Arisierung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nationalsozialistische Bezeichnung für die Überführung jüdischen Besitzes in "arische" (Arier) Hände zur "Entjudung der Wirtschaft". Die Juden waren durch Arierparagraph und Nürnberger Gesetze aus dem öffentlichen Leben schon bald weitgehend ausgestoßen, im wirtschaftlichen Bereich waren ihnen aber Reservate geblieben, die durch die Arisierung beseitigt werden sollten: Am 26. 4. 38 wurde die Anmeldepflicht für jüdische Vermögenswerte über 5 000 Mark verfügt und der Zugang der Juden zu ihren Bankkonten eingeschränkt, am 14. 6. 38 ordnete das Innenministerium die Registrierung aller jüdischen Unternehmen an. Der Staat setzte den Verkaufswert der jüdischen Betriebe auf einen Bruchteil des Verkehrswertes fest und sorgte mit abgestuften Druckmitteln für die Veräußerung nur an erwünschte Personen. Zu den großen "Arisierungsgewinnlern" gehörten der I. G. Farben-Konzern, die Flick-Gruppe, Großbanken u. a. Der Erlös aus "arisierten" Unternehmen musste auf Sperrkonten eingezahlt werden und war nur in beschränkter Höhe für die jüdischen Inhaber verfügbar, so dass die Arisierung letztlich einer fast entschädigungslosen Enteignung gleichkam.


    Nach der Kristallnacht vom 9./10. 11. 38 wurde der Arisierungsdruck drastisch verschärft. Schon am 12. 11. 38 erging ein generelles Verbot für Juden, als Geschäftsführer zu fungieren, was jüdische Firmeninhaber zur Hineinnahme "arischer" Unternehmensleiter zwang. Diese oft von der Partei lancierten Personen übernahmen erst die Macht, bald darauf meist auch das ganze Geschäft. "Gefälligkeitsarier" wurden nach der "Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe" (22. 4. 38) mit Strafe bedroht. Da den deutschen Juden als "Buße" für die von der SA und dem antisemitischen Mob verursachten Schäden der Kristallnacht hohe Zahlungen aufgebürdet wurden, war der Ausverkauf jüdischen Besitzes nur eine Frage der Zeit. Am 3. 12. 38 wurde der Wert jüdischen Grundbesitzes auf niedrigstem Niveau eingefroren, Wertsachen und Juwelen durften nur noch an staatliche Stellen verkauft werden. Die durch die Arisierung erzeugte Verarmung der jüdischen Bevölkerung stand oft ihrem Ziel, nämlich die Juden zur Auswanderung zu schikanieren, im Weg, weil den Betroffenen nun dazu die Mittel fehlten. Sie wurden Opfer der Endlösung. In der Arisierung trafen sich rassistische Motive der Nationalsozialisten mit traditionellen antisemitischen Neidaffekten des Mittelstands und Expansionsbestrebungen der Großindustrie. In der Angst, bei der Verteilung der Beute zu spät zu kommen, entstand eine verhängnisvolle Koalition der Habgier, so dass sich wenig Widerstand gegen die Arisierung regte. Für die materiellen Schäden leistete die Bundesrepublik nach dem Krieg Wiedergutmachung.