Außenpolitik

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Die Deutung der nationalsozialistischen Außenpolitik führt in die kontrovers diskutierte Frage nach dem Charakter des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und der Rolle Hitlers in ihm. War es eine spezifisch nationalsozialistische, faschistische oder eher traditionell preußisch-deutsche oder war es Hitlers Außenpolitik? Die Frage nach der Ortsbestimmung des Dritten Reiches und seiner Außenpolitik in der Geschichte der preußisch-deutschen Großmacht seit 1871 und nach Bruch oder Kontinuität 1933 verbindet sich mit der nicht minder umstrittenen nach der programmatischen Kohärenz und den langfristigen Zielen dieser Außenpolitik, nach ihrer politisch-gesellschaftlichen Funktion, ihren Trägern und Institutionen sowie nach möglichen Alternativen.


    Unvermittelt stehen sich bis heute zwei Interpretationen gegenüber: Die eine orientiert sich primär an Hitler und seiner "omnipotenten Schlüsselstellung" (K. D. Bracher), seinen Absichten und seinem dogmatischen, von der ersten Niederschrift in "Mein Kampf" (1925/27) und im so genannten "Zweiten Buch" (1928) bis 1945 als handlungsleitend und verbindlich festgehaltenen "Programm", das aus dieser Sicht in seiner konkreten geschichtlich Umsetzung als "Stufenplan" erscheint. Er war in seiner ersten – kontinentalen und bis 1942 verwirklichten – und seiner zweiten – überseeischen und für die folgenden Jahre geplanten – Phase noch eher traditionell-imperialistisch und machtpolitisch geprägt: Ausbau eines blockadefesten und autarken Großraums unter deutscher Hegemonie vom Atlantik bis zum Ural und von dieser Plattform aus dann Übergang zur Weltmacht durch Errichtung eines mittelafrikanischen Kolonialreichs und weiterer atlantisch-überseeischer Stützpunkte. Die dritte Phase eines Kampfs mit den USA um die Weltvorherrschaft verliert sich dann in globale Utopien. Diese Weltmachtpolitik Wilhelminischen Zuschnitts ist aber von Anfang an durch die Verknüpfung von Raumdenken, Rassendogma und Endlösung als Kernelementen des Nationalsozialismus mit ausgesprochen neuartigen und revolutionären Zügen ohne Vorbild durchsetzt: Außenpolitik auf rassebiologischer und sozialdarwinistischer Grundlage als "ewiger und gnadenloser Kampf ums Dasein" und als Mittel, um dem "rassisch höherwertigen nordischen Volk" seinen "Lebensraum" zu sichern und um große Teile der Erde einer mit dieser Höherwertigkeit begründeten und überdies "judenfrei" gestalteten "Pax Germanica" zu unterwerfen.


    Die andere Position erkennt zwar auch den revolutionär-ideologischen Dreiklang von "Lebensraum", Rassenutopie und Antibolschewismus als eigentliches Wesenselement und Triebkraft der nationalsozialistischen Außenpolitik an. Sie leitet diese aber nicht primär aus den Intentionen oder einem kontinuierlich festgehaltenen "Programm" Hitlers ab, sondern sieht in der Außenpolitik "eine nach außen projizierte Innenpolitik" (H. Mommsen) mit dem Ziel, die innenpolitische Herrschaft und das politische Machtmonopol des Regimes zu stabilisieren, die Loyalität der Massen zu erhalten und die "antagonistischen Kräfte der entfesselten Gesellschaft des Dritten Reiches" zu integrieren und abzulenken (M. Broszat). Aus dem "Programm" wird hier eine "objektlose Expansion"; Hitler erscheint vor dem Hintergrund eines anarchischen Kompetenzchaos als der "entscheidungsunwillige, häufig unsichere, ausschließlich auf Wahrung seines Prestiges und seiner persönlichen Autorität bedachte, aufs stärkste von der jeweiligen Umgebung beeinflusste, in mancher Hinsicht schwache Diktator" (H. Mommsen); seine so genannten "Programm"-Schriften und programmatischen Äußerungen auch im Bereich der Außenpolitik werden wesentlich auf die Funktion des persönlichen Machterhalts und der propagandistischen Massenmobilisierung für das Regime reduziert.


