Frankreich

    Aus Lexikon Drittes Reich

    amtlich République Française, im Westen an Deutschland grenzende Republik mit 551 000 km² und 40,7 Millionen Einwohnern (1930). Das Paradoxon, dass Frankreich als antirevisionistische Status-quo- und europäische Hegemonialmacht der 20er Jahre in den 30ern die nationalsozialistischen Herauforderungen widerstandslos hinnahm und sich seit 1936 unter Verzicht auf eine selbständige Außenpolitik als "Juniorpartner" in das Schlepptau des britischen Appeasement begab, erklärt sich aus der tiefen inneren und äußeren politischen und moralischen Krise der III. Republik (1870-1940) und aus ihrer Unfähigkeit, durch eine Reform und Stabilisierung des politisch-sozialen Systems außenpolitisch handlungsfähig zu bleiben und die katastrophalen Folgen der Weltwirtschaftskrise und des Zusammenbruchs des Versailler Sicherheitssystems aufzufangen. Im Wesentlichen noch ausgeformt in der liberalen Belle Epoque vor 1914, waren Staat und Gesellschaft den enormen Belastungen des Übergangs zum modernen Industriezeitalter und zur demokratischen Massengesellschaft nicht gewachsen und dementsprechend nicht in der Lage, der existentiellen Bedrohung der Nation eine kraftvolle Außen- und Sicherheitspolitik und einen Führungsanspruch in Europa entgegenzusetzen.


    Die ökonomische Dauerkrise der 30er Jahre, vertieft durch die Versäumnisse der Vergangenheit (Modernisierungsdefizit) und eine wachstumshemmende orthodoxe und deflationistische Währungs- und Finanzpolitik (Überbewertung des Franc), hatte schwerwiegende gesellschaftliche Folgen: hohe Arbeitslosigkeit, verschärfte Klassenspannungen, geringe soziale Sicherheit, Verarmung breiter Mittelschichten, Proletarisierung der Arbeiterschaft und von Teilen der Intelligenz, demographische Stagnation. Daraus ergaben sich politische Krisen: Auflösung der liberaldemokratisch-republikanischen "Herrschaftssynthese der Mitte", nachlassende Integrationskraft und Kompromissfähigkeit der bürgerlich-demokratischen Parteien, Radikalisierung und Proletarisierung nach links und rechts mit antiparlamentarischen und rechtsextremistischen Bewegungen, Instabilität der Regierungskoalitionen, zunehmende Funktionsunfähigkeit der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie mit Verselbständigung von Exekutive, Armee und Interessengruppen.


    So traf die Rheinlandbesetzung 1936 inmitten rasch wechselnder Regierungskonstellationen (u. a. Volksfront) auf ein schwaches und handlungsunfähiges Übergangskabinett Sarraut. Mit der allgemeinen moralischen Krise der bürgerlichen Gesellschaft (Kulturpessimismus, "décadence", Defaitismus) und daraus resultierenden Sympathien für autoritäre oder gar faschistische Lösungen (6. 2. 34 Sturm der rechtsradikalen Ligen auf das Palais Bourbon) verband sich in der Armee militärpolitisch eine tiefe Neigung zu einer reinen Defensivstrategie ( Maginot-Linie). Immer weiter öffnete sich die Schere zwischen überkommenem Großmachtanspruch auf der einen, schwindenden materiellen Ressourcen und nachlassendem Selbstbehauptungswillen auf der anderen Seite. Der Waffenstillstand vom 22. 6. 40 besiegelte nicht nur eine militärische Niederlage (Frankreichfeldzug), sondern auch das Schicksal einer in vielem als überlebt empfundenen politisch-gesellschaftlichen Ordnung. Er schuf Raum für zwei Entwicklungen: zum einen für die kurzfristige der Kollaboration und des bürokratisch-autoritären Vichy-Regimes unter Pétain (1940-44) mit der von ihm proklamierten "Nationalen Revolution" als eine Erneuerungsbewegung, auf die sich zeitweilig die Hoffnungen auch vieler enttäuschter Demokraten der III. Republik richteten, und zum anderen langfristig über die Résistance und "La France libre" von General de Gaulle für die IV. Republik (1946-58), in der Frankreich den entscheidenden Schritt in die "modernisation" tun sollte.