Führerkult

    Aus Lexikon Drittes Reich

    religionsartige Verklärung und Verehrung Hitlers, inszeniert durch Propaganda und Selbststilisierung, begünstigt durch Zeitumstände und Person. Für große Teile des deutschen Volks war die parlamentarische Weimarer Republik mit ihren Interessengegensätzen und dem Zwang zum politischen Kompromiss fragwürdig, sie waren an die klare, autoritäre Ordnung des Kaiserstaats und durch das Kriegserlebnis an militärische Entscheidungshierarchien gewöhnt. Demokratische Traditionen fehlten; der unübersehbare technisch-wissenschaftliche Fortschritt und Wirtschaftskrisen schufen Zukunftsängste, der Versailler Vertrag wurde als "nationale Deklassierung" empfunden. Man suchte nach Leitbildern, erhoffte Änderung durch einen "starken Mann" an der Spitze des Reichs; in zahlreichen Dichtungen wurden auserwählte Führer verheißen; so besang z. B. S. George den, der "die ketten sprengt ... Er führt durch grausige signale ... und pflanzt das Neue Reich".

    In dieser Situation wurde Hitler in den 20er Jahren zum "Vereinigungspunkt vieler Sehnsüchte, Ängste und Ressentiments" (Fest). Er schuf übersichtliche Feindbilder, lenkte den Hass auf die Schwächeren und das Fremde, beschwor die Furcht vor dem Bolschewismus, appellierte an Gefühle, beeindruckte Zuhörer durch die Fähigkeit, Belanglosigkeiten mit größter Leidenschaft vorzutragen. Hitler selbst suchte sich in der Frühphase der nationalsozialistischen Bewegung mit einer Aura des Außergewöhnlichen, Geheimnisumwitterten zu umgeben, förderte die Legendenbildung, nutzte mit taktischem Geschick alle zur Verfügung stehenden Mittel, Terror und Krawall, um bekannt zu werden. Innerhalb der NSDAP setzte er mit Skrupellosigkeit und Selbstbewusstsein seinen Führungsanspruch durch, erhielt auf der Mitgliederversammlung am 29. 7. 21 "diktatorische Machtbefugnisse" eingeräumt und wurde erstmals als "unser Führer" gefeiert. Im August 21 stilisierte dann auch für die Öffentlichkeit der "Völkische Beobachter" Hitler zum auserwählten "nationalen Retter" und "Führer".

    Der Verfasser des Artikels, Eckart, begann, zusammen mit Esser und Heß, in der Folgezeit konsequent einen Führer-Mythos um Hitler auszubauen. Dessen öffentliche Auftritte sprachen nicht zuletzt durch das massenwirksame Arrangement von Fahnen, Farben, Symbolen, Uniformen und soldatisch geordneten Aufmärschen die Zuschauer emotional an. Hitler offerierte sich als ein über den Klassen und materiellen Interessen stehender Führer und forderte Hingabewillen und Opferbereitschaft. Durch den zeremoniellen Charakter öffentlicher Kundgebungen und den bewusst kultivierten Heilsbringergestus entstand ein Führerkult mit immer stärker religiösen Akzenten. Hitler wurde zum väterlichen Erlöser" (Haug), zum "völkischen Messias" (Loewy) überhöht und betonte selbst sein Auserwähltsein durch die ständige Anrufung des "Herrgotts" und der "Vorsehung". Die Erhebung zu einem christusähnlichen Heros wurde in den Jahren nach der Machtübernahme durch eine Reihe von publikumswirksamen chorischen Dichtungen verstärkt, in denen nach dem Vorbild christlicher Passionsspiele ein Führer das auserwählte deutsche Volk zur Erlösung führt (u. a. "Deutsche Passion 1933" von Euringer).


    Auch die nationalsozialistische Propaganda orientierte sich bewusst am religiösen Bekenntnis: "Wir glauben auf dieser Erde allein an Adolf Hitler" und dass der "Herrgott uns Adolf Hitler gesandt hat, damit Deutschland für alle Ewigkeit ein Fundament werde" (Schulungsbrief der NSDAP, 1937). Im Deutschen Gruß trat "Heil Hitler" an die Stelle von "Grüß Gott", der "Führergeburtstag" wurde von Goebbels zu einer Art hohem religiösen Festtag gemacht, mit dem Satz: "Der Führer hat immer recht!" reklamierte er göttliche Unfehlbarkeit für "unseren Hitler", wie es liturgieartig in jeder Goebbelsschen Geburtstagsansprache bis 1945 am Schluss hieß.


    Hitler förderte selbst den Führerkult um seine Person und hielt Huldigungen wie die von Keitel, der ihn als "größten Feldherrn aller Zeiten" feierte, für selbstverständlich. Die anfänglichen Kriegserfolge bestätigten Hitler als erfolgreichen Eroberer, der unter dem "europäischen Kleinstaatengerümpel" aufräumt. Die Widersprüche und der Terror des Systems wurden nicht dem Führer angelastet, sondern den "kleinen Adolfs", Hitler bekam den Nimbus des über dem Alltag stehenden Staatsmanns: "Wenn das der Führer wüsste!" wurde zum Schlagwort enttäuschter Hoffnungen. Die sich abzeichnende Kriegsniederlage weckte zwar Zweifel an der Unfehlbarkeit Hitlers, seine Position innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung blieb aber bis zum Kriegsende unangetastet.

    Der Führerkult gehörte in Literatur und Künsten des Dritten Reichs zu den zentralen Themenbereichen, allerdings graduell unterschieden: In der Lyrik entfalteten sich dem Führer zugedachte Hymnen und Oden zum eigenständigen Genre, in dem er als "des Volkes Herz" (Ina Seidel) besungen wird. Im Roman und im Film äußerte sich der Führerkult stärker in der Gleichsetzung Hitlers mit historischen Führerpersönlichkeiten (u. a. Bismarck). Um sich den Nimbus des Besonderen, Unantastbaren zu erhalten, war Hitler gegen die Darstellung seiner Person in Spielfilmen. Sein eigenes Idealbild sah er in dem Film "Triumph des Willens" perfekt und unübertreffbar realisiert. In der Bildhauerkunst und Architektur spiegelte sich der Führerkult besonders durch die Überdimensionierung von Porträtplastiken oder öffentlichen Gebäuden wider, die die Bedeutung und Macht des darin agierenden Führers ausdrücken sollten.


    Nach 1945 zeigt der Führerkult Nachwirkungen in Deutschland. Die kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus leidet z. T. darunter, dass die sich im Führerkult ausdrückende Personalisierung von Politik in den Vordergrund rückt, dass das Dritte Reich ausschließlich "als das persönliche Werk Adolf Hitlers" (F. Glum) untersucht wird. Die Ungeheuerlichkeit seiner Taten und der Führerkult stehen bis heute der nüchternen Betrachtung Hitlers im Wege, der als Un-Wesen entmenschlicht wird, als "Dämon der Gosse" (Hallgarten), "faschistisches Tier" (Ehrenburg), "widriger Gegenstand" (G. Mann) vom Sockel des Führerkult geholt werden soll. Diese nun negative Emotionalisierung hat sich als untauglich erwiesen gegenüber denen, die vom Führerkult nicht lassen wollen: Nicht nur in national-konservativen Kreisen wird Hitler weiterhin verklärt als Erbauer der Autobahnen, Beseitiger der Arbeitslosigkeit usw. Neonazistische Gruppierungen zelebrieren Hitlers Geburts- und Todestag weiterhin in Weiheveranstaltungen.