Die Weltanschauung Hitlers

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Immer wieder hat Hitler von seiner Weltanschauung gesprochen, ohne diesen Begriff exakt zu definieren oder den Inhalt systematisch darzustellen. Bereits aus seinem Bekenntnisbuch "Mein Kampf" jedoch lässt sich Hitlers Weltanschauung als ein in sich schlüssiges Gedankengebäude herausarbeiten. Dass Hitler, was lange in Frage gestellt wurde, über eine solche in sich folgerichtige, konsistente Weltanschauung verfügte, ist spätestens seit Jäckel unbestritten, ebenso wie die Tatsache, dass sich Hitler deren Prämissen und Zielen bis zu seinem Ende verpflichtet fühlte.

    Ausgangspunkt war für Hitler "die Natur mit ihren ewig gültigen Gesetzen". Im alles beherrschenden Kampf ums Dasein gelte für Individuen wie Gemeinschaften allein das Recht des Stärkeren, während es die Bestimmung des Schwachen sei, zugrunde zu gehen. Um des "Forterhaltungswillens" werde "ein stärkeres Geschlecht die Schwachen verjagen", werden die "lächerlichen Fesseln einer so genannten Humanität" zerbrechen, "um an seine Stelle die Humanität der Natur treten zu lassen, die die Schwäche vernichtet, um der Stärke den Platz zu schenken". Ein weiteres, "nahezu ehernes Grundgesetz" des "Lebenswillens der Natur" sah Hitler in der "inneren Abgeschlossenheit der Arten sämtlicher Lebewesen dieser Erde". Jedes Tier paare sich nur mit einem Genossen der gleichen Art: "Meise geht zur Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw." Käme es zur Kreuzung nicht gleich hoher Wesen, würde das Junge "wohl höher stehen als die rassisch niedere Hälfte des Elternpaares, allein nicht so hoch wie die höhere. Folglich wird es im Kampf gegen diese höhere später unterliegen. Solche Paarung widerspricht aber dem Willen der Natur zur Höherzüchtung des Lebens überhaupt". Die Folge "dieses in der Natur allgemein gültigen Triebes zur Rassenreinheit ist nicht nur die scharfe Abgrenzung der einzelnen Rassen nach außen, sondern auch ihre gleichmäßige Wesensart in sich selber".

    Diese "ehernen Naturgesetze" seien auch die Ursache für die gesamte Entwicklung der menschlichen Geschichte, wobei hier der Rasse und Rassenreinheit ausschlaggebende Bedeutung zukomme. Ohne auf die komplexe Entstehung und ihr differenziertes Erscheinungsbild einzugehen, reduzierte Hitler die menschlichen Rassen auf "drei Arten", auf "Kulturbegründer", "Kulturträger" und "Kulturzerstörer". Kulturbegründer seien "wohl nur die Arier, typisch für eine kulturtragende Rasse die Japaner, Inbegriff der Kulturzerstörer die Juden". Und: "Was wir heute an menschlicher Kultur, an Ergebnissen von Kunst, Wissenschaft und Technik vor uns sehen, ist nahezu ausschließlich schöpferisches Produkt des Ariers ... Man schalte ihn aus – und tiefe Dunkelheit wird vielleicht schon nach wenigen Jahrtausenden sich abermals auf die Erde senken, die menschliche Kultur würde vergehen und die Welt veröden." Und: "Den gewaltigsten Gegensatz zum Arier bildet der Jude." In Hitlers Vorstellungswelt verdichtet sich die konkrete, historisch-politische Situation auf die Auseinandersetzung um Sein oder Nichtsein aller menschlichen Kultur zwischen der höherwertigen arischen und der minderwertigen jüdischen Rasse. Gefährdet sei der "wahrhafte Kulturbegründer dieser Erde, der Arier" letztlich durch die nicht mehr gewahrte Rassenreinheit. "Die Blutsvermischung und das dadurch bedingte Sinken des Rassenniveaus ist die alleinige Ursache des Absterbens aller Kulturen." Um dies zu verhindern, sei der Rassenmischung vorzubeugen, der eigenen Rasse die Daseinsberechtigung zu erkämpfen. Denn "alles weltliche Geschehen" sei letztlich nur "die Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen im guten oder schlechten Sinne".

