Ernste Bibelforscher

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (Internationale Vereinigung Ernste Bibelforscher), 1870 von Charles Taze Russel (1852 bis 1916) gegründet und seit 1916 von Joseph F. Rutherford (1869-1942) geführte internationale Glaubensgemeinschaft, die die unmittelbar bevorstehende Wiederkehr Christi lehrt und in strenger Bibelauslegung jedes Handeln gegen den Sinn biblischer Verkündigung ablehnt. Trotz der seit 1931 üblichen Eigenbezeichnung "Zeugen Jehovas" wurden sie allgemein weiter Ernste Bibelforscher genannt und von den Nationalsozialisten im Rahmen der Sektenverfolgung gleich nach der Machtergreifung als "Schrittmacher des Weltbolschewismus" kompromisslos bekämpft (Verbot Mitte 33). Dazu trug der radikale Pazifismus der Ernsten Bibelforscher ebenso bei wie die Verweigerung des Deutschen Grußes und des Eids. Hinzu kam die Verkündigungspflicht jedes Mitglieds, die zu öffentlicher Werbung für die Ernsten Bibelforscher zwang und Kollisionen mit der Gestapo programmierte, der insbesondere die internationale Organisation ein Dorn im Auge war, die immer wieder gegen die Verfolgung der deutschen Ernsten Bibelforscher öffentlich Protest erhob. Als der Ernste Bibelforscher-Kongress von Luzern (4.-7. 9. 36) eine solche Resolution telegraphisch an "Herrn Hitler" sandte, kam es zum Vernichtungsschlag der Regierung.

    Nach dem Heimtückegesetz wurden von den insgesamt 6 034 (1933) Ernsten Bibelforschern schließlich 5911 verhaftet, verurteilt und nach Strafverbüßung in KZ-"Nachhaft" genommen. Über 2 000 der unbeugsamen Gläubigen überlebten die Torturen nicht. Ihre Standhaftigkeit und Glaubensgewissheit provozierte Hohn ("Himmelskomiker", "Jordan-Scheiche") und schwere Misshandlungen durch die Bewacher, paradoxerweise aber auch Bewunderung u. a. bei Himmler, der am 21. 7. 44 (!) in einem Brief an Kaltenbrunner erwog, die friedlichen, fleißigen, ehrlichen, antisemitischen und antikatholischen Ernsten Bibelforscher zur "Pazifizierung" des russischen Volks im deutschen Herrschaftsgebiet heranzuziehen.