Deutsche Christen

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (DC), zunächst Sammelbezeichnung für Gruppen in der Deutschen Evangelischen Kirche, die völkischen Ideen nahe standen und die NSDAP förderten, später (1932) Eigenbezeichnung der Mitglieder der "Glaubensbewegung Deutsche Christen", die auf Initiative des märkischen Gauleiters Kube ins Leben gerufen wurde. "Reichsleiter" wurde Pfarrer Hossenfelder. Ziel der Deutschen Christen war die am Führerprinzip ausgerichtete evangelische Reichskirche auf der Grundlage von Rasse und Volk.


    Die Brücke zwischen Kirche und Nationalsozialismus hatte die politische Theologie geschlagen, hervorgegangen aus der Geschichtstheologie der Vorkriegszeit, die für die Deutschen und ihr Reich einen Sonderplatz im göttlichen Heilsplan reklamierte. Verunsichert durch die sozialistische Revolution und die brutale Kirchenverfolgung im bolschewistischen Russland, suchten die konservativen Kräfte der evangelischen Kirche das Bündnis mit der völkischen Bewegung. Man sah im Evangelium "das höchste ewige" und im deutschen Volkstum "das höchste zeitliche Gut". Markstein dieser Entwicklung wurde der "vaterländische Kirchentag" in Königsberg 1927, auf dem der Theologe P. Althaus die Weichen zu "deutscher Verkündigung des Evangeliums" stellte. Der nebulöse Punkt 24 ("positives Christentum") des Parteiprogramms der NSDAP ließ diese bei der Hitlerbewegung gut aufgehoben erscheinen.

    Zwar brachten die Kirchenwahlen 1932 in Preußen noch nicht den Sieg der frisch etablierten Deutschen Christen, doch immerhin fast ein Drittel der Sitze in den entscheidenden Gremien. Die Machtergreifung Hitlers gab dann neue Impulse, zumal der Kanzler im April 33 den Königsberger Wehrkreispfarrer L. Müller, der den Deutschen Christen nahe stand, zu seinem Berater in Angelegenheiten der evangelischen Kirche machte. Der attraktivste Programmpunkt der Deutschen Christen, Errichtung einer evangelischen Reichskirche, brachte paradoxerweise zunächst einen Rückschlag: Mit 91:8 Stimmen wählten die Vertreter der 28 Landeskirchen am 27. 5. 33 den Leiter der Betheler Anstalten von Bodelschwingh zum ersten Reichsbischof und nicht den Hitler-Protegé Müller.


    Dass mit einem Bodelschwingh weder Führerprinzip noch Arierparagraph in der Kirche Einzug halten würden, war Hitler klar. Mit Verfahrenstricks (fehlende Verfassung einer Reichskirche) und Bestellung staatlicher Kirchenkommissare schikanierte man Bodelschwingh zum Rücktritt. Erneute und sehr kurzfristig angesetzte Kirchenwahlen am 23. 7. 33 ergaben nun nach massiver Intervention Hitlers einen Erdrutschsieg der Deutschen Christen in den Synoden. Am 27. 9. 33 wählte die Nationalsynode in Wittenberg Ludwig Müller einstimmig zum Reichsbischof.

    Die Landeskirchen aber ließen sich nicht ohne weiteres gleichschalten. Auch erster theologischer Widerstand gegen das Eindringen vor allem der nationalsozialistischen Rassenideologie in die Kirche regte sich in Gestalt des Pfarrernotbundes, gegründet von Niemöller. Die Deutschen Christen aber überreizten ihre Karte, als ihr radikaler Flügel auf einer Kundgebung im Berliner Sportpalast am 13. 11. 33 handstreichartig die Übernahme des Arierparagraphen ins kirchliche Leben durchzusetzen versuchte. Die 20 000 Versammelten beschlossen bei einer (!) Gegenstimme u. a.: Die deutsche "Volkskirche" müsse sich freimachen vom "Alten Testament und seiner jüdischen Lohnmoral", solle ein "heldisches Jesusbild" vermitteln und Nicht-Arier aus ihren Reihen ausschließen.


    Aus dem Sturm der Entrüstung gegen diesen Beschluss, der den Juden Jesus zum Kronzeugen des Antisemitismus machte, entwickelte sich die Bekennende Kirche. Massenaustritte dagegen schwächten die Deutschen Christen und den "Reibi" (Reichsbischof) Müller, so dass Hitler das Interesse an dieser seiner fünften Kolonne in der evangelischen Kirche verlor. Er setzte fortan auf Administration und Konfrontation. Trotz aller Anbiederung gewannen die Deutschen Christen nie wieder entscheidenden Einfluss. Nach dem Rücktritt des ersten Reichsleiters Hossenfelder Ende 1933 übernahm die Führung Christian Kinder und steuerte unter der Bezeichnung "Reichsbewegung Deutsche Christen" volksmissionarisch Reformkurs. Es kam aber zu Abspaltungen etwa der Thüringer unter Leffler und Julius Leutheuser, die schon 1927 eine Deutsche-Christen-Bewegung gegründet hatten.


    Auf Reichsebene nannten sich die Deutschen Christen, nun geleitet von Werner Petersmann, seit 1938 "Luther-Deutsche". Daneben existierten allerlei Arbeitsgemeinschaften und landeskirchliche Gruppen in wechselnden Bündnissen, die 1939 ein "Institut zur Erforschung (sprich: Eliminierung) des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gründeten. Sie hatten sich trotz aller Brüskierungen durch führende Nationalsozialisten wie Himmler, Rosenberg oder Bormann, die kirchliche Umarmung argwöhnten, nicht von den antisemitischen und völkischen Anfängen gelöst; für manche hatte Hitler gar Offenbarungscharakter. In ihren Zeitschriften "Evangelium im Dritten Reich" (1932-36) und "Die Nationalkirche" (1932-41) feierten sie die Wiederentdeckung der Schöpfungsordnungen von Volk, Staat, Rasse, Familie.

    Nach dem Zusammenbruch verboten die Alliierten die Deutschen Christen; gegen einige ihrer Führer gingen die Landeskirchen mit einem "Verfahren zur Wiederherstellung eines an Amt und Bekenntnis gebundenen Pfarrerstandes" vor.