griff um sich und äußerte sich als Kritik am "Geist des Kapitalismus". Negativ wirkte sich nun auch die Schwäche des politischen Liberalismus in Deutschland aus, dem es bisher nicht gelungen war, die Gesellschaft tiefgreifend zu prägen. Die Krise wurde von den antiliberalen Kräften als Chance für eine Gegenbewegung begriffen, in der die Gesellschafts- und Kulturpolitik eine zentrale Stellung einnahm. Seit Mitte der 1870er Jahre entwickelte sich eine antisemitische Publizistik, an der sich die ursprünglich liberale "Gartenlaube", die konservative "Kreuzzeitung" sowie katholische Blätter beteiligten. Ein erster Höhepunkt lag in der rassistischen Publizistik von Marr und den Massenversammlungen des Hofpredigers Stoecker während des Jahrs 1879, als der Begriff Antisemitismus gebräuchlich wurde. Im November 1880 kam es aufgrund einer "Antisemiten-Petition" zu einer Debatte im preußischen Abgeordnetenhaus, in der sich Fraktionsmitglieder der Konservativen und des Zentrums gegen die Juden äußerten.

    In der ökonomischen Krise von 1873, die eine kapitalistische Systemkrise darstellte, wäre theoretisch auch eine Ableitung gesellschaftlicher Aggressionen auf die sozialistische Arbeiterbewegung denkbar gewesen. Dass dann vorrangig die Juden angegriffen wurden, lässt sich aus den besonderen Bedingungen der jüdischen Existenz in Deutschland erklären. Die Juden bildeten im 18. Jahrhundert neben Bürgertum, Klerus und Adel eine Randgruppe der ständischen Gesellschaft. Der Prozess der Überwindung der ständischen Gesellschaft verlief bei den Juden parallel zu dem des Bürgertums, war aber in Deutschland mit großen Schwierigkeiten, Rückschlägen und ständigen Kompromissen verbunden. So wie sich das Bürgertum in Deutschland während des 19. Jahrhunderts immer wieder mit Teilmodernisierungen zufrieden geben musste, ohne dass es seinen Herrschaftsanspruch voll durchsetzen konnte, so war auch das Judentum auf Zwischenschritte im Prozess der Emanzipation angewiesen. Die Judenfrage blieb über mehrere Generationen ein Thema der öffentlichen Auseinandersetzung; immer neue Diskussionen führten dazu, dass die antijüdischen Stereotypen, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichten, stets neu belebt wurden. So kann es nicht überraschen, dass wenige Jahre nach dem Abschluss der Emanzipation durch die Reichsgesetzgebung vom April 1871 die Judenfrage im Sinn des Antisemitismus neu aufgeworfen werden konnte. Hinzu kam, dass die Juden als soziale Gruppe spezifische Merkmale aufwiesen, die ihre Verbindung mit der ökonomischen Krise nahe legten: Sie waren überdurchschnittlich in Banken, Handel und Presse tätig, sie profitierten von den Aufstiegsmöglichkeiten des kapitalistischen Systems und waren vielfach "Wortführer der Traditionskritik und einer säkularisierten Kultur und Gesellschaft" (Rürup).


    Wenn allerdings der Antisemitismus an den Judenhass des Mittelalters und der frühen Neuzeit anknüpfte, so bestanden doch große Unterschiede. Der Antisemitismus war eine Bewegung, die sich nicht wie der Judenhass des Mittelalters gegen die Religion der Juden richtete, sondern sich an der Situation nach dem Abschluss der Emanzipation entzündete. Die unter Mitwirkung von Marr im September/Oktober 1879 gegründete Antisemiten-Liga setzte sich das Ziel, "die uns widerwärtigen Juden wieder in die Schranken zurückzuweisen, welche eine unbedachte Gesetzgebung zu unserem Schaden aufgehoben hat". Einig waren sich alle Antisemiten darin, die Juden aus den Machtpositionen, die sie innerhalb der Gesellschaft errungen hatten, wieder zu entfernen. Darüber hinaus differenzierte sich die antisemitische Bewegung nach Radikalen und Gemäßigten, nach solchen, die im biologischen Sinne rassisch dachten, und anderen, die die Juden vorrangig aus den staatlichen Ämtern verdrängen und den "jüdischen Geist" bekämpfen wollten.

