Bücherverbrennung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    rituelle Vernichtung von Büchern "entarteter und jüdischer Literaten" in fast allen deutschen Universitätsstädten am Abend des 10. 5. 33. Die Bücherverbrennung war Höhepunkt einer Reihe von Aktionen "wider den undeutschen Geist", maßgeblich getragen von der Deutschen Studentenschaft, die auch als örtliche Veranstalter die Bücherverbrennung organisierte: Studenten und Professoren, Untergliederungen der NSDAP und nationale Verbände versammelten sich dazu, allein in Berlin auf dem Opernplatz, wo Goebbels selbst (vom Rundfunk übertragen) sprach, 40 000; Lastwagen oder Ochsenkarren brachten Bücher, die "Ältesten" der Studentenschaft und Professoren der Germanistik im Talar hielten Ansprachen, dann flogen die Werke von Philosophen (Marx, Bloch), Wissenschaftlern (Freud, Hirschfeld), klassischen humanistischen Dichtern (Heine) und zeitgenössischen Autoren ins Feuer: "Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner." Neben Sozialisten wie Brecht und Pazifisten wie Remarque überwogen kritische bürgerliche Schriftsteller (Kerr, Schnitzler) und ausländische "Zersetzer" (Barbusse, Hemingway, London). Die Verdikte reichten von "Gesinnungslumperei und politischer Verrat" bis zu "volksfremder Journalismus".


    Nationale Gruppen hatten schon in der Weimarer Republik einen immer erbitterter werdenden Kampf gegen demokratische und linke Literatur geführt und eine "Schmutz- und Schundgesetzgebung" auch für Zensur und Verbot von politisch unliebsamen Büchern genutzt. Nach der Machtergreifung verschärften sich sofort die Maßnahmen gegen kritische Publizisten, die aus Akademien, Berufsvereinigungen und öffentlichem Dienst entfernt wurden. Bis zum 30. 5. 33 beschlagnahmte die Politische Polizei allein in Berlin 10 000 Zentner "marxistische" Literatur. Der Kampf gegen politische "Schmutzschriften" wurde am eifrigsten an den Universitäten, die sich als "Hort des deutschen Volkstums" verstanden, geführt. Antirepublikanische Studenten und Professoren legten schwarze Listen an; nach der Machtübernahme erstellten fast alle NSDAP-Gliederungen, von der HJ bis zum Lehrerbund, eigene Säuberungsverzeichnisse für Buchhandel und Bibliotheken; aufgrund von Presseaufrufen lieferten zahlreiche Bürger "undeutsche" Literatur aus privaten Beständen für die Scheiterhaufen des 10. 5. an.


    Die Veranstalter sahen in der Bücherverbrennung einen symbolischen Akt; wie man in der Vorzeit dem Feuer eine reinigende, krankheitsaustreibende Wirkung zusprach, so sollten in den Flammen "die geistigen Grundlagen der verhassten Novemberrepublik zu Boden" sinken, sollte zum Ausdruck kommen, "dass in Deutschland die Nation sich innerlich und äußerlich gereinigt hat" (Goebbels). Der "Reinigungsprozess" der deutschen Literatur wurde nach dem Mai 33 durch regionale Bücherverbrennung fortgeführt. Tausende von "unzuverlässigen" und "nichtarischen" Autoren erhielten Berufs- oder Veröffentlichungsverbot, kamen ins KZ oder gingen ins Exil. Obwohl nicht von staatlichen Stellen oder der NSDAP selbst initiiert, war die Bücherverbrennung eine entscheidende Zäsur: Die Provinzialität der Literatur des Dritten Reichs war damit besiegelt, eine Weiterentwicklung der deutschen Literatur konnte es nur noch im Exil geben.


    Gegen die Bücherverbrennung regte sich in Deutschland kaum nennenswerter Widerstand. Buchhandel und Verlagswesen reagierten opportunistisch, von Seiten der nichtverbrannten Autoren gab es nur vereinzelt so weitgehende Solidarität wie von O. M. Graf: "Verbrennt mich!" (Brief vom 12. 5. 33). Vom gebildeten deutschen Bürgertum wurde die Bücherverbrennung als "studentischer Bierulk" aufgenommen und auch im Ausland reagierte man vielfach mit "Amüsiertheit" auf diesen "Ausdruck studentischen Übereifers" und deutete die Bücherverbrennung nur selten warnend im Sinne Heines: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen."