Appeasement

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (englisch Beschwichtigung), Bezeichnung für die britische Politik der Friedenssicherung in der Zwischenkriegszeit und des "peaceful change" am Verhandlungstisch; verkam spätestens mit dem Münchener Abkommen als Inbegriff einer kraftlosen Beschwichtigungspolitik gegenüber Diktatoren zum politischen Schlagwort. Jenseits seiner vordergründigen Identifikation mit dem britischen Premierminister Chamberlain und dessen umstrittenen Vermittlungsgängen zu Hitler in der Sudetenkrise resultierte Appeasement aus krisenhaften Zusammenhängen der britischen Innenpolitik ebenso wie aus gefährlichen Entwicklungen im internationalen Mächtesystem besonders seit der Weltwirtschaftskrise: Gleichzeitige Herausforderung der britischen Weltmachtstellung durch drei totalitäre und aggressive Großmächte (Japan in Ostasien, Italien im Mittelmeerraum, Deutschland in Europa). Beide Aspekte verbindend, war Appeasement der Versuch einer saturierten und bereits im Niedergang befindlichen Weltmacht, auf der Grundlage stark reduzierter politischer, wirtschaftlicher und militärischer Machtmittel zu überleben, eine sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert abzeichnende und durch die Weltdepression dramatisch verschärfte gesellschaftlich-ökonomische Krise im Innern, ohne die erneuten Belastungen eines internationalen Wettrüstens und eines neuen Weltkriegs zu beheben und gleichzeitig ohne Bedrohung von außen den notwendigen Modernisierungsprozess voranzutreiben.


    Hinter dem Appeasement-Konzept stand die Furcht vor den hohen Belastungen und Gefahren der Rüstungsspirale und kriegerischer Verwicklungen: Wiederanstieg der seit dem Ersten Weltkrieg noch nicht abgetragenen inneren und äußeren Staatsverschuldung (besonders gegenüber den USA), Pfundschwäche, Inflationsgefahr, Kapitalflucht, ungesunde Verzerrungen im Produktionsapparat, Verlust von Exportmärkten, Veränderungen des englischen Sozialprofils zu Lasten des konservativen Establishments, Verwundbarkeit der britischen Seeverbindungen. Appeasement war das taktische Bemühen, einen bewaffneten Konflikt in Europa so lange hinauszuschieben, bis er auch im Empire als gemeinsame Bedrohung wahrgenommen wurde. Es entsprang antikommunistischen Bedrohungsvorstellungen besonders im konservativen Lager, das im nationalsozialistischen Deutschland ein zuverlässiges "Bollwerk" gegen den Kommunismus sah, ebenso wie einem "schlechten Gewissen" angesichts der längst als problematisch erkannten Versailler Ordnung von 1919. Die britische Friedenspolitik konnte sich auf eine breite pazifistische Grundstimmung im Lande berufen. In einer illusionistischen Verkennung des nationalsozialistischen Regimes und seiner expansiven Absichten gründete sich Appeasement auf die Hoffnung, durch rechtzeitige revisionspolitische Konzessionen auch in wirtschaftlicher Hinsicht (economic appeasement) und eine gewisse Anerkennung der deutschen Hegemonie in Mittel- und Südosteuropa die "moderates" in Berlin um Göring, Schacht u. a., zu denen zeitweise auch Hitler selbst gerechnet wurde, gegen die "extremists" um Himmler, Goebbels und Ribbentrop stärken und mit ihrer Hilfe auch in Deutschland langfristig einen Friedenskurs durchsetzen zu können. Die Münchener Konferenz war schließlich in britischen Augen der letzte Versuch, die europäischen Angelegenheiten durch die "Großen Vier" Europas in gewollter Distanz zur Sowjetunion und den USA zu lösen und damit den sich seit 1918 abzeichnenden machtpolitischen Niedergang Europas aufzuhalten.

    Appeasement wurde im Winter 1938/39 unter den fortgesetzten deutschen Drohungen zu einer Doppelstrategie des "peace und rearmament" weiterentwickelt und seine Grenzen als Antwort auf den deutschen Einmarsch in Prag (15. 3. 39) demonstrativ durch die englisch-französische Garantien an Polen (31. 3. 39), Rumänien und Griechenland (13. 4. 39) markiert. Mögen sich auch Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Appeasement in Form von Friedenskontakten über den 3. 9. 39 in britischen Regierungskreisen bis zum Rücktritt Chamberlains (10. 5. 40) gehalten haben, so war ihm doch durch die Entfesselung des Kriegs von deutscher Seite in dreifacher Hinsicht endgültig der Boden entzogen: innenpolitisch als einer Politik der Nachgiebigkeit ohne deutsche Gegenleistungen, außenpolitisch als empfindliche Störung der europäischen "Balance of Power" als Grundlage auch der britischen Existenz, und dies zudem unter einem einseitigen deutschen Diktat und nicht als Ergebnis international ausgehandelter Kompromisse.