    Eine Vermittlung der Positionen erscheint möglich und sinnvoll, wenn wir mit K. D. Bracher auf die Ambivalenz des nationalsozialistischen Herrschaftssystems allgemein und seiner Außenpolitik im Besonderen verweisen: Analog zum Doppelstaat im Innern entfaltete sich nach außen ein "doppelter Wesenszug im Charakter der NS-Außenpolitik" (H.-A. Jacobsen) durch das Nebeneinander traditioneller und revolutionärer Zielsetzungen und Instrumentarien. Die nationalsozialistische Außenpolitik empfing gerade durch "ihre oft widersprüchliche Mischung von dogmatischer Starrheit im Grundsätzlichen und äußerster Flexibilität im Konkreten" ihre "besondere Dynamik und Aggressivität" (W. Schieder). In einer typischen Durchdringung von Machtpolitik, Ökonomie und Ideologie stellten Raumorientierung und ihre rassistische Rechtfertigung ein durchgehend axiomatisches und verbindliches Langzeitprogramm außenpolitischen Handelns dar, das mit einiger Konsequenz in den von vornherein als rassischen Vernichtungskrieg im Zusammenhang mit dem "Holocaust" geplanten Russlandfeldzug (Kommissarbefehl) einmündete. Dabei sollten wir uns freilich nicht darauf versteifen, mit dem Begriff "Stufenplan" außenpolitische Vorgänge nachträglich zu einem präzise entworfenen "Fahrplan einer Welteroberung" im Kopfe Hitlers zu rationalisieren. Außenpolitik war stets, vermittelt über Propaganda und eine jugendlich-dynamische Selbststilisierung des Regimes, auch als eine Art "Integrationsklammer" ein unverzichtbares Mittel der Innenpolitik, um vor allem dann nach Kriegsausbruch und unter dem Eindruck einer Radikalisierung und Brutalisierung der Kriegführung die vielfach ernüchterte und mutlose Bevölkerung wieder an das Regime zu fesseln, ihm eine plebiszitäre Scheinlegitimation in den Massen zu schaffen und Terror und Entrechtung vergessen zu machen.


    Übereinstimmung herrscht unter den Vertretern beider Positionen, dass gerade die Außenpolitik wohl mehr noch als die Innenpolitik die persönliche Handschrift Hitlers getragen und er diese als seine ureigene Domäne betrachtet hat. Auch in der unpersönlichen Sehweise der "Funktionalisten" bleibt ein beträchtlicher "Rest Hitler" noch zu erklären. Die Annahme zwar nicht eines minutiös programmierten "Stufenplans", aber doch einer stark ideologisierten, konstanten Grundlinie außenpolitischen Planens und Handelns verbietet es, von einer friedlich-revisionistischen Außenpolitik bis 1938 und einer danach ganz anders gearteten kriegerisch-expansionistischen außenpolitischen Linie zu sprechen. Vielmehr fügen sich die einzelnen außenpolitischen Schritte vor und nach 1938 doch unter der gemeinsamen Zielperspektive zu einer Einheit. Dazu gehörten zunächst die Wiederaufrüstung und die Mobilisierung des Wehrwillens im Volk unter Abschirmung dieser inneren Vorgänge nach außen (Völkerbundaustritt, Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht), die Überwindung der außenpolitischen Isolierung (Konkordat, Nichtangriffspakt mit Polen, Deutsch-Britisches Flottenabkommen, Juliabkommen mit Österreich, Achse Berlin-Rom, Antikominternpakt, Stahlpakt, Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffsvertrag), der schrittweise Ausbau eines "Großwirtschaftsraums Südosteuropa" (Neuer Plan), der Übergang zur Wehrwirtschaft und zur forcierten wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung im Zeichen der Autarkie, der Aufbau einer großdeutschen Hegemonie und die Verbreiterung der Wirtschaftsbasis in Mitteleuropa (Rheinlandbesetzung, Anschluss, Münchener Abkommen u. a.) im Windschatten dreier weltpolitischer Krisen (Überfall Italiens auf Abessinien, Spanischer Bürgerkrieg, japanischer Vorstoß nach China 1937) und schließlich die nationalsozialistische Gleichschaltung der zuständigen Führungsstellen (Rücktritt Schachts als Reichswirtschaftsminister November 37, Ersetzung von Außenminister Neurath durch Ribbentrop sowie Fritsch-Krise im Februar 38).