    Diesen Selbsterhaltungstrieb der Rassen, diesen eigentlichen Motor der geschichtlichen Entwicklung, billigte Hitler wie jeder anderen Rasse auch den Juden zu. Ja, er betonte geradezu, dass der Selbsterhaltungstrieb bei den Juden ganz besonders stark ausgeprägt sei. In dieser Stärke des Selbsterhaltungstriebs der jüdischen Rasse mit der ihr von Hitler unterstellten Absicht, die Weltherrschaft anzustreben, bestünde die besondere Gefährdung der germanisch-nordischen Rasse und damit der Kultur überhaupt (die Begriffe arisch, nordisch, germanisch, germanisch-deutsch werden von Hitler synonym gebraucht). Die kulturschöpferische Fähigkeit des Ariers nämlich liege primär in dessen "idealistischer Grundeinstellung", einer rassenspezifischen Eigenschaft, "das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit unterzuordnen und, wenn die Stunde es erfordert, auch zum Opfer zu bringen". Diese "Aufopferungsfähigkeit des einzelnen für die Gesamtheit" wiederum sei die notwendige Voraussetzung für die Bildung höher organisierter, raumbeherrschender Staaten, die Staatsbildung wiederum Voraussetzung zur Entwicklung der "menschlichen Kultur".

    Den Juden hingegen fehle eben diese "idealistische Gesinnung" und damit die "allerwesentlichste Voraussetzung, ein Kulturvolk" zu sein. Der Aufopferungswille des jüdischen Volks gehe "über den nackten Selbsterhaltungstrieb des einzelnen" nicht hinaus. Daher könnten die Juden weder einen raumbeherrschenden Staat und somit auch keine eigenständige Kultur bilden, sondern nur "als Parasit im Körper anderer Völker" leben. "Er (der Jude) ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab." Würde der Jude in dem von ihm geführten Kampf um die Weltherrschaft siegen, dann würde "seine Krone der Totentanz der Menschheit sein", dann werde "dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen".

    So unterschiedlich nun die rassischen Eigenschaften von Juden und Ariern seien, so verschieden seien auch ihre Methoden zur Verwirklichung ihres Selbsterhaltungstriebs. Die Natur nämlich, so Hitler, lehre nicht nur die Ungleichheit der Rassen, sondern auch die Ungleichheit der Individuen innerhalb der Rassen und Völker. Wollten sich die Völker behaupten, müssten "Persönlichkeitswert" und "Volkswert" die richtigen Beziehungen eingehen. Der arisch-germanisch raumgebundene Staat sei daher nach dem "aristokratischen Prinzip der Natur" zu ordnen, nach den Kriterien Führung und Gefolgschaft, Verantwortung und Vertrauen, Autorität von oben und Zustimmung von unten.

    An diesem ewigen Kampf der Völker und Rassen könne sich der Jude nur auf die ihm eigene Weise beteiligen. Da er aufgrund seines rassisch bedingten "Volkswerts", seines Mangels an idealistischer Gesinnung keinen Raumstaat bilden könne, müsse er zwangsläufig zu anderen Methoden seines Existenzkampfs greifen. Statt die Ungleichheit der Rassen und Persönlichkeiten anzuerkennen, predige er das widernatürliche Postulat der Gleichheit. Dem Prinzip des ewigen Kampfs setze er die Idee des Pazifismus entgegen, dem nationalen Machtstaat die internationale Solidarität, dem autoritären Führerstaat die egalitären Verfallssysteme Demokratie, Sozialismus und Marxismus; denn hinter all diesen komplexen Gesellschaftsentwürfen sah Hitler als den eigentlichen Drahtzieher den "ewigen Juden", der in seinem Kampf um die Weltherrschaft alles darauf anlegen müsse, den Wert der Rasse und der Persönlichkeit zu untergraben. "Mit der Zertrümmerung der Persönlichkeit und der Rasse fällt das wesentliche Hindernis für die Herrschaft des Minderwertigen – dieser aber ist der Jude." Um dies zu verhindern, müsse die jüdische Gefahr erkannt und entschieden bekämpft werden. Darin sah Hitler seine welthistorische Mission: "Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn."

    Neben der Eliminierung des jüdischen Rassenfeinds war die Sicherung von Grund und Boden für das eigene Volk sowie dessen Etablierung als Weltmacht ein weiterer konstitutiver Bestandteil der Weltanschauung Hitlers. Zu Beginn seiner politischen Tätigkeit selbst noch Revisionist, wurde in "Mein Kampf" die Rückkehr zu den Grenzen der Vorkriegszeit vehement verworfen. Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen von 1914 sei "ein politischer Unsinn". Weder umfassten sie alle "Menschen deutscher Nationalität" noch seien sie "vernünftig in Hinsicht auf ihre militärgeographische Zweckmäßigkeit". Eine vernünftige Außenpolitik habe demgegenüber zu einer Grenzregelung zu führen, in der Hitler seinen absoluten Souveränitätsanspruch gesichert sah. D. h. die Grenzen müssten ein Gebiet umfassen, aus dem sich das Volk ernähren lasse und das darüber hinaus den notwendigen militärgeographischen Schutz des Staats garantiere. Das wiederum laufe auf die entsprechende Größe des Raums und der Bevölkerungszahl hinaus, mit der man sich als Weltmacht etablieren und behaupten könne.

    Für Hitler kam als Lösung nur in Frage, "bewusst einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit" zu ziehen und dort anzusetzen, "wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm untertanen Randstaaten denken." Hatte sich Hitler so nach Verwerfung aller anderen Möglichkeiten für eine Expansionspolitik gegen Russland festgelegt, war für ihn unter Einbeziehung des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Deutschland und Frankreich ("Der unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich") mit Italien und England die Frage nach potentiellen Bündnispartnern entschieden.

    Während die italienisch-französische Rivalität im Mittelmeerraum Rom automatisch an die Seite Deutschlands brächte, müsste Englands traditionelle Politik des Gleichgewichts der Kräfte London, um eine aufkommende Hegemonie Frankreichs in Europa zu verhindern, ebenfalls bündnisbereit machen, sofern auf Kolonien und Seegeltung verzichtet werde. Das Bündnis mit England gebe ihm die Möglichkeit, "Ostpolitik im Sinne der Erwerbung der notwendigen Scholle für unser deutsches Volk" zu betreiben. Mit Gewalt hätten die slawischen Völker der deutschen Herrenrasse zu weichen. Im siegreichen Raub- und Vernichtungskrieg gegen Russland sollte Hitlers Außenpolitik ihren krönenden Abschluss finden. Eliminierung der Juden und Eroberung von Lebensraum im Osten waren oberste Ziele der Hitlerschen Weltanschauung. Alles übrige subsumierte Hitler unter die Kategorie Mittel zum Zweck.

    Ausgehend von der fixen Idee der kulturschöpferischen arischen Rasse und der Verderblichkeit der Rassenmischung mit einer damit verbundenen Senkung des Rassenniveaus habe man im Staat lediglich ein solches Mittel zum Zweck zu sehen. "Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen. Diese Erhaltung selbst umfasst erstlich den rassenmäßigen Bestand und gestattet dadurch die freie Entwicklung aller in dieser Rasse schlummernden Kräfte." V. a. aber dürften körperlich oder geistig Ungesunde ihr Leid nicht in ihren Kindern verewigen. Neben dieser Aufgabe einer Herauf- und Reinzüchtung des nordisch-germanischen Rassekerns hatte der Staat wie alle innenpolitischen Maßnahmen die Funktion, die Voraussetzung zur kriegerischen Expansion zu schaffen. "Die Innenpolitik", heißt es in Hitlers "Zweitem Buch", "hat einem Volk die innere Kraft zu sichern für seine außenpolitische Behauptung".

    Fragt man nach den geistesgeschichtlichen Ursprüngen dieser Weltanschauung, so ist Hitlers biologistischer Ausgangspunkt extremster Sozialdarwinismus, während seine rassische Geschichtsauffassung auf Gobineau zurückgeht, wie sie primär von H. S. Chamberlain in Deutschland Verbreitung fand. Übereinstimmungen zwischen "Mein Kampf" und T. Fritschs "Handbuch der Judenfrage", das Eckart noch 1920 "unser ganzes geistiges Rüstzeug" nannte, sind offenkundig. Seit den Forschungen von Daim lässt vieles darauf schließen, dass sich Hitler in seiner Wiener Zeit auch von den rassistischen Vorstellungen des einstigen Mönchs Lanz beeinflussen ließ, die dieser in seinen "Ostara"-Heften publizierte, in deren Mittelpunkt die "blau-blonde", die "arische Rasse" als der "Götter Meisterwerk" stand, während die "Dunkelrassen", zu denen auch die Juden gehörten, der "Dämonen Pfuschwerk" seien. Darüber hinaus komme "alles Häßliche und Böse von der Rassenmischung her". Hitler selbst nennt als seine großen Wiener Lehrmeister lediglich die Antisemiten Ritter v. Schönerer und Lueger. In seinen "Wiener Lehr- und Leidensjahren" jedenfalls will Hitler "die Grundlagen eines Wissens, von denen ich heute noch zehre", geschaffen haben. "In dieser Zeit bildeten sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was ich mir so einst schuf, nur weniges hinzulernen müssen, zu ändern brauchte ich nichts." Mit Sicherheit verfügte Hitler in Wien noch nicht über die Weltanschauung, wie sie aus "Mein Kampf" ersichtlich ist. Spätestens während seiner Haftzeit in Landsberg am Lech jedoch waren ihm die wesentlichen Elemente dieser Weltanschauung zur nie mehr revidierten Gewissheit geworden.

    Sowenig sich die Frage nach Hitlers weltanschaulichen Fixierungen und seiner Weltanschauungs-Genese exakt beantworten lässt, so gab es im Meinungsklima seiner Zeit noch genügend sozialdarwinistische und rassenhygienische Veröffentlichungen, mit denen sich seine brutal-biologistische Kampf-ums-Dasein-Ideologie untermauern ließ, ganz abgesehen von der Fülle rassenanthropologischer Schriften gemäßigter bis radikalster antisemitischer Prägung. In dieser Vermengung sozialdarwinistischer, rassistisch-antisemitischer und rassenhygienischer Gedanken meinte Hitler, über eine naturwissenschaftlich exakt begründete Weltanschauung zu verfügen, die einer Kritik jedoch nicht standhalten kann.

    Wenn Hitler schreibt: "Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger", dann hätte es folgerichtig weiter heißen müssen: Und der Mensch bleibt immer ein Mensch. Doch zu dieser Schlussfolgerung wollte Hitler eben nicht kommen und sein mangelhaftes Wissen über die Natur führte ihn zwangsläufig zu falschen Konsequenzen. Zum Ersten ist Hitlers Rassendefinition, biologisch gesehen, unrichtig, da hier der Rassebegriff mit dem übergeordneten Artbegriff verwechselt bzw. gleichgesetzt wird. Zum zweiten ist seine Behauptung, in der Natur gebe es als ewiges Gesetz den Trieb zur Rassenreinheit, nicht haltbar. Im Gegenteil: Die natürliche Evolution des Lebendigen war gekennzeichnet durch eine permanente rassische Auffächerung, durch die die Bildung neuer Arten erst ermöglicht wurde. Kann die Gleichsetzung "höher- und minderwertig" mit "stärker und schwächer" im Bereich der Botanik und Zoologie ihre Berechtigung haben, so ist ihre Übertragung auf die menschliche Gesellschaft zudem aus einem "Wollen der Natur" weder erkennbar noch zu rechtfertigen.

    Inwieweit nun den morphologisch bzw. populationsgenetisch definierten Rassen der Gattung Mensch bestimmte geistig-seelische Eigenschaften zugeordnet werden können, ist schon eine diffizile anthropologische Fragestellung. Hitlers Vorstellungen vom Wesen und von der Bedeutung der Rassen hingegen sind grundsätzlich falsch. Hitlers Behauptungen über die Eigenschaften der kulturschöpferischen Arier und der stets kulturzerstörerischen Juden, über den Verfall aller Kulturen durch Rassenmischung, über das Absterben der Wirtsvölker fehlt jeder naturwissenschaftliche Beweis. Die These schließlich von der jüdischen Weltverschwörung (Hitler nennt in diesem Zusammenhang als "besten Beweis" die gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion"), einer zentral gelenkten, rassisch bedingten, planmäßig betriebenen Welteroberung, ist vollends absurd. Hitlers rassistisch-antisemitische Vorstellungen sind Fiktionen, die er so lange zurechtbog, bis sie in Verbindung mit sozialdarwinistischen Gedanken in seiner diesbezüglich paranoiden Psyche zu einer ihn überzeugenden Weltanschauung erstarrten. Auch für ein mögliches (später tatsächliches) Scheitern, England als Verbündeten zu gewinnen, machte Hitler nicht realistisch britische Politik verantwortlich, die keiner Macht, also auch nicht Deutschland, in Europa eine Hegemonialstellung zubilligte; er machte dafür fiktive jüdische Interessen verantwortlich. Hitler argwöhnte, "ob nicht der nun einmal gegebene Einfluß des Judentums stärker als alle Erkenntnisse und aller gute Wille ist und so sämtliche Pläne durchkreuzen und zurechtmachen wird." Und noch unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs klagte er: "Ich selbst aber habe eines unterschätzt: das Ausmaß des jüdischen Einflußes auf die Engländer Churchills."

    Dass Hitler, einmal zur Macht gelangt, einzig und allein seine Weltanschauung gelten lassen wollte, ist in "Mein Kampf" ebenfalls deutlich ausgesprochen: "Denn die Weltanschauung ist unduldsam und kann sich mit der Rolle einer 'Partei neben anderen' nicht begnügen, sondern fordert gebieterisch ihre eigene, ausschließliche und restlose Anerkennung." Was die Methoden der Durchsetzung anbetrifft, war Hitler reinster Machiavellist. Bei der Frage nach den Mitteln der Politik gebe es nur eine "einzige vorgefaßte Meinung": "Nützt es unserem Volk jetzt oder in der Zukunft, oder wird es ihm von Schaden sein? Parteipolitische, religiöse, humane, überhaupt alle übrigen Gesichtspunkte scheiden restlos aus." Beseitigung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Installierung von Terror und Gewalt (u. a. Konzentrationslager), Vernichtung "lebensunwerten Lebens" (Euthanasie), Vorbereitung und Durchführung eines Raub- und Vernichtungskriegs, eine gnadenlose Rassenpolitik bis zum Völkermord der Endlösung waren die Folgen. Das Verbrecherische des Dritten Reichs findet allemal seine tieferen Gründe in Hitlers rassistisch-biologistischer Weltanschauung, die den christlicher und humanistischer Tradition entsprechenden Wert des Einzelnen ebenso leugnete wie die universalen Postulate Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. An ihre Stelle traten als die logische Folge von Hitlers Weltanschauung Diktatur, Krieg und Völkermord.