Emigration

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Die deutsche Emigration 1933-45 war keine Kollektivbewegung, sie brachte es nie zu einer Organisation und sie hat politisch nichts ausgerichtet. Der Unterschied etwa zu der österreichischen und tschechischen Emigration von 1938/39 – zu schweigen von dem Londoner "Freien Frankreich" de Gaulles – fällt ins Auge. Diese hatten sämtlich von Anfang an ein politisches Führungszentrum, um das sie sich gruppierten und das sie gegenüber den Gastländern geschäftsfähig machte; während des Kriegs konnten sie, mit mehr oder weniger Erfolg, Exilregierungen bilden und Benes und de Gaulle kehrten schließlich als Regierungschefs in ihre Länder zurück.


    Auch unter den deutschen Emigranten gab es einige einst prominente Politiker – Brüning, Braun, Rauschning –, aber sie haben im Ausland keine Rolle mehr gespielt, und gelegentliche Versuche, in England oder Amerika so etwas wie ein deutsches Nationalkomitee zu gründen, sind stets im Ansatz stecken geblieben. Sie scheiterten nicht erst an der wenig ermutigenden Haltung der englischen und amerikanischen Regierungen. Schon die deutsche Emigration selbst – immerhin von Anfang an einige zehntausend, zum Schluss mehrere hunderttausend Menschen umfassend – war zu diffus, politisch zu gespalten und in ihrer großen Masse zu unpolitisch. Zugespitzt könnte man sagen: Es gab gar keine deutsche Emigration; es gab nur deutsche Emigranten.

    Diese deutschen Emigranten freilich waren, nicht nur durch ihre Masse, auch vielfach durch ihre Qualität, ein Faktor, der aus der Geschichte der 30er und 40er Jahre nicht wegzudenken ist. Sie waren unübersehbar; sie machten sich, im Negativen wie im Positiven, ständig bemerkbar, drinnen wie draußen. Wie sehr sie den Nationalsozialisten ein Stachel im Fleisch blieben, das zeigte sich an solchen Racheakten wie der Bücherverbrennung und den Ausbürgerungen. Man hörte in Deutschland nie auf, von ihnen zu reden; dass Männer wie Einstein oder Thomas Mann dem Dritten Reich den Rücken gekehrt hatten, behielt seine Wirkung im Land – beunruhigend oder tröstend, je nachdem. Und neben solchen Imponderabilien hat die Emigration auch einige sehr handfeste Auswirkungen gehabt. Sehr möglich, dass der Wettlauf um die Atombombe durch die deutsche Emigration entschieden worden ist – durch den Zuwachs an wissenschaftlicher Kapazität, den sie für Amerika und England, den Verlust, den sie für Deutschland bedeutete. Das war freilich zu der Zeit, als die zehn oder zwanzig Wissenschaftler der Extraklasse, von denen dieser weltgeschichtliche Effekt abhing, Deutschland verließen, nicht vorauszusehen, auch von ihnen selbst nicht. Man muss zwischen Wirkungen und Motiven unterscheiden. Auch war die wissenschaftliche Prominenz der Zahl nach in der Emigration weit schwächer vertreten als etwa die literarische. Die deutsche Wissenschaft erlitt durch die Emigration lediglich einen Aderlass; die deutsche Literatur jedoch blutete aus. Auch auf Nachbargebieten wie Journalismus, Theater und Film waren die Verluste enorm. Und auf dem Feld des akademischen Humanismus sind in den 30er Jahren Denkschulen von Deutschland nach Amerika verpflanzt worden, die Frankfurter Schule der Soziologie zum Beispiel, oder die Psychoanalyse. Das alles hat Geschichte gemacht; aber Geistesgeschichte, nicht politische.

    Emigration war in jedem Fall ein einsamer, individueller Entschluss; und dieser Entschluss trug fast immer ein Doppelgesicht: Er bedeutete Flucht und Protest. Die Motivmischung war in jedem Einzelfall verschieden; ganz ungemischt waren die Motive nie – nicht einmal bei den unpolitischen Juden, die 1938/39, als die wirkliche Verfolgung einsetzte, die Masse der Emigranten so ungeheuer anschwellen ließen. Sie flohen vor Verfolgung, aber zugleich protestierten sie durch ihre Flucht gegen die Verfolgung und trugen die Anklage dagegen in die Welt hinaus. Was die Juden unter den Emigranten der ersten Stunde betrifft, so überwog bei ihnen sicherlich der Protest. Viele waren Angehörige der deutsch-jüdischen Kulturaristokratie, die es damals gab, und sie verließen Deutschland in erster Linie als Kulturaristokraten, nicht als Juden. Flucht war in dieser Frühzeit weit öfter das Emigrationsmotiv von Politikern, die in vielen Fällen auch allen Grund hatten, zu fliehen. Brüning und Treviranus etwa standen auf der Abschussliste des 30. Juni 1934 (Röhm-Affäre) und wären unfehlbar ermordet worden, wenn sie sich nicht in letzter Stunde in Sicherheit gebracht hätten. Hätten sie bleiben sollen?

    Die Frage ist nach 1945 oft in vorwurfsvollem Ton gestellt worden, gerade im Fall der Politiker, aber auch in dem der literarischen und akademischen Prominenz, die einen so großen Anteil an der Frühemigration hatte. Wenn die Besten weggingen, so hat man gefragt, was konnte man vom Durchschnittsmenschen noch erwarten? War Emigration Desertion?

    Die Gegenfrage erledigt solche Vorwürfe: Was hätten sie denn in Deutschland tun sollen? Mit ihrer Emigration setzten sie immerhin ein Zeichen. In Deutschland hätten sie kein Zeichen mehr setzen können. Es gab hier keine Möglichkeit politischer Opposition, es gab nicht einmal mehr das öffentliche freie Wort. Die Alternative hieß nach März 33 nicht mehr Weggehen oder Mitmachen. Denn selbst wer sich zu entziehen suchte, wer in die innere Emigration ging, verstummte und sich in einen harmlosen Brotberuf verkroch, konnte sich auf die Dauer nicht verhehlen, dass er, wie widerwillig und wie indirekt auch immer, mitmachte. Alles, auch das Harmloseste, diente letztlich dem Regime, das sich ganz Deutschlands bis in den letzten Winkel bemächtigt hatte.

    Nur eine andere Alternative gab es noch: Märtyrertum. Aber es war Märtyrertum unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Märtyrer – Ossietzky z. B. oder die Geschwister Hans und Sophie Scholl – haben damals innerhalb Deutschlands wenig bewegt. Die Emigranten dagegen hat man wenigstens nicht totschweigen können – zum mindesten die prominenten Emigranten nicht.

    Und übrigens war auch die Emigration mit Leid und Entbehrungen verbunden, vielfach selbst für Prominente. Denn Prominenz in Deutschland war noch nicht dasselbe wie Prominenz draußen, und viele in Deutschland berühmt gewesene Emigranten ließen mit der Emigration ihren Ruhm hinter sich. Die in der Emigration so besonders zahlreichen Schriftsteller, Journalisten und Schauspieler ließen außerdem ihr Handwerkszeug zurück, ihre Sprache; und ihren Besitz ließen alle zurück – 1933 konnte man 200 RM mit hinausnehmen, 1938 nur noch zehn RM; alles andere war verloren. Emigrieren hieß für die meisten von vorn anfangen, und das unter äußerst erschwerten Bedingungen. Denn willkommen waren die deutschen Einwanderer nirgends. Überall herrschten in den 30er Jahren Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit. Aufenthaltserlaubnis war Gnade, Arbeitserlaubnis bis zum Krieg für die meisten unerreichbar. Wie sie eigentlich durchgekommen waren, wussten viele später selbst nicht mehr recht zu sagen.

    Es kursierte der bittere Emigrantenwitz von dem Mann, der den Globus nach einem Zufluchtsland absucht und zum Schluss fragt: "Haben Sie nicht noch einen anderen Globus?" Von den deutschsprachigen Ländern, in die man natürlich am liebsten gegangen wäre, war Österreich schon bald gefährdet und die Schweiz abweisend; dort wurde nur hereingelassen, wer ein großes Vermögen mitbrachte, was bei den harten Bestimmungen und scharfen Kontrollen immer weniger Deutschen gelang. Die Sowjetunion kam nur für Kommunisten in Frage und erwies sich auch denen gegenüber nicht gastlich: Viele deutsche Exilkommunisten wurden Opfer der Stalinschen Säuberungen. Auch Frankreich, anfangs liberal genug, erwies sich auf die Dauer als schwierig; im Krieg – auch schon vor der Besetzung – wurde es geradezu zur Falle. Am besten fuhr man noch nach England und Amerika; dort war schwer hineinzukommen, aber einmal drinnen, durfte man unbedroht bleiben und vielleicht sogar eines Tages arbeiten, wenn man sich assimilierte. Manche deutschen Emigranten hörten in England und Amerika allmählich auf, deutsche Emigranten zu sein, und wurden dankbare Wahlengländer oder Amerikaner.

    Ein einheitliches Bild der deutschen Emigration lässt sich nicht zeichnen, und bei aller persönlichen Tapferkeit und Opferbereitschaft auch kein heroisches. Dass sich draußen das bessere Deutschland bewahrt oder weitergebildet hätte, um dann eines Tages im Triumph zurückzukehren, damit war es nichts. Die Wirklichkeit der Emigration war harter individueller Existenzkampf, oft genug Elend und Verkümmerung, bestenfalls ein schwerer persönlicher Neubeginn in einem neuen Heimatland, das dann manchmal von der dankbaren und eifrigen Tüchtigkeit seiner neuen Bürger einen kleinen oder sogar größeren Nutzen hatte. Manchen mag in den harten Jahren in der Exilohnmacht ein Goethe-Ausspruch getröstet haben: "Deutschland ist nichts", sagte Goethe am 14. Dezember 1808 zu dem Kanzler v. Müller, "aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich letztere gerade das Umgekehrte ein. Verpflanzt, zerstreut wie die Juden in alle Welt müssten die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heil aller Nationen zu entwickeln, die in ihnen liegt."