    Selbst der scheinbar so allmächtige "Führer" konnte nicht vergessen machen, dass jede nationale Außenpolitik nicht nur inneren Zwängen und Kräftekonstellationen unterliegt, sondern vor allem auch durch die Strukturen und Konfigurationen des internationalen Mächtesystems determiniert ist. Unverkennbar hatten die aggressiven Bekundungen des neuen Regimes hier seit 1933 Gegenkräfte und Frontenbildungen provoziert, die den autonomen Handlungsspielraum bei der Durchsetzung der deutschen Herrschafts- und Raumziele empfindlich einengten und Sachzwänge in der internationalen Szenerie schufen, denen sich Hitler unter zeitweiliger Abkehr von seinem ursprünglichen "Programm" anpassen musste. Dadurch, dass er sich zusätzlich unter einen immer schärferen Zeitdruck zur Verwirklichung seiner außenpolitischen Ziele setzte, schränkte er den eigenen Spielraum weiter ein. Eine ähnliche Konsequenz hatte die immer offenkundigere Überstrapazierung der deutschen Wirtschaftsreserven – Rohstoff-, Devisen-, Arbeitskräftemangel – schon vor Kriegsausbruch im Dienst der Aufrüstung, die die Schere zwischen räumlich weit überspannten Hegemonialzielen und wirtschaftlichen Mitteln zu ihrer – auch kriegerischen – Verwirklichung schließlich dramatisch öffnete. Als "Flucht nach vorn" und Ausweg boten sich damit am Ende 1939 nur noch "blitzartige" Raubzüge zur Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis an, wollte man nicht in der Außenpolitik eine Wende um 180 Grad einleiten. Mit ihr hätte das nationalsozialistische Regime freilich seine kriegerisch-expansionistische Identität preisgegeben. Es kam also 1939 nur noch darauf an, das relativ schmale "strategische Fenster" zwischen fortgeschrittener deutscher und noch ungenügender westlicher Rüstung auszunutzen und eine internationale Konstellation herbeizuzwingen, die den seit 1914 gefürchteten Zweifronten- und Abnutzungskrieg gar nicht erst eintreten ließ.


    In einer wohl einmaligen "Kontinuität des Irrtums" glaubten in der Vorgeschichte zweier Weltkriege, die als deutsche Hegemonialkämpfe zweifellos "untereinander als zwei Akte desselben Dramas" (Dehio) zusammenhingen, sowohl die "Wilhelminischen Imperialisten" vor 1914 als auch die Nationalsozialisten 1939, fest auf die englische Neutralität oder gar auf das wohlwollende Gewährenlassen bei der Durchsetzung der deutschen Kontinentalhegemonie bauen zu können. Beide Male entzogen sich die Briten mit letztlich kriegsentscheidenden Konsequenzen dem fortgesetzten deutschen Werben um "freie Hand in Europa und im Osten". So waren nicht ohne Zutun Berlins bereits vor dem ersten Schuss entscheidende Stücke aus dem projektierten "Stufenplan" der nationalsozialistischen Außenpolitik herausgebrochen und war Hitler selbst zur Unzeit und gegen seinen Willen in den gefürchteten Zweifrontenkrieg mit "verkehrter" Frontbildung verstrickt. Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. 8. 39 war zweifellos nur ein zeitweiliges Aushilfsmittel, keinesfalls jedoch Ausdruck einer grundsätzlichen Abkehr von der längst anvisierten kriegerischen Lösung der "Lebensraum"-Frage im Osten.


