Architektur (Baukunst)

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (Baukunst), von den Nationalsozialisten und v. a. von Hitler besonders geförderte Kunst, die durch Monumentalbauwerke die "Größe der Absichten" der nationalsozialistischen Bewegung vermitteln sollte. Funktionalismus und Weltoffenheit der modernen Architektur galten nationalsozialistischen Kunsttheoretikern als "Ausländerei", Flachdächer als "orientalisch", Beton, Glas und Kunststoff als "rassisch entartet" (Schultze-Naumburg). Der Einfluss nationaler oder regionaler Traditionen in der Architektur blieb nach 1933 dennoch zweitrangig, beschränkte sich (z. B. mit Fachwerk) auf Wohn- und Gemeinschaftshäuser. Vorbild für Hitler und seine Architekten (bis 1934 v. a. Troost, danach Speer) war das "Schönheitsideal der antiken Völker und Staaten", die überdimensionierte Massigkeit antiker Kultbauten. Eine klassizistisch ausgerichtete Ästhetik galt als "zeitlos", sie wurde um stilistische Anleihen beim mittelalterlichen Burgenbau ergänzt und als "germanische Tektonik" bezeichnet. In der Monumentalarchitektur des Dritten Reiches dominierten lastende, streng geometrische Formen und horizontale wie vertikale Symmetrie. In bewusstem Gegensatz zur alltäglichen, zweckbestimmten Architektur sollten politische Sakralbauten einem "Gemeinschaftsgeist" verpflichtet sein, wie man ihn in den frühen deutschen Dombauten verkörpert sah.

    Da Hitler die Architektur als Herrschaftsmittel verstand, kam es 1934-40 zu einem Bauboom von "historischer Einmaligkeit". Die Neubauten sollten als "nationale Weihestätten" besonders auf die Massen wirken, den Rahmen für Versammlungen und Aufmärsche schaffen. Sie wurden mit Säulen, Türmen und Tribünen ausgestattet, dekoriert mit Staatsinsignien, Fahnen und Farben und bei Veranstaltungen kunstvoll angestrahlt und ausgeleuchtet. Der Schwerpunkt lag zunächst auf den "Bauten der Bewegung": Beim Königsplatz in München entstanden erste Großbauten, es folgte die Ausgestaltung des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes, konzipiert als "Dokument stilbildender Art" auf 30 km Fläche. Höhepunkt waren die Planungen für die Reichshauptstadt Berlin, die zu einem repräsentativen Zentrum ausgebaut werden sollte, denn "nur das Vorhandensein eines solchen mit dem magischen Zauber eines Mekka oder Rom kann auf die Dauer der Bewegung Kraft geben" (Hitler). Entwürfe von 1937 sahen für die geplante Zehn-Millionen-Metropole u. a. eine Prachtallee als "längste Geschäftsstraße der Welt" und eine "Große Volkshalle" mit 300 m hoher Backsteinkuppel vor. Noch 1944 wurden die Pläne überarbeitet, man wollte das kriegszerstörte Berlin als "Germania" zur Hauptstadt eines von Deutschland beherrschten Europas wiederaufbauen.


    Bis in die 40er Jahre entstanden zahlreiche Großbauten ohne wirtschaftlichen und sozialen Nutzen, die durch Dimension und Ballung Staatsgewalt zum "Erlebnis" machen und Kritiker einschüchtern sollten: "Nichts ist mehr geeignet, den kleinen Nörgler zum Schweigen zu bringen, als die ewige Sprache der Kunst" (Hitler). Die klassizistische Architektur symbolisierte wie das Natursteinmaterial (besonders Granit und Kalkstein) Dauerhaftigkeit und Standfestigkeit des Systems. Langfristig geplant war eine "Vereinheitlichung" des Städtebaus durch Mittelpunkte mit politischen Kultbauten und Aufmarschplätzen. Verteilt über das Land und eroberte Gebiete sollten wie mittelalterliche Wachstationen auf Bergen und Hügeln Kasernen und Ordensburgen der SS entstehen (z. T. tatsächlich gebaut). Im Zweiten Weltkrieg zeichneten sich durch die Planung von Totenburgen und -denkmalen die Anfänge einer gigantischen Friedhofsarchitektur ab.

    Im nichtstaatlichen Bereich (beeinflusst durch das Amt "Schönheit der Arbeit" der DAF) wirkten die Grundsätze der nationalsozialistischen Architektur auch auf den Bau von Industrieanlagen: Man konstruierte Fabriken aus Natur- und Backstein, Verwaltungsgebäude erhielten Säulenhallen. Der private Wohnungsbau verlor dagegen nach 1933 stark an Bedeutung, die öffentlichen Mittel lagen weit unter dem Niveau der Weimarer Zeit, der Standard ging zurück durch billigste Bauweisen, Serienproduktion, Einsparungen bei Komfort und Ausstattung. Staatlich propagierte Klein- und Werksiedlungen sollten zudem die Arbeiter enger an die "Betriebsgemeinschaft" binden und waren daher betont schlicht gehalten.