Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffsvertrag

    Aus Lexikon Drittes Reich

    am 23. 8. 39 in Moskau auf zehn Jahre mit einjähriger Kündigungsfrist nach Ablauf geschlossener und mit einer Konsultationsklausel ausgestatteter Pakt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag war für Hitler wohl nur ein befristetes Arrangement mit Stalin und eine Art Notlösung, die aus dem Zwang resultierte, den spätestens seit April 39 endgültig geplanten europäischen Krieg mit "verkehrter Front" beginnen zu müssen: England und Frankreich hatten sich der deutschen Forderung nach "freier Hand" auf dem Kontinent und im Osten, Polen der ihm zugedachten Satellitenrolle für den "Lebensraumkrieg" versagt; auch Japan und im letzten Augenblick Italien verweigerten ihre Hilfe. So sollte der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag als zeitweilige Abweichung vom weltanschaulich-rassischen Dogma der nationalsozialistischen Außenpolitik zugunsten ihres strategisch-machtpolitischen Kalküls mehrere Zwecke erfüllen: militärische Neutralisierung der Sowjetunion beim Angriff auf Polen, strategische Einschnürung und Isolierung des polnischen Gebiets von Westen und Osten, Abschreckung der Westmächte und im Fall eines bewaffneten Konflikts im Westen Rückenfreiheit im Osten. Der Deutsch-Sowjetische Wirtschaftsvertrag vom 19. 8. 39 leitete für die nächsten Jahre als Gegenleistung für deutsche Kredite, Waffen und Industriegüter strategisch wichtige Rohstoff- und Lebensmittellieferungen für die deutsche Rüstungsproduktion und Kriegsführung im bilateralen und im Transitverkehr aus Fernost ein und machte damit die britische Blockade weitgehend wirkungslos. Zugleich war mit dem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. 8. 39 (am 28. 9. 39 ergänzt und modifiziert durch den Grenz- und Freundschaftsvertrag) die Voraussetzung für die "Vierte Polnische Teilung" zwischen Berlin und Moskau und für die weitere gegenseitige Abgrenzung der Interessensphären geschaffen, durch die Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Bessarabien in den sowjetischen Einflussbereich fielen.


    Während Hitler am 11. 8. 39 gegenüber dem Danziger Völkerbundskommissar C. J. Burckhardt den rein situationsbedingten und taktischen Charakter seines Schritts unterstrich, scheint der eigentliche Wegbereiter und Protagonist des Bündnisses, Außenminister Ribbentrop, in ihm doch unter Wiederanknüpfung an die alte Rapallo-Linie die Chance für einen langfristigen Ausgleich gesehen zu haben. Der für einen Nichtangriffspakt ungewöhnlichen Verzicht auf Entbindung einer Partei von allen Verpflichtungen, falls die andere einen dritten Staat angreift (fehlende Angriffsklausel), deutet darauf hin, dass beide Partner den Vertrag im klaren Bewusstsein einer bevorstehenden deutschen Aggression und der Notwendigkeit ihrer militärstrategischen und politischen Absicherung geschlossen haben. Für Stalin verhieß der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag eine Überwindung der seit dem Münchener Abkommen bestehenden internationalen Isolierung der Sowjetunion, die Lieferung für das ehrgeizige Industrialisierungsprogramm dringend benötigter deutscher Industriegüter und ein breites Sicherheitsglacis in Ostmitteleuropa, von dem aus Moskau als "lachender Dritter" einer "Selbstzerfleischung" der kapitalistischen Staaten einigermaßen gelassen zusehen konnte. Die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag wird von der Sowjetunion bis heute offiziell geleugnet.