Bekennende Kirche

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (Bekenntnisbewegung, Bekenntnisfront), Zusammenschluss evangelischer Geistlicher und Laien gegen die Gleichschaltungsmaßnahmen des von der nationalsozialistischen Regierung gestützten Reichskirchenregiments des Reichsbischofs L. Müller und im weiteren Sinn der evangelische Widerstand gegen die nationalsozialistische Kirchenpolitik überhaupt.

    Im Grunde waren 1933 Hitlers Bemühungen um eine Einigung der 28 evangelischen Landeskirchen unter einem Reichsbischof (als Gegenstück zum Konkordat mit der katholischen Kirche) nicht unpopulär und die Deutschen Christen, derer er sich dazu bediente, verdankten ihren Aufstieg neben der staatlichen Förderung nicht zuletzt diesem Einigungskonzept. Widerstand aber regte sich bald gegen die dabei bevorzugte Unterwanderungstaktik, und als es im Mai 33 um die Wahl des ersten Reichsbischofs ging, forderten vor allem die Jungreformatoren eine Entscheidung allein "aus dem Wesen der Kirche". Zwar war ihnen mit der Wahl v. Bodelschwinghs (27. 5.) nur vorübergehend Erfolg beschieden, doch bildete sich hier ein erster Kern der Bekennenden Kirche.


    Der Sommer 33 stand allerdings auch kirchlich noch ganz im Zeichen des nationalen Rausches und der Deutschen Christen: Sie erzwangen Bodelschwinghs Rücktritt (24. 6.), setzten eine ihnen genehme Reichskirchenverfassung durch (11. 7.) und brachten den Jungreformatoren und deren Liste "Evangelium und Kirche" bei den Reichskirchenwahlen (23. 7.) dank massiver Unterstützung durch Hitler (Rundfunkrede 22. 7.) eine verheerende Niederlage bei. Sie aber löste die Lähmung der Gegner, die gegen die nun einsetzende Infiltration der Kirche mit nationalsozialistischem rassistischen Gedankengut Front machten: Am 5. 9. beschloss die deutschchristlich beherrschte Synode der Altpreußischen Union die Übernahme des Arierparagraphen, wogegen sich am 21. 9. der Pfarrernotbund um Niemöller bildete, angeregt durch die Schrift von Barth "Theologische Existenz heute" (1933). Er setzte ein unübersehbares Zeichen dafür, dass es im Kirchenkampf längst nicht mehr um kirchenpolitische Positionen, sondern um das evangelische Bekenntnis selbst ging.


    Die Wahl von Hitlers Kirchenbeauftragtem L. Müller, der den Deutschen Christen nahe stand, zum Reichsbischof am 27. 9. 33 konnte den Riss nur vorübergehend überdecken. Als die Deutschen Christen am 13. 11. bei einer Massenkundgebung im Berliner Sportpalast die Lösung vom jüdischen Alten Testament und den Ausschluss der Nicht-Arier vom Dienst in der Kirche forderten, ging eine Protestwelle durch die Gemeinden. Die Eingliederung schließlich der evangelischen Jugendverbände in die HJ (19. 12.) versteifte den Widerstand, den auch der so genannte Maulkorberlass des "Reibi", wie Müller nun abfällig abgekürzt im Volksmund hieß, vom 4. 1. 34 nicht brechen konnte. Und die folgenden administrativen Maßnahmen des Reichskirchenregiments führten dann zur Organisation dieses Widerstands in der Bekennenden Kirche: Mit Hilfe seines "Rechtswalters" A. Jäger gliederte Müller die meisten Landeskirchen in die Reichskirche ein ("zerstörte" Landeskirchen), scheiterte aber in Bayern, Württemberg und z. T. in Hannover ("intakte" Landeskirchen). Von dort und vom Pfarrernotbund kam die Initiative zur Bündelung der Gegenmaßnahmen. Ein Reichsbruderrat übernahm im März 34 (22. 4. Ulmer Einigung) die Koordination und lud zur Barmer Bekenntnissynode.

    Vom 29.-31. 5. 34 tagten Vertreter von 19 Landeskirchen und verabschiedeten eine "Theologische Erklärung", die zum Grundgesetz der Bekennenden Kirche wurde. Sie verstand sich als allein rechtmäßige evangelische Kirche und trug nun den Kampf gegen die deutschchristlichen Irrlehren und den Gleichschaltungsdruck des Reichsbischofs. Publizistische Plattform war die Zeitschrift "Junge Kirche". Als Müller mit Staatsgewalt gegen die renitenten Bischöfe Wurm (Württemberg) und Meiser (Bayern) vorging, zwangen die Proteste der Bekennenden Kirche schließlich Hitler selbst zum Handeln. Er rehabilitierte die verhafteten Kirchenführer und liquidierte damit das Müllersche Modell, ohne allerdings den Reichsbischof zum Rücktritt zu zwingen. Es entstand ein Schwebezustand zwischen deutschchristlichen Kirchenbehörden und Bruderräten der Bekennenden Kirche, die sich unter Berufung auf kirchliches Notrecht nach der 2. Bekenntnissynode in Dahlem (Oktober 34) eine "Vorläufige Kirchenleitung" (VKL) gegeben hatte (Vorsitzender Marahrens). "Zur Wiederherstellung geordneter Zustände" berief Hitler am 16. 7. 35 Kerrl zum Reichskirchenminister. Er bildete unter dem ehemaligen westfälischen Generalsuperintendenten Zöllner einen Kirchenausschuss, dem in Ansätzen die Überbrückung der Differenzen durch Entmachtung der deutschchristlichen Kirchenführungen gelang, aber auch die Spaltung der Bekennenden Kirche. Während nämlich die "intakten" Landeskirchen aus Gründen der Bestandssicherung zur Kooperation mit dem Kirchenausschuss tendierten, verweigerten sich die "zerstörten" einem Gremium, das bewusst "die nationalsozialistische Volkswerdung auf der Grundlage von Rasse, Blut und Boden" bejaht hatte. Eine 4. (und letzte) Reichsbekenntnissynode vom 17.-22. 2. 36 in Bad Oeynhausen brachte keine Einigung mehr: Die "Gemäßigten" organisierten sich im "Rat der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands" (18. 3. 36), die "Radikalen" gaben sich eine neue (2.) VKL (12. 3. 36). Bekennende Kirche war fortan erst in zweiter Linie eine organisatorische Größe, sie war zuallererst dort, wo sich evangelische Christen den völkischen, rassistischen, antisemitischen Ansprüchen der Nationalsozialisten verweigerten.


    Auch der Kirchenausschuss war so gescheitert. Hitler verlor jedes Interesse an der Befriedung der evangelischen Kirche und ließ seinen Ideologen (Rosenberg) und Machtverwaltern (Bormann) freie Hand bei der Bekämpfung und Schikanierung der Bekennenden Kirche. Ihre Mitarbeit in der Ökumene wurde unterbunden, die Nachwuchsschulung behindert, Pfarrer wurden aus ihren Gemeinden verbannt oder mit Redeverbot belegt (Kanzelparagraph). Mitte 37 wurde Niemöller verhaftet, am 2. 3. 38 aber freigesprochen und dennoch als "persönlicher Gefangener des Führers" ins KZ eingeliefert. Ihm folgten zahlreiche Geistliche, derer in Fürbitte-Listen von Bekennende-Kirche-Pfarrern öffentlich gedacht wurde. Aus theologischem Widerspruch wurde so nicht selten politischer Widerstand (z. B. Euthanasie), wenn auch aktive Verschwörer wie D. Bonhoeffer die Ausnahme blieben. Zwar trat mit Kriegsbeginn eine Art Burgfrieden zwischen Bekennender Kirche und nationalsozialistischer Staatsführung ein, doch war offenes Bekennen Jesu Christi, des "einen Wortes Gottes" (Theologische Erklärung von Barmen), weiterhin mit erheblichen Risiken (18 Bekennende-Kirche-Pfarrer kamen 1937-45 im KZ um) und persönlichen Nachteilen verbunden. Viele haben sie nicht gescheut und damit die Grundlagen für den Neuaufbau der evangelischen Kirche nach dem Zusammenbruch gelegt. Wenn sich gerade sie aber im Stuttgarter Schuldbekenntnis (19. 10. 45) anklagten, "nicht brennender geliebt" zu haben, dann weil auch die Bekennende Kirche weitgehend stumm geblieben war angesichts des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden.