Film

Aus Lexikon Drittes Reich

von den Nationalsozialisten mit Vorrang materiell gefördertes und politisch funktionalisiertes künstlerisches Medium: "Wir sind der Überzeugung, dass der Film eines der modernsten und weitreichendsten Mittel zur Beeinflussung der Masse ist" (Goebbels). Der deutsche Film hatte in seinen Anfängen durch künstlerisch herausragende Produktionen Weltgeltung erworben und gehörte trotz wirtschaftlicher Krisen 1933 noch zu den wichtigsten Konkurrenten Hollywoods. Der von wenigen Großkonzernen (Tobis, UFA) beherrschte deutsche Markt war national orientiert und bot der NSDAP schon früh Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit Produzenten und Kinobesitzern. Die Partei produzierte schon seit 1927 eigene Propagandafilme, popularisierte das eher großstädtische Medium durch "Kinomobile" auf dem Land und organisierte nach der Machtübernahme über die "Gaufilmstellen" verstärkt Dorf-Filmabende, Schulvorführungen und Freilichtveranstaltungen (z. T. mit bis zu 20 000 Besuchern).

1933 bestanden somit günstige Voraussetzungen für die Gleichschaltung und Überführung des Filmwesens in einen Einheitskonzern, was durch das besondere Interesse des Propagandaministeriums am Film forciert wurde: Nach ersten Verboten, Lösung von Verträgen mit jüdischen und linken Regisseuren begünstigte das "Vergnügungssteuergesetz" (7. 6. 33) durch Neuregelung der staatlichen Filmprädikate den Film im nationalsozialistischen Geist als "staatspolitisch wertvoll" mit erheblichen Steuervorteilen; mit dem "Reichslichtspielgesetz" und der Errichtung der Stelle eines "Reichsfilmdramaturgen" entstanden 1934 gesetzliche Grundlagen für Vorzensur oder Verbot. Noch vor Gründung der Reichskulturkammer begann der "ständische Aufbau der Filmwirtschaft" über eine Filmkammer, in der Mitglied zu sein Voraussetzung war für jegliche filmische Berufstätigkeit. Da jüdische und sozialkritische Regisseure und Darsteller ausgesperrt blieben, Goebbels zudem über eine Filmkreditbank als großzügiger Geldgeber Einfluss auf neue Produktionen nehmen konnte, verlief die Gleichschaltung sehr zügig. Seit 1934 übernahm das Reich systematisch Kapitalanteile der großen Filmfirmen, ein "Reichsbeauftragter für die deutsche Filmwirtschaft" (Max Winkler) konnte 1937/38 weitgehend die Überführung des deutschen Films in einen Einheitskonzern unter Federführung der UFA mit einem "Reichsfilmintendanten" (Fritz Hippler) an der Spitze abschließen.

Die Filmproduktion blühte im nationalsozialistischen Deutschland; nach Kriegsbeginn konnten im besetzten Ausland neue Produktionsstätten und Absatzmärkte erschlossen werden. Insgesamt entstanden 1933-45 ca. 1 100 Spielfilme, davon etwa 15 % direkt zu Propagandazwecken: Besonders in der Frühphase wurden verklärende Parteifilme gedreht wie "SA-Mann Brandt", "Hans Westmar", "Hitlerjunge Quex" (alle 1933), denen die künstlerisch aufwendigeren Arbeiten von Leni Riefenstahl folgten ("Triumph des Willens", 1934; "Olympia", 1936). Zur Flankierung der Judenverfolgung kamen 1940 antisemitische Hetzfilme in die Kinos: "Jud Süß", "Der ewige Jude". Nach Kriegsbeginn sollte eine wachsende Zahl von Kriegsfilmen Optimismus verbreiten.

Mehr noch aber setzte Goebbels auf indirekte Propaganda und förderte den "guten Unterhaltungsfilm", denn "unser Volk bei guter Laune zu halten, das ist auch kriegswichtig". Er sah im Film "kein bloßes Unterhaltungs-", sondern "ein Erziehungsmittel", hielt es aber für "sehr ratsam, diese pädagogische Aufgabe zu verschleiern". Das gelang mit den meisten vordergründig unpolitischen Spielfilmen: Heroische Filme, die große Deutsche erzählerisch verklärten ("Bismarck", 1940), aufwendig ausgestattete Operetten- und Revuefilme ("Stern von Rio", 1939/40), Komödien ("Münchhausen", 1943) und komödiantische Gesellschaftsfilme, Abenteuerstreifen mit Hans Albers oder Harry Piel ("Ein Unsichtbarer geht durch die Stadt", 1933). Orientierte sich der Propagandafilm des Dritten Reichs besonders am Realismus und sozialen Pathos des proletarischen Films (Eisenstein, Dudow), so folgte der Spielfilm dem Vorbild des bürgerlichen Unterhaltungsfilms. Die zur Identifikation einladenden Filmhelden demonstrierten v. a. Gehorsam, Schicksalsergebenheit, Anpassung an Herrschaftsstrukturen, Vorrang der Gemeinschaft vor individuellen Interessen sowie "moralische Sauberkeit". Neben der Vermittlung erwünschter Leitbilder stand die Ablenkungsfunktion: Der "kleine Mann" sollte nach Goebbels' Wunsch im Kino "den Krieg für wenige Stunden vergessen".

Durch die politisch-propagandistische Bedeutung des Mediums waren die Nationalsozialisten auf dem Filmsektor stärker als anderswo zu ideologischen und materiellen Zugeständnissen bereit. So liefen bis 1940 neue Hollywood-Filme in deutschen Kinos (selbst Micky-Maus). Populäre Schauspieler halb- oder vierteljüdischer Abstammung oder mit jüdischen Partnern erhielten Arbeitssondergenehmigungen (u. a. Paul Henkels, Theo Lingen, Heinz Rühmann); Filmschauspieler waren die bestbezahlten Künstler des Dritten Reiches (Spitzenverdiener wie Hans Albers, Heinrich George, Hans Moser kamen auf Jahreseinkommen von über 200 000 RM); aufgrund geschickter filmischer Umsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung erhielten die Regisseure Karl Ritter, Veit Harlan, Hans Steinhoff, Wolfgang Liebeneiner die meisten Aufträge.

Mit Fortdauer des Kriegs ging auch in der Filmindustrie das Produktionsvolumen zurück, "Gefolgschaftsmitglieder" wurden eingezogen, Material wurde knapp, Zensurmaßnahmen häuften sich. Obwohl in den Studios bis in die letzten Tage des Dritten Reichs gedreht wurde, mussten seit 1944 zahlreiche Produktionen ein- oder zurückgestellt werden; mit Vorrang sollten "kriegsnahe Filme" wie "Kolberg" gezeigt werden. Doch selbst in der Schlussphase konnten noch, z. T. mit Behinderungen, unkonventionellere Arbeiten entstehen wie z. B. der Käutner-Film "Unter den Brücken" (1945). Insgesamt war der Film das einzige künstlerische Medium, das während des Dritten Reichs durch Nutzung inhaltlicher und formaler Freiräume vielschichtigere, auch ästhetisch komplexere Werke hervorbrachte, die dem deutschem Film trotz aller ideologischen Fragwürdigkeit im Ausland Ansehen erhalten und verschafft haben. An die Erfolge der Kriegs- und Vorkriegszeit konnte die deutsche Filmindustrie nach 1945 nicht anknüpfen. In der SBZ/DDR wurden die Reste des Einheitskonzerns 1946 in der DEFA (Deutsche Film-AG) zusammengefasst, in den Westzonen entstanden 1946-48 etwa 40 Produktionsgesellschaften, da die Westalliierten die Gründung eines neuen deutschen Großkonzerns durch Liquidationsmaßnahmen verhinderten.