Entartete Kunst

    Aus Lexikon Drittes Reich

    diffamierendes Schlagwort der Nationalsozialisten, später offizielle Bezeichnung für moderne, nicht-naturalistische Kunst, insbesondere für formal innovatorische und inhaltlich sozialkritische (expressionistisch, dadaistisch, abstrakt). Der Begriff wurde, hergeleitet von biologisch-medizinischer Deformation, von Max Nordau in dem Buch "Entartung" (1893) in die Kunstkritik eingeführt, vom Kampfbund für deutsche Kultur später aufgegriffen. Im "unerbittlichen Säuberungskrieg" gegen die entartete Kunst wurden auf der Kulturtagung der NSDAP 1933 die "Kunstbolschewisten" zum Hauptfeind erklärt, Bilder von Beckmann, Dix, Klee u. a. verboten, "weil sie in ihrer zügellosen individualistischen Willkür geistig destruktiv gewirkt ... und ein Untermenschentum propagiert haben" ("Deutsche Kultur-Wacht", 1933). Werke von "Künstlern der Verfallszeit" wurden systematisch aus öffentlichen Sammlungen ausgesondert; ein Führerbefehl vom 30. 6. 37 veranlasste den Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Ziegler, eine Auswahl daraus für eine Ausstellung zusammenzustellen. Unter dem Titel "Entartete Kunst" präsentierte Ziegler im Sommer 37 in München Gemälde, Graphiken, Plastiken mit aufhetzenden Unterschriften als "Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit". Für Hitler war nach der Ausstellung die "Geduld ... nunmehr für all diejenigen zu Ende, die sich auf dem Gebiet der Bildenden Kunst nicht eingereiht" hatten; die institutionelle Gleichschaltung des öffentlichen Kunstlebens sollte damit abgeschlossen sein.

    Die Nationalsozialisten fanden in ihrem Kampf gegen die entartete Kunst breite Zustimmung (über 20 000 Besucher in der Münchner Ausstellung täglich); das mangelnde Verständnis für moderne Kunst war durch Propaganda zur emotionsgeladenen Ablehnung gesteigert; selbst die junge Generation, auf der Suche nach festen Orientierungspunkten, war durch formale Auflösungserscheinungen der Moderne verunsichert. Durch das im Mai 38 erlassene "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" konnte auch aus Privatbesitz entschädigungslos enteignet werden; zahlreiche Kunstwerke wurden im Ausland zugunsten des Reiches verkauft, über 4 000 Bilder 1939 in Berlin öffentlich verbrannt. "Entartete" Künstler mussten emigrieren oder waren zumindest mit Arbeitsverbot belegt. Der Begriff "entartete Kunst" hat sich trotz dieser historischen Belastung nach 1945 in der konservativen Kunstkritik bei der Bewertung künstlerischer Avantgarde erhalten.