    Wieweit war die nationalsozialistische Außenpolitik, von kurzfristigen taktischen Wendungen abgesehen, überhaupt in ihren Grundlinien einer "dogmatisch gestörten Machtpolitik" (Hildebrand) für alternative Optionen offen, und, wenn ja, in welcher Richtung, bei welchen Institutionen und Trägergruppen haben sich solche programmatischen Alternativen gegebenenfalls abgezeichnet? Das von D. Schoenbaum als Wesensmerkmal des nationalsozialistischen Herrschaftssystems herausgearbeitete gelenkte Chaos der Kompetenzen, der "institutionelle Darwinismus", machte auch vor der Außenpolitik nicht Halt. Während Hitler sich die Festlegung der großen außenpolitischen Linien von Anfang an persönlich vorbehielt, wurden dem traditionellen Auswärtigen Amt sowie den anderen mit auswärtigen Beziehungen befassten staatlicher Behörden "eine Reihe neuer nichtstaatlicher Dienststellen der Partei und der Wirtschaft" (H.-A. Jacobsen) vielfach als Instrumente einer "revolutionären" und ideologisierten Außenpolitik konkurrierend neben- und vorgeordnet, ohne dass es hier freilich zu klaren Kompetenzabgrenzungen kam: Außenpolitisches Amt der NSDAP unter Rosenberg, Auslandsorganisation der NSDAP unter Bohle, Volksdeutsche Mittelstelle unter Himmlers Vertrauensmann Lorenz (seit 1938) sowie Dienststelle Ribbentrop, die von 1938 an zunehmend an Einfluss verlor. Mit Außenpolitik im doppelten und sehr extensiven Sinn einmal der Durchsetzung der nationalen machtpolitischen Interessen Deutschlands gegenüber anderen Staaten und zum anderen dann vor allem zur Verwirklichung der revolutionären nationalsozialistischen Ziele u. a. auch in den eroberten Gebieten waren besonders im Krieg zusätzlich das Propagandaministerium, die verschiedenen Dienststellen der SS, die Generalgouverneure und Reichskommissare, das – freilich recht machtlose – Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete unter Rosenberg und das Amt für den Vierjahresplan unter Göring befasst. Im Zug einer zunehmenden "Fragmentierung" und Auflösung staatlicher Institutionen und Zuständigkeiten übertrug Hitler auch führenden Vertretern von Staat und Partei Sondermissionen im Ausland.


    Als Reflex dieser Vielzahl konkurrierender Institutionen, Machtzentren und Partei-"Satrapien" machte sich auch immer wieder so etwas wie ein "konzeptioneller Pluralismus" geltend. Als Einstieg für die Frage nach der grundsätzlichen Offenheit außenpolitischer Entscheidungssituationen auch für alternative Ziele wird häufig der Zeitraum zwischen der Kapitulation Frankreichs (22. 6. 40) und dem endgültigen Befehl für "Barbarossa" (6. 12. 40) genauer analysiert. Während Hitler spätestens seit Ende Juli zielbewusst und im Grunde alternativlos seinen "eigentlichen Krieg" (Messerschmidt), d. h. den Eroberungs-, Plünderungs- und rassischen Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion – in zeitlicher und kausaler Verknüpfung mit der Endlösung –, ansteuerte, wurden in seiner Umgebung ein letztes Mal wie in den 30er Jahren machtpolitische Alternativoptionen ventiliert, die auf den Wilhelminischen Imperialismus und die Kriegsziele vor und im Ersten Weltkrieg zurückverwiesen. Sie hatten ihre Repräsentanten unter den "Traditionalisten" in Diplomatie, Bürokratie und Wirtschaft, in der Seekriegsleitung und in der alten Koloniallobby und zählten sogar Ribbentrop zu ihren Fürsprechern. Gemeinsam war diesen sehr heterogenen Konzeptionen die Frontstellung gegen England, die Ablehnung des Ostkriegs, eine Bereitschaft zur Kooperation mit der Sowjetunion im Rahmen eines euro-asiatischen Kontinentalblocks "von Madrid bis Yokohama" mit antibritischer Spitze sowie das überkommene Interesse am Aufbau eines mittelafrikanischen Kolonialreichs und eines ozeanisch-überseeischen Stützpunktsystems gegen England und die USA. Dass sich am Ende keines dieser außenpolitischen Modelle gegen das "Programm" Hitlers hat durchsetzen können, lag einmal an einem sehr weitgehenden und relativ lange anhaltenden Konsens zwischen Hitler und den "konservativen Eliten", der sich auf "Teilidentität der Ziele" (Messerschmidt) – Revision von Versailles, Wiederherstellung eines deutschen Großmachtstatus in Europa, Weltmachtpolitik, Antibolschewismus – gründete; dann an der Aura des unbestrittenen Erfolgs und einer gewissen charismatischen Ausstrahlung, die den "Führer" nach dem schnellen Sieg über Frankreich und den Anfangserfolgen in Russland bis 1942 umgab; danach waren es 1943-45 die gemeinsame Verstrickung in die Verbrechen des nationalsozialistischen Unrechtsstaats, die zunehmende Belagerungsmentalität in der "Festung Europa", der bis zuletzt unerschütterte "Führermythos", die alliierte Forderung nach "bedingungsloser Übergabe" und der Antibolschewismus, aber auch Terror und Einschüchterung, die wie immer fester angezogene Klammern die auseinander strebenden Kräfte zusammen und an "ihren Führer" ketteten.


