Gemeinschaft

    Aus Lexikon Drittes Reich

    zentraler Begriff der nationalsozialistischen Weltanschauung, der ausgehend vom klassischen Bild des Menschen als "zoon politikon" (Gemeinschaftswesen) die "verpflichtende Gegenseitigkeit" im menschlichen Handeln betonen sollte. Das damit suggerierte Geben und Nehmen in der Gemeinschaft orientierte sich im Nationalsozialismus allerdings nach klaren Prioritäten: Die Individualrechte hatten unbedingt hinter den Interessen der Gemeinschaft zurückzutreten, wobei nach dem Führerprinzip "von oben" bestimmt wurde, was diese Interessen seien. Der nationalsozialistische Gemeinschaftsbegriff entwickelte sich in