Aufrüstung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    allgemein Verstärkung des militärischen Potentials eines Staats zwecks Steigerung der Verteidigungsbereitschaft und/oder der Offensivkraft. Da die nach dem Ersten Weltkrieg propagierte Abrüstung nur die Verliererstaaten, insbesondere das Deutsche Reich, traf, setzten schon in der Weimarer Republik Aufrüstungsbemühungen ein, u. a. durch Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee sowie verdeckte Luftrüstung. Erklärtes Ziel Hitlers war eine Aufrüstung als Wiedergewinnung der "Wehrhoheit" und der militärischen Gleichberechtigung Deutschlands, Forderungen, die auch im Ausland, insbesondere in Großbritannien, auf Verständnis stießen, hinter denen sich aber auch das aggressiv-expansive Lebensraum-Konzept des Nationalsozialismus verbarg.

    Schon am 3. 2. 33 erläuterte Hitler vor der Reichswehrführung sein Aufrüstungsprogramm, zögerte aber noch mit einer wesentlichen Steigerung der Rüstungsaufwendungen. Erst 1934 stiegen sie drastisch um das Fünffache, verdoppelten sich noch einmal bis 1936, erreichten aber bis 1937 nicht mehr als 5 % des Gesamtvolumens der deutschen Wirtschaftsleistung:

    1933: 0,746 Milliarden RM; *1934: 4,197 Milliarden RM;*1935: 5,87 Milliarden RM;* 1936: 10,273 Milliarden RM; *1937: 10,961 Milliarden RM;* 1938: 17,247 Milliarden RM;*1939: 11,906 Milliarden RM (1. 4.-31. 8.) Hinzu kamen indirekte Aufrüstungsausgaben wie für den Bau der Autobahn, die paramilitärische Ausbildung in HJ, SA, RAD u. a. Dennoch war Hitlers Behauptung vom 1. 9. 39, er habe bereits "über 90 Milliarden für den Ausbau unserer Wehrmacht aufgewendet", zur propagandistischen Abschreckung übertrieben. Die deutsche Rüstung erreichte bis zum Krieg keine Tiefe und kam auch danach erst zögernd in Gang: z. B. wurden vom 1. 9.-31. 12. 39 mit 247 Panzern nur 30 mehr produziert, als im Polenfeldzug verloren gegangen waren.


    Erster öffentlich sichtbarer Markstein der deutschen Aufrüstung war die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. 3. 35. Die in § 2 des Gesetzes genannte Heeresstärke von 36 Divisionen wurde erst 1936 erreicht. 1939 umfasste das deutsche Friedensheer 52 Divisionen, darunter fünf Panzerdivisionen, bei der Mobilmachung im August 39 wurden weitere 52 Divisionen gebildet. Die Seerüstung steigerte sich erst deutlich nach dem Deutsch-Britischen Flottenabkommen vom 18. 6. 35, wurde aber durch Auslastung der deutschen Werften mit devisenbringenden Auslandsaufträgen gehemmt, so dass bis Kriegsbeginn nur 57 U-Boote zur Verfügung standen und das vorgesehene Stärkeverhältnis von 35:100 von deutscher zu britischer Flotte nicht erreicht wurde. Nur in der Luftrüstung gewann Deutschland einen v. a. waffentechnischen Vorsprung. Im Ausland entstanden jedoch durch geschickte Propaganda weit übertriebene Vorstellungen von Stärke und Einsatzmöglichkeiten der Luftwaffe, die unter Typenwirrwarr und hohen Unfallraten im Ausbildungsbetrieb litt.


    Insgesamt hatte die deutsche Aufrüstung bis 1939 keinen Standard erreicht, der für die weitgesteckten Ziele des nationalsozialistischen Imperialismus ausgereicht hätte. Als Hitler dennoch das durch die Aufrüstung und seine Außenpolitik geöffnete schmale "strategische Fenster" zu nutzen beschloss, stand dahinter die politisch falsche Kalkulation mit der angeblichen Handlungsunfähigkeit der "verweichlichten Demokratien" und eine Überschätzung des deutschen Aufrüstungstands und der deutschen Ressourcen überhaupt.