Baldur Benedikt von Schirach

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher Politiker

    geboren: 9. Mai 1907 in Berlin gestorben: 8. August 1974 in Kröv an der Mosel


    Sohn des Weimarer Theaterdirektors Friedrich Karl Schirach (1842-1907) und seiner amerikanischen Ehefrau Emma. Schirach lernte 1925 Hitler kennen, trat der Partei bei (Mitgliedsnr. 17251) und widmete sich ab 1927 nach Beginn seines Studiums der Germanistik und Kunstgeschichte in München dem Ausbau des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds. Seine organisatorischen Erfolge als Leiter (ab 1928) führten am 30. 10. 31 zur Ernennung zum Reichsjugendführer der NSDAP, der sich bald die Aufsicht über HJ, Nationalsozialistischen Schülerbund, BDM und Jungvolk sicherte und die Unterstellung unter die SA abschüttelte. Nach der Machtergreifung ernannte Hitler Schirach am 18. 6. 33 zum Jugendführer des Deutschen Reiches, der spätestens seit dem Gesetz über die Staatsjugend vom 1. 12. 36 für die gesamte außerschulische Jugenderziehung zuständig war.

    Schirach, der mit seiner bedingungs-, ja hemmungslosen Hitler-Verehrung Jugendliche genauso mitzureißen verstand wie mit dem gefühlvollen Pathos seiner Reden, begriff sich als "Priester des nationalsozialistischen Glaubens" und als "Offizier des nationalsozialistischen Dienstes". So wenig er selbst dem propagierten Männlichkeitsideal entsprach - er war eher dicklich und wurde von vielen als "weibisch" verspottet -, so intensiv setzte er sich für eine Erziehung zu Härte und Wehrhaftigkeit ein. In zahlreichen Schriften (u. a. "Die Hitler-Jugend", 1934, "Revolution der Erziehung", 1939) und Liedern ("Unsere Fahne flattert uns voran") beschwor er die heldischen Ideale des Kämpfertums, gab antisemitische Parolen aus und weihte sich und seine Organisation ganz dem "Führer", über den er auch zusammen mit seinem Schwiegervater und Hitler-Fotografen H. Hoffmann schwärmerische Bildbände veröffentlichte (u. a. "Hitler, wie ihn keiner kennt", "Jugend um Hitler").

    Auf Dauer aber war Schirach den groben Machtmethoden seiner Rivalen in der nationalsozialistischen Hierarchie nicht gewachsen. 1940 löste ihn Axmann in der Reichsjugendführung ab. Schirach ging nach kurzem Fronteinsatz als Gauleiter und Reichsstatthalter nach Wien, wo er bis Kriegsende blieb, obwohl seine eigenwillige Amtsführung zu neuen Intrigen gegen ihn führte. Vollends jeden Einfluss verlor er, als er und seine Frau Henriette bei einem Besuch bei Hitler auf dem Berghof die deutsche Besatzungspolitik und die harten Deportationsmethoden gegen die Juden kritisierten. Dabei war er selbst mitverantwortlich für den Abtransport von 185 000 Juden aus Österreich in den Osten. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher bestritt er allerdings, von den dortigen Vernichtungslagern gewusst zu haben. Er habe die Jugend, wie er nun erst erkenne, "für einen millionenfachen Mörder" erzogen, sagte er in seinem Schuldbekenntnis vor Gericht. Seine 20-jährige Freiheitsstrafe, die ihm am 1. 10. 46 auferlegt wurde, verbüßte er in Spandau. Nach der Entlassung 1966 erschienen seine wenig erhellenden Memoiren unter dem Titel "Ich glaubte an Hitler".