Arbeitslosigkeit

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Zustand der Beschäftigungslosigkeit von sonst unselbständiger Arbeit nachgehenden Personen. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung gab es im Deutschen Reich 6 013 612 Arbeitslose. Das entsprach einer Quote von rund 19 %. Damit hatte die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt vom Jahr 1932 (Jahresgipfel: 6,2 Millionen, Durchschnitt: 5,5 Millionen) bereits überschritten. Die wirtschaftliche Depression und die sie begleitende Massenarbeitslosigkeit waren durch die Weltwirtschaftskrise verursacht, die neben den USA v. a. Deutschland besonders hart getroffen hatte. Insbesondere kaufmännische Angestellte, ungelernte Arbeiter, Arbeiter in der Eisen- und Metallerzeugung sowie Baufacharbeiter litten unter der Krise. In den Statistiken tauchten nur die bei den Arbeits- und Wohlfahrtsämtern gemeldeten Arbeitslosen und Arbeitssuchenden auf, so dass die Zahlen in Wirklichkeit weit höher lagen. Wegen der geringen Vermittlungschancen meldeten sich im Lauf der Krise immer weniger Arbeitslose. Unter diesen "unsichtbaren" Arbeitslosen waren v. a. Frauen, Jugendliche und ältere Arbeitnehmer. Rechnet man sie hinzu, dann lag die Arbeitslosigkeit im Frühjahr 33 bei ca. 7,8 Millionen.

    Seit Gründung der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung 1927 galt in der Versorgung der Arbeitslosen das Versicherungsprinzip. Ursprünglich war der Bezug von Arbeitslosenunterstützung auf 26 Wochen begrenzt, in Zeiten mit besonders hoher Arbeitslosigkeit war eine so genannte Krisenunterstützung vorgesehen. Höchstbezugsdauer für Arbeitslosen- und Krisenunterstützung für Arbeiter unter 40 Jahren 58 Wochen, sonst 71 Wochen. Im Verlauf der Krise war eine Hilfsbedürftigkeitsprüfung eingeführt worden, die nach sechs Wochen einsetzte. Nach Ablauf dieser Fristen bezogen die Arbeitslosen die Wohlfahrtsunterstützung der Gemeinden, die den Belastungen durch die ständige Zunahme der Wohlfahrtserwerbslosen bald nicht mehr gewachsen waren. Im November 32 wurde die Aussteuerung aus der Krisenunterstützung aufgehoben. Diese Regelung wurde von den Nationalsozialisten beibehalten. Die Unterstützungssätze bei Arbeitslosigkeit waren im Lauf der Krise mehrfach gekürzt worden. Sie errechneten sich nach dem vorhergehenden Lohn, der Ortsklasse und der Zahl der unterhaltsberechtigten Angehörigen. Für einen großstädtischen ledigen Arbeitslosen betrug die wöchentliche Unterstützung 5,10 RM, der Höchstsatz in dieser Klasse lag bei 11,70 RM. Auch die Wohlfahrtsunterstützung war laufend gekürzt worden. Die Sätze, die knapp über dem Existenzminimum lagen, wurden von den Nationalsozialisten übernommen und erst 1937 und 39 geringfügig durch Erhöhung der Familienzuschläge angehoben.


    Nach der Machtübernahme sank die Arbeitslosigkeit im Reich rapide ab. Das war einmal auf die insgesamt verbesserte konjunkturelle Lage, auf die Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung und v. a. auf die anlaufende Rüstungsproduktion zurückzuführen. 1933 betrug die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 4,8 Millionen, 1934 nur noch 2,7 Millionen Dieser Rückgang konnte 1935 durch die Einführung des Reichsarbeitsdiensts und der Wehrpflicht verstärkt werden. Doch die Abnahme der Quoten war auch auf Änderungen der Berechnungsgrundlage der Statistiken zurückzuführen. Vorübergehend beschäftigte jugendliche Landhelfer, in den Arbeitsdienst eingetretene Jugendliche oder bei staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingesetzte Arbeitslose wurden z. T. nicht mehr aufgeführt, obwohl ihre Beschäftigung nur zusätzlich oder vorübergehender Art war und die Entlohnung nicht über dem Niveau der Wohlfahrtsunterstützung lag. Nach diesen Maßstäben sank die Arbeitslosigkeit bis 1937 auf einen Jahresdurchschnitt von 0,9 Millionen Der Rest der Arbeitslosen wurde seit 1936 im Zeichen des Arbeitskräftemangels "durchkämmt" und verstärkt für den Arbeitseinsatz herangezogen. Unter Neuformulierung des Begriffs "arbeitslos" wurde eine weitere Reduzierung der Zahlen erreicht. Als arbeitslos galt nur noch, wer dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stand und "politisch zuverlässig" war. Wer den Anforderungen des Arbeitseinsatzes nicht entsprach, fiel aus der Arbeitslosenunterstützung heraus.

    Die Verelendung weiter Kreise durch die Weltwirtschaftskrise in den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte viel zur Radikalisierung des politischen Spektrums beigetragen und insbesondere der NSDAP den entscheidenden Zulauf gebracht. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit trug dann entsprechend zur Stabilisierung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems bei.