Besatzungspolitik

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Gesamtheit der Maßnahmen und Pläne der deutschen Verwaltung in den von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten. Eine einheitliche Linie der Besatzungspolitik bildeten allenfalls die wirtschaftliche Ausbeutung der eroberten Länder und die Verfolgung der dortigen Juden. Doch selbst dies wurde regional verschieden intensiv betrieben je nach Verwaltungsträger (Wehrmacht, Reichsbehörden, NSDAP, SS) und politischer Opportunität. Entsprechend unterschiedlich reagierten die unterworfenen Völker auf die deutsche Besatzungspolitik: Zwar bildeten sich überall Widerstandsbewegungen, doch erreichten nur wenige die Aktivität etwa der französischen Résistance oder der sowjetischen und jugoslawischen Partisanen. Auch Kollaboration gab es in allen Gebieten, am ehesten dort, wo der nationalsozialistische Rassismus und Antibolschewismus Resonanz fand wie in den Niederlanden oder in Norwegen, am wenigsten bei den slawischen Völkern, die als "Untermenschen" drangsaliert wurden.

    Opfer deutscher Besatzungspolitik wurden in folgender Reihenfolge:


    September 39: Polen, das zwischen der Sowjetunion und Deutschland geteilt wurde und während der deutschen Herrschaft erhebliche Menschenverluste erlitt und verelendete. Der von Deutschland besetzte Teil wurde teils annektiert (Danzig-Westpreußen, Warthegau), teils im Generalgouvernement zusammengefasst. Es wurde Schauplatz der Endlösung in den Vernichtungslagern und der radikalen Auspowerung durch die Besatzungspolitik des Generalgouverneurs H. Frank.


    April/Mai 40: Dänemark (trotz Nichtangriffsvertrag) und Norwegen, die relativ glimpflich behandelt wurden und auch nur wenig unter Kriegseinwirkung litten. Sie galten wegen der verhältnismäßig guten Ernährungslage bei den Besatzungssoldaten als "Butterfront".


    Mai/Juni 40: Luxemburg, das annektiert wurde, Niederlande, Belgien, das Eupen-Malmedy abtreten musste, und Frankreich, das de facto Elsass-Lothringen verlor, zunächst nur bis zur Loire besetzt wurde und dessen Südteil der Vichy-Regierung unterstand. In diesen westlichen Ländern nahm der nationalsozialistische Kunstraub besonders extensive Formen an.


    Seit Februar 41: Nordafrika, wo allerdings wegen der italienischen Oberhoheit nur militärische Aufgaben wahrgenommen wurden.


    April/Mai 41: Jugoslawien, dessen Staatsverband aufgelöst wurde, und Griechenland, wo zahlreiche Kriegsverbrechen das im ganzen erträgliche Verhältnis zu den Besatzern vergifteten.


    Von Juni 41 an: Sowjetunion, eigentliches Ziel der Lebensraum-Politik Hitlers und als Träger des Bolschewismus gnadenlos bekämpfter weltanschaulicher Feind des Nationalsozialismus. Die deutschen Truppen drangen bis zur Linie Leningrad - Moskau - Stalingrad - Kaukasus vor. Das rückwärtige Gebiet wurde teils annektiert (Bialystok), teils dem Generalgouvernement zugeschlagen (Galizien) und teils zu Reichskommissariaten (Ostland, Ukraine) zusammengefasst. Es unterstand dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete Rosenberg und diente Himmler und der SS als Versuchsfeld der im Generalplan Ost festgelegten Besatzungsziele. Die anfängliche Begeisterung für die deutschen "Befreier" wich erbittertem Widerstand.


    November 42: Vichy-Frankreich zur Abwehr einer alliierten Landung.


    September 43: Italien nach Abschluss eines italienisch-angloamerikanischen Waffenstillstands. Bei der folgenden Entwaffnung der italienischen Truppen in Südeuropa kam es zu Massakern an den einstigen Bundesgenossen, was im kriegsmüden Italien eine rasch wachsende Partisanenbewegung entstehen ließ.


    In allen von der Besatzungspolitik betroffenen Ländern wurden Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie rekrutiert; auch Kriegsgefangene wurden, selbst nach Waffenstillstand, in Deutschland als Fremdarbeiter festgehalten. Ausdruck der Kollaboration waren die Freiwilligenverbände u. a. der Waffen-SS, die insbesondere in den westlichen und nordischen Staaten Rekruten warb. Ohne Kollaboration aber war auch die Deportation der Juden aus den besetzten Gebieten kaum zu bewältigen. Sie stieß in Italien und in den zunächst von Italien besetzten Gebieten trotz der faschistischen Judengesetzgebung auf den meisten Widerstand, fand in West- und Nordeuropa nur vereinzelt Unterstützung und gedieh besonders in den traditionell antisemitischen Ländern des Ostens, wo sich zahlreiche baltische, ukrainische und russische Helfer zur Verfügung stellten.