Bevölkerungspolitik

    Aus Lexikon Drittes Reich

    allgemein Gesamtheit der staatlichen Maßnahmen zur Lenkung der Bevölkerungsbewegungen und zur Steuerung des Bevölkerungsstands. Die nur quantitative Bevölkerungspolitik vergangener Zeiten (z. B. Einwanderungspolitik in Preußen) wollte der nationalsozialistische Staat durch Maßnahmen einer qualitativen Bevölkerungspolitik ergänzen, die auf eine "Erstarkung des Volkskörpers" abzielen müsse: "Wertsteigerung" sollte die "Bestandsmehrung" flankieren. Träger der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik, die danach vornehmlich "Volkspflege" zu sein hatte, war neben dem Innenministerium das Rassepolitische Amt der NSDAP.


    Ziel der quantitativen Bevölkerungspolitik war die Umkehrung des Geburtenrückgangs in den Krisenjahren 1929-33 durch Bekämpfung der Geburtenkontrolle (Zweikindersystem) und Weckung des "Willens zum Kind". Das setzte bei der Mädchenerziehung ein ("Du sollst dir möglichst viele Kinder wünschen!" hieß es in den "Zehn Geboten der Gattenwahl" des BDM) und reichte bis zur Neubestimmung der Rolle der Frau im Sinne von Hausfrau und Mutter. Dem wurde das abschreckende Zerrbild der ungebundenen, ihre mütterliche Bestimmung verfehlenden Jungfer gegenübergestellt oder der in moralisch verwerflicher Kameradschaftsehe lebenden jungen Frau, beide "bevölkerungspolitische Blindgänger". Ökonomische Anreize neben der allgemeinen Wirtschaftsbelebung boten u. a. die bessere Steuerstaffelung zugunsten "fruchtbarer Volksschichten", Ehestandsdarlehen, die man nicht nur abzahlen, sondern auch abkindern konnte, oder die Hilfen zum Erwerb einer Heimstätte. Nebeneffekte waren die Entlastung des Arbeitsmarkts durch Ausscheiden vieler Frauen und Bremsung der Landflucht.

    Die qualitative Bevölkerungspolitik war rassisch und eugenisch bestimmt: Züchterische Gesichtspunkte sollten auch bei der menschlichen Fortpflanzung beachtet werden; da die Kultureinflüsse die "natürliche Auslese" nicht ausreichend zur Geltung kommen ließen, müsse der Gesetzgeber steuernd eingreifen: Durch Anhebung der Anforderungen an die Ehetauglichkeit und Zwangssterilisation versuchte man die Zeugung erbkranken Nachwuchses einzudämmen (Gesetz vom 14. 7. 33); das gleiche Ziel verfolgte die Euthanasie, die Ermordung Behinderter. Da die Nationalsozialisten zu den schädigenden Einflüssen auch die "Blutvergiftung" durch Rassenmischung zählten und die Juden als Rasse ansahen, dienten auch die Maßnahmen der Judenverfolgung vom Blutschutzgesetz bis zur Endlösung einer qualitativen Bevölkerungspolitik, genauso wie die Eindeutschung "guten Blutes" in Aufzuchtunternehmen wie Lebensborn.


    Scheinbar im Widerspruch zu den Wachstumszielen der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik stand das Schlagwort vom "Volk ohne Raum". Während aber hinter der Geburtenförderung (1933: ca. 0,9 Millionen Lebendgeborene, 1939: 1,4 Millionen) Überalterungssorgen und Überfremdungsängste standen, stammte das Argument der Raumenge aus dem Arsenal der Geopolitik und diente der Unterstützung territorialer Forderungen und den Ansprüchen nach "gerechter" Beteiligung an Bodenschätzen und Rohstoffen. Die Erhöhung des "Volksdrucks" durch Geburtenüberschüsse konnte dabei erst auf lange Sicht wirksam werden.