    Der Antisemitismus war aber nicht einfach mit dem erneuten Aufgreifen der Judenfrage identisch. Als Ideologie war er eine Bewegung gegen die Zielsetzung der Französischen Revolution und des Liberalismus. Eng verbunden war der Antisemitismus der Krise des bürgerlichen Denkens, die in der Rezession der 1870er und 80er Jahre zum Ausbruch kam. Diese Krise äußerte sich in einem neuen und verschärften Nationalismus, in Fremdenhass und antisozialistischen Affekten. Anhänger fanden die antisemitische Bewegung und die aus ihr gebildeten Parteien besonders im Kleinbürgertum. Stoecker suchte 1878 die Anhänger für die von ihm gegründete antisemitische Partei in der Arbeiterschaft, scheiterte jedoch mit dieser Überlegung. Er änderte darauf den Namen der Partei von "Christlich-soziale Arbeiterpartei" in "Christlich-soziale Partei". Statt der Arbeiter kamen Handwerker, Kleinhändler und in geringem Maße Bauern, ferner Angehörige der akademischen Führungsschicht. Die Arbeiterschaft hat dem Antisemitismus weitgehend widerstanden, ebenso die Sozialdemokratie, die auf ihrem Parteitag 1893 den Antisemitismus scharf ablehnte.

    Was die Gründung einer Partei anging, bestanden unter den Antisemiten zwei Richtungen: Die eine betrachtete den Antisemitismus als Weltanschauung, die möglichst in allen Parteien durchgesetzt werden sollte; die andere wünschte ihn zum zentralen Programmpunkt einer Partei zu machen. Große Erfolge brachte die Gründung antisemitischer Parteien nicht. Sie erreichten bei den Reichstagswahlen 1893 einen Höhepunkt mit 2,9 % und 16 Abgeordneten, waren von da an aber rückläufig und entwickelten sich zu Gruppen mit Sektencharakter. Dagegen setzte sich der Antisemitismus in mehreren Verbänden durch, die im Kaiserreich des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung waren, so dem Bund der Landwirte, dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband, dem Alldeutschen Verband, dem Verein deutscher Studenten und Teilen der Burschenschaften. Diese Verbände stehen für die Ausbreitung des Antisemitismus um die Jahrhundertwende, ja überhaupt für eine "antisemitische Gesellschaftsstimmung" (F. Naumann). Gleichzeitig gingen Antisemitismus und Rassendenken, ausformuliert durch H. S. Chamberlain, eine enge Verbindung miteinander ein. Ein Volk war danach nicht mehr durch Geschichte und Kultur, sondern wesentlich durch Rasse bestimmt. Die Möglichkeit der Assimilation, die der Antisemitismus alten Stils für die Integration der Juden noch gelassen hatte, war damit beseitigt.

    Von der Verbindung des Antisemitismus mit dem Rassegedanken ging dann Hitler in seinen programmatischen Äußerungen und in seinem Buch "Mein Kampf" aus. Hitler, der von österreichischen Antisemiten wie Schönerer und Lueger beeinflusst war, verkündete, den Antisemitismus mit aller Konsequenz und Schärfe praktizieren zu wollen, besonders durch die gesellschaftliche Ausgrenzung und Ausschaltung der Juden. Seine politische Perspektive war, dem deutschen Volk durch den Antisemitismus "den großen, einigenden Kampfgedanken zu schenken". Letztlich wollte Hitler von dem neuen Gewicht ausgehen, das der Antisemitismus nach dem verloren gegangenen Ersten Weltkrieg gewonnen hatte. Der Glaube, dass das Judentum verantwortlich sei für den Untergang des Kaiserreichs und den "Dolchstoß" gegen die unbesiegt kämpfende Front verübt habe, bekräftigte die Sündenbockfunktion der Juden, nachdem in den letzten Jahren vor dem Krieg der wirtschaftliche Aufschwung eher ein Abklingen antisemitischer Tendenzen zur Folge gehabt hatte. Auch die in und nach dem Weltkrieg zur Macht gewordene kommunistische Bewegung wurde von den Antisemiten den Juden in die Schuhe geschoben. Außerdem galt ihnen der Kommunismus als von Juden geführt und manipuliert. Typisch für den Nachkriegs-Antisemitismus waren eine zunehmende "Skrupellosigkeit und eine stärkere Anerkenntnis der physischen Gewalt" (Pulzer). Jüdische Organisationen versuchten energisch, argumentativ gegen die Zuschiebung der Schuld an Weltkrieg und Niederlage vorzugehen: Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten wies z. B. 1924 in Flugblättern auf die 120 000 gefallenen Juden hin und forderte "die deutschen Frauen" auf, nicht zu dulden, dass "die jüdische Mutter in ihrem Schmerz verhöhnt wird". Derartige Aktionen blieben völlig erfolglos, da der Antisemitismus als im Unterbewussten verankertes Vorurteil nicht durch Hinweise auf das Unrichtige oder Unsinnige seiner Vorstellungen "widerlegt" werden konnte.

    Die NSDAP Hitlers war eine der antisemitischen Parteien der Weimarer Republik, von denen außerdem noch die Deutsche völkische Freiheitspartei des Generals Ludendorff zu erwähnen wäre. Stärkere Verbreitung hatten zunächst die antisemitischen Parolen der DNVP oder des Alldeutschen Verbands. Das Programm der NSDAP von 1920 ging auf die Juden v. a. in Punkt 4 ein, wonach "Volksgenosse" und Staatsbürger nur sein könne, "wer deutschen Blutes ist"; "Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." Eine Realisierung dieser Forderung musste zur Ausbürgerung aller Juden und damit auch zu ihrer Entfernung aus den öffentlichen Ämtern führen. Auch andere Programmpunkte wie die "Brechung der Zinsknechtschaft", die Kommunalisierung der Warenhäuser und die Agrarreform wurden so ausgelegt, dass sie als ausschließlich gegen die Juden gerichtet verstanden wurden. Eigene Akzente versuchte die NSDAP zu setzen, indem sie seit 1927 im Rahmen ihrer Politik zugunsten des Mittelstands Boykottaktionen gegen Warenhäuser und Einheitspreisgeschäfte durchführte. Sie gab diese als "jüdische Erfindung" aus und behauptete, Warenhäuser seien durchweg von Juden geführt. Der "Völkische Beobachter" schrieb dazu am 28. 1. 27: "Man mag den Kampf gegen die Warenhäuser führen, wie man will: Solange man den wahren Grund, aus dem heraus die Gefahr entstanden ist (unersättliche jüdische Machtgier), verschweigt, solange man nicht wagt, von Juden zu sprechen ..., so lange wird der Kampf gegen das Warenhaus nur ein halber sein. Deshalb kann auch der Mittelstand nur durch den Nationalsozialismus gerettet werden."


    Die Weltwirtschaftskrise um 1930 hat wie die von 1873 noch einmal starke antisemitische Affekte hervorgerufen. "Eine antisemitische Hochstimmung" begünstigte den Aufschwung des Nationalsozialismus (Reichmann). Dass die NSDAP beabsichtigte, der antisemitischen Propaganda tatsächlich Taten folgen zu lassen, stellte sie bald nach der Machtergreifung durch den Judenboykott vom 1. 4. 33 und das Berufsbeamtengesetz vom 7. 4. 33 unter Beweis. Aus dem antisemitischen Programm wurde, was vielfach auch in bürgerlichen Kreisen und auch unter den deutschen Juden nicht für möglich gehalten worden war, die Judenverfolgung und schließlich die Endlösung. Vom Begriff des Antisemitismus wollten die Nationalsozialisten, nachdem sie ihre Macht etabliert hatten, bald nichts mehr wissen: 1935 versah das Propagandaministerium die deutsche Presse mit der Weisung, "in der Judenfrage das Wort antisemitisch oder Antisemitismus zu vermeiden, weil die deutsche Politik sich nur gegen die Juden, nicht aber gegen die Semiten schlechthin wendet. Es soll statt dessen das Wort antijüdisch gebraucht werden." Außenpolitische Rücksichten, insbesondere auf die arabische Welt, veranlassten die Nationalsozialisten, den zentralen Begriff aus der Kampagne gegen die Juden zu verbannen. 1944 ist in einer offiziösen Darstellung noch der Versuch unternommen worden, den Begriff des Antisemitismus durch den des "Antijudaismus" zu ersetzen. Die Beseitigung des zentralen Kampfbegriffs war allerdings mehr als eine politische Sprachregelung. Sie weist vielmehr darauf hin, dass der Antisemitismus als "'Weltanschauung' ... ein integrierender Bestandteil der nationalsozialistischen 'Weltanschauung' geworden" war, während "der Antisemitismus als politische Bewegung ... in der nationalsozialistischen 'Bewegung' aufgegangen" war (Nipperdey/Rürup).


    Nachdem 1933 alle politischen Gegenpositionen bis auf Reste in den Kirchen ausgeschaltet worden waren, konnte sich auf der Basis des verbreiteten latenten Antisemitismus ein "dynamischer" und nach Aktionen drängender Antisemitismus ungehindert entfalten (Kershaw). Er dominierte in der NSDAP und bildete für den Zusammenhalt der Partei und besonders der SS eine wichtige Integrationskraft. Innerhalb der Bevölkerung fand die Partei für den dynamischen Antisemitismus nur begrenzt Anklang. Deutlich wurde das anlässlich der Kristallnacht, an der die Bevölkerung nur hier und da und oft nur mit Randgruppen aktiv beteiligt war. Die Zuschauerrolle dominierte, ja, kritische Stellungnahmen gewannen an Gewicht, wie sich aus dem Ansteigen entsprechender Fälle vor dem Sondergericht München ersehen lässt. Es gelang allerdings der NSDAP, die antisemitische Haltung in der Bevölkerung fester zu verankern. Das führte dann dazu, dass die Deportation der deutschen Juden seit 1941 und die aufkommenden Gerüchte über ihre Ermordung nur sehr schwache Reaktionen hervorriefen. Latenter Antisemitismus, sicher auch eine allgemeine Einschüchterung, bewirkten bei der Dominanz eigener Sorgen im Kriegsalltag eine Indifferenz gegenüber dem Schicksal der Juden, die der NSDAP die ungehinderte Durchführung ihrer Ausrottungspolitik ermöglichte.