Auschwitz

    Aus Lexikon Drittes Reich

    größtes nationalsozialistisches KZ und Vernichtungslager. Auschwitz hatte eine Doppelfunktion: Zum einen waren die Häftlinge zur Zwangsarbeit verpflichtet, zum anderen diente Auschwitz als Vernichtungslager im Rahmen der Endlösung der Judenfrage. Es war in drei große Lagerbereiche eingeteilt: Auschwitz I (Stammlager), Auschwitz II (Birkenau), Auschwitz III (Monowitz). Das Lagergelände befand sich im oberschlesischen Industriegebiet in der Nähe der Stadt Auschwitz (polnisch Oswiecim) an der Bahnstrecke Ostrau-Krakau (Kattowitz).


    Auschwitz I, das Stammlager, wurde im Mai/Juli 40 in einer ehemaligen österreichischen Artillerie-Kaserne errichtet und war zu Anfang meist mit polnischen Häftlingen belegt (Angehörige des Widerstands und der polnischen Intelligenz). Bis 1943 wuchs der Häftlingsbestand des Stammlagers auf etwa 30 000 Personen an. Das Stammlager bestand aus dem Schutzhaftlager, in dem die Häftlinge untergebracht waren, und den außerhalb des Lagers befindlichen Gebäuden, die zum Kommandanturbereich gehörten. Das Schutzhaftlager war mit einem 4 m hohen Stacheldrahtzaun umgeben, der nachts mit Starkstrom geladen war; am Zaun entlang standen Wachttürme. Über dem Eingangstor zum Schutzhaftlager war die Überschrift "Arbeit macht frei" angebracht.


    Auschwitz II, das Lager Birkenau, wurde Ende 41/Anfang 42 etwa 3 km entfernt vom Stammlager errichtet und bis Kriegsende ständig weiter ausgebaut. Das gesamte Lager erstreckte sich schließlich über ein Areal von etwa 175 Hektar mit über 250 Steingebäuden und Holzbaracken und mehreren durch Drahtzäune voneinander getrennten Teillagern. Männer und Frauen waren getrennt untergebracht. Arbeitsfähige Neuankömmlinge kamen zunächst ins Quarantänelager, von wo aus sie auf andere Lagerabschnitte verteilt wurden. Im September 43, als tschechische Juden familienweise aus Theresienstadt nach Auschwitz verbracht wurden, wurde das so genannte tschechische Familienlager, auch Theresienstädter Lager genannt, eingerichtet. Die arbeitsfähigen Juden dieses Lagers wurden anschließend in andere Lager verschickt, die übrigen wurden im März und Juli 44 im Lager vergast. Ein weiteres Teillager war das so genannte Zigeunerlager. An der Westseite des Geländes befand sich das "Effektenlager", in der Lagersprache "Lager Kanada" genannt, in dem die den Juden abgenommenen Gepäckstücke, Kleidung, Schmuck, Uhren usw. gelagert und sortiert wurden. Birkenau war mit einem hohen doppelten Stacheldrahtzaun umgeben, nachts ebenfalls elektrisch geladen. Auch die Stacheldrahtzäune der einzelnen Lagerabschnitte wurden nachts unter Strom gesetzt. In dem gesamten Lager waren rund 150 000 Häftlinge untergebracht.


    Auschwitz III, Monowitz, wurde bereits 1941 für die I. G. Farbenindustrie errichtet, die auf dem Gelände eine Produktionsstätte (Buna-Werk) aufbaute. Das Lager wurde daher auch zunächst "Lager Buna" genannt. Monowitz war das größte der im oberschlesischen Industriegebiet errichteten Außenlager, deren Zahl zuletzt auf etwa 40 Nebenlager anwuchs. Die Lager Birkenau und Monowitz wurden im November 1943 organisatorisch verselbständigt (eigene Lagerkommandanten). Die politische Abteilung, der Standortarzt und die Fernschreibstelle verblieben jedoch im Stammlager. Im übrigen war die Verwaltung der Lager wie in Dachau geregelt.


    Die Lebensverhältnisse der Häftlinge in Auschwitz waren denkbar schlecht. Die Häftlinge schliefen in den ungeheizten Steingebäuden oder Baracken auf dreistöckigen, nur mit Stroh oder Holzwolle belegten Holzpritschen, zu dritt oder manchmal zu viert in einer Schlafbox, meist ohne Bettlaken mit einer einzigen Decke zum Zudecken. In der Holzwolle und im Stroh wimmelte es von Ungeziefer. Die sanitären und hygienischen Verhältnisse waren völlig unzureichend. Es gab – zumal angesichts der vielen Durchfall-Kranken – viel zu wenige Latrinen und in Birkenau waren alle Brunnen von Koli-Bakterien verseucht. Nachts durften die Häftlinge die Baracken nicht verlassen (Notdurft-Kübel). Seife hatten nur Vorzugs- bzw. Funktionshäftlinge. Die Häftlingskleidung bestand meist aus gestreiften Anzügen, Unterwäsche, Mütze und Holzschuhen. Die Verpflegung war ungenügend, die Häftlinge magerten nach kurzer Zeit im Lager völlig ab ("Muselmänner"). In manchen Arbeitskommandos bekamen die Häftlinge allerdings verbesserte Verpflegung (z. B. in dem SS-eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Versuchsanstalt). Außer für die I. G. Farben arbeiteten die Häftlinge in SS-eigenen Produktionsstätten (Deutsche Ausrüstungswerke, Deutsche Erd- und Steinwerke u. a.) und für andere Industriebetriebe im oberschlesischen Raum. Unterernährung, Erschöpfung, Krankheiten und Seuchen (Typhus, Ruhr, Cholera) führten zu Massensterben der Häftlinge. Misshandlungen und willkürliche Tötungen trugen weiter zur Erhöhung der Sterbeziffer bei.

    Die Disziplin der SS-Angehörigen in Auschwitz war schlecht. Trotz Androhung schwerster Strafen gab es kaum SS-Männer, die sich nicht an dem den Juden abgenommenen Häftlingsgut bereicherten. Vom Effektenlager "Kanada" aus trieben SS-Angehörige und Funktionshäftlinge einen schwunghaften Handel mit Häftlingsgut. Korruption und Bestechlichkeit waren an der Tagesordnung. Verfahren vor SS-Gerichten gegen zahlreiche auch höhere SS-Ränge änderten nichts Wesentliches an diesem Zustand.

    Anfang September 41 begannen die ersten Tötungen von Häftlingen im Lager mittels Zyklon B, dem der Lagerkommandant Höß den Vorzug gegenüber dem an anderen Orten benutzten Karbonmonoxyd (CO) gab, weil es nach seiner Ansicht schneller und sicherer tötete. Die Vergasungen wurden in den Arrestzellen des Blockes 11 des Stammlagers ("Bunker") durchgeführt. Da sie in den engen Zellen aber zu umständlich waren, wurde bald darauf eine Gaskammer im Krematorium des Stammlagers ("altes" oder "kleines Krematorium") eingerichtet. Zunächst wurde dort ein Transport von 900 russischen Gefangenen vergast. Ab Oktober 41 wurden auch kleine Gruppen von Juden in dieser Gaskammer getötet. Die Opfer mussten sich wegen angeblich bevorstehender Entlausung entkleiden. Die Gaskammer im alten Krematorium blieb bis zum Oktober 42 in Betrieb.

    Im Januar 42 wurde dann der Umbau eines Bauernhauses ("Bunker I") in Auschwitz II zur Gaskammer abgeschlossen. Hier wurden zunächst Juden aus Oberschlesien getötet, die in so genannten RSHA-Transporten im Lager ankamen. Es folgten Transportzüge aus dem Generalgouvernement (GG), dem Reich, dem Protektorat Böhmen und Mähren und schließlich aus allen von Deutschland besetzten und von Deutschland beeinflussten europäischen Ländern. Die Angehörigen der ersten RSHA-Transporte wurden auf Befehl Himmlers ausnahmslos in Auschwitz getötet. Sehr bald jedoch erging ein weiterer Befehl, wonach die Juden bei ihrer Ankunft selektiert, d. h. die arbeitsfähigen Menschen (im Durchschnitt 10 bis 15 % eines Transportes) zur Zwangsarbeit ausgesondert wurden. Gelegentlich wurden auch später noch ganze Transporte sofort getötet, ohne dass vorher eine Selektion stattfand. Wegen der sich ständig vergrößernden Transporte wurde dann ein weiteres Bauernhaus in Birkenau ("Bunker II") im Juni 42 als Gaskammer umgebaut. Später wurden zur Erhöhung der Tötungskapazität in Auschwitz II zwei weitere große und zwei etwas kleinere Krematorien mit dazugehörigen Gaskammern gebaut. Die größeren Krematorien (Krematorium I und Krematorium II) gingen im Frühjahr 43 in Betrieb, die beiden kleineren (Krematorium III und Krematorium IV) gleichfalls noch 1943. Der Bunker I wurde abgerissen, der Bunker II (nun als Bunker V bezeichnet) noch aushilfsweise zur Tötung benutzt. Außer den arbeitsunfähigen Männern, Frauen und Kindern der ankommenden Transporte wurden im Stammlager und in den Nebenlagern von Zeit zu Zeit kranke und nicht arbeitsfähige Häftlinge ausgesondert und in den Gaskammern oder im Krankenrevier durch Phenolinjektionen getötet.


    Seit Ende Oktober/Anfang November 44 wurden die Vergasungsanlagen im Lager auf Befehl Himmlers zerstört (die letzte im Januar 45 kurz vor dem Einmarsch sowjetischer Truppen). Die Gesamtzahl der in Auschwitz getöteten Juden ist nicht genau bekannt, zumal die zur Tötung bestimmten Häftlinge keine Registriernummer erhielten. Die Zahl liegt nach Schätzungen von Sachverständigen zwischen einer und 1,5 Millionen Lagerkommandant Höß hat die Zahl der vergasten Häftlinge zunächst mit 2,5 Millionen und der durch Krankheit verstorbenen mit einer halben Million, später die Gesamtzahl der verstorbenen Häftlinge mit 1,3 Millionen angegeben.


    Wie in anderen großen KZ gab es auch in Auschwitz zahlreiche medizinische Versuche mit Häftlingen. Am bekanntesten sind die von SS-Arzt Mengele an Sinti und Roma sowie Zwillingen durchgeführten medizinischen Experimente und die von SS-Arzt Clauberg an weiblichen Häftlingen vorgenommenen Sterilisationsversuche.

    Kommandanten des KZ Auschwitz waren: R. Höß (1947 in Auschwitz hingerichtet); A. Liebehenschel (1948 in Krakau hingerichtet); J. Kramer (1947 in Hameln hingerichtet); H. Schwarz (1947 in Sandweier hingerichtet); F. Hartjenstein (zum Tod verurteilt, 1954 in französischer Haft gestorben); R. Baer (1963 in Untersuchungshaft verstorben).