Auschwitz-Prozesse

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Verfahren gegen ehemalige Angehörige der Kommandantur und der Wachmannschaft des KZ Auschwitz wegen Verbrechen zum Nachteil von Häftlingen des Lagers. Die meisten Auschwitz-Prozesse wurden in Polen geführt. Mindestens 600 Personen hatten sich vor polnischen Gerichten zu verantworten. Überwiegend waren sie von den westlichen Alliierten an Polen gemäß einer Vereinbarung ausgeliefert worden, nach der nationalsozialistische Verbrecher vor Gerichte der Länder gestellt werden sollten, in denen sie ihre Taten begangen hatten.

    Bedeutendstes Verfahren war das gegen den zeitweiligen Auschwitz-Kommandanten Höß und seinen Nachfolger Liebehenschel nebst 39 anderen. Am 2. 4. 47 verurteilte der Oberste Nationalgerichtshof Polens Höß in Warschau zum Tod. Das Urteil wurde am 16. 4. 47 in Auschwitz vollstreckt. Durch Urteil desselben Gerichts wurden Liebehenschel und 22 weitere Angeklagte am 22. 12. 47 in Krakau zum Tod, sechs zu lebenslänglicher Haft, sieben zu 15 und drei zu zehn, fünf bzw. drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; einen Angeklagten sprach das Gericht frei. Von den 23 zum Tod verurteilten Angeklagten sind 21 hingerichtet worden, u. a. Liebehenschel; die beiden anderen wurden zu lebenslänglicher Haft begnadigt.

    Neben polnischen Gerichten befassten sich andere alliierte Gerichte mit den Verbrechen in Auschwitz, durchweg Militärgerichte in den vier Besatzungszonen. Gegenstand dieser Auschwitz-Prozesse waren jedoch nicht allein Verbrechen in Auschwitz, sondern auch solche, die die Angeklagten während ihres Einsatzes in anderen KZ begangen hatten. Von diesen Verfahren ist der Prozess vor einem britischen Militärgericht in Lüneburg gegen den zeitweiligen Kommandanten von Auschwitz II (Birkenau) und späteren Kommandanten von Bergen-Belsen, Kramer, und 44 andere, darunter zahlreiche SS-Aufseherinnen, hervorzuheben, der bereits 1945 durchgeführt wurde. Durch Urteil vom 17. 11. 45 wurden Kramer und zehn Angeklagte zum Tode, einer zu lebenslänglich und 18 zu zeitiger Freiheitsstrafe zwischen einem Jahr und 15 Jahren verurteilt. 14 Angeklagte sprach das Gericht frei. Während des Prozesses war das Verfahren gegen einen Angeklagten wegen Krankheit abgetrennt worden.

    In der Bundesrepublik waren bis 1958 nur wenige Verfahren gegen ehemalige Angehörige des KZ Auschwitz durchgeführt worden. Die Wende kam im März 58 durch die Anzeige eines ehemaligen Häftlings, in der der frühere SS-Oberscharführer in der politischen Abteilung des KZ Auschwitz Boger aufs schwerste belastet wurde. Die Ermittlungen in dieser Sache führten zu zahlreichen Auschwitz-Prozessen, unter anderem zu einem der größten Prozesse in der Bundesrepublik wegen nationalsozialistischer Verbrechen. Vom 20. 12. 63 an standen 20 Angeklagte vor dem Schwurgericht beim Landgericht Frankfurt am Main. Durch Urteil vom 19./20. 8. 65 wurden sechs Angeklagte zu lebenslanger, zehn zu zeitigen Zuchthausstrafen von drei Jahren sechs Monaten bis zu 14 Jahren und einer zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt. drei Angeklagte sprach das Gericht frei. Nach Revision am 8. 10. 70 wurde ein weiterer Angeklagter freigesprochen. Die Revisionen der übrigen Angeklagten, der übrigen Nebenkläger und die der Staatsanwaltschaft wurden verworfen. Dem jetzt als 1. Auschwitz-Prozess bezeichneten Verfahren folgten weitere; die Ermittlungen wegen Verbrechen in Auschwitz dauern an, z. B. gegen den Lagerarzt Mengele.

    Außer den Auschwitz-Prozessen gegen ehemalige Angehörige der Kommandantur und der Wachmannschaft sind noch eine Reihe Verfahren geführt worden, die sich gegen Außenstehende richteten, aber den Auschwitz-Prozessen zuzurechnen sind, so z. B. das Verfahren vor einem britischen Militärgericht in Hamburg gegen den Inhaber der Firma Tesch und Stabenow und andere wegen Lieferung von Zyklon B zur Tötung von Häftlingen (1946), das Verfahren der USA gegen Krauch und 22 andere in Nürnberg wegen "Ausbeutung" von Auschwitz-Häftlingen (I. G. Farben-Prozess, 1948) und das Verfahren vor dem Schwurgericht beim Landgericht Frankfurt am Main gegen Beger und einen anderen wegen Teilnahme an der Tötung von über 80 Auschwitz-Häftlingen zum Zweck der Aufstellung einer Schädel- und Skelettsammlung (1971). Schließlich waren wegen Verbrechen in Auschwitz noch Verfahren in der DDR (z. B. gegen den Lagerarzt Horst Fischer) und in Österreich anhängig.