    Marxistische Versuche, Hitler einfach zum "Agenten" und "Handlanger des Finanzkapitals" zu erklären, verkennen völlig den hohen Grad von Autonomie gerade bei den außenpolitischen Entscheidungen und ignorieren das Fehlen von Quellenzeugnissen, die darauf hindeuten könnten, dass ein grundlegender außenpolitischer Schritt auf Druck des "Monopolkapitals" eingeleitet worden ist (was nicht die weitreichende Kongruenz zwischen Wirtschaftszielen und nationalsozialistischem Expansionismus in Abrede stellt!). Ebenso wenig lässt sich das Ineinandergreifen von Außenpolitik und Rassenutopie, von Imperialismus und "Holocaust", die eigentlich revolutionären Komponenten der nationalsozialistischen Außenpolitik, überzeugend als zwangsläufig und funktional im Sinne kapitalistischer Rationalität und Profitmaximierung erklären.


    Mit dem Angriff auf die Sowjetunion dürfte die nationalsozialistische Außenpolitik endgültig in eine längst potentiell angelegte Sackgasse "selbstinduzierter Sachzwänge" (W. J. Mommsen) und in den dynamischen Sog einer sich ebenfalls seit langem abzeichnenden natürlichen Selbstzerstörung geraten sein. Das irrationale rassenpolitische Dogma triumphierte im besetzten und ausgeplünderten Russland und schließlich in Auschwitz über das machtpolitische Kalkül. Eine Außenpolitik überkommenen Zuschnitts wird sich stets auch in ihren grundlegenden Zielen als "Kunst des Möglichen" (Bismarck) mehrere Optionen offen halten und den Weg in die Unumkehrbarkeit tunlichst vermeiden. Anders die nationalsozialistische Außenpolitik: Hitlers in "Mein Kampf" niedergeschriebene Maxime "Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein" war weder eine "ideologische Metapher" (Broszat) noch eine unverbindliche propagandistische Floskel; vielmehr drückt sich in ihr jener unverwechselbare und auch gegenüber dem italienischen Faschismus singuläre Stil nationalsozialistischer Außenpolitik aus, der immer mehr zur extremen Alternative des "Alles oder Nichts" gerann und damit Kompromisse, Sonderfriedensschlüsse oder abweichende Optionen ausschloss. Hier führte sich Außenpolitik schließlich selbst ad absurdum und, wäre es nach Hitlers Absichten gegangen, in totale Zerstörung und in den kollektiven Selbstmord des deutschen Volks (Nero-Befehl). Gerettet vor der völligen Selbstvernichtung wurde Deutschland nicht zuletzt auch von willfährigen Technokraten des Regimes, die sich sehr spät zwar, aber doch noch nicht zu spät auf die Ratio einer vernünftigen Politik besannen, die Überlebenschancen eines Volks auch in der militärischen Niederlage zu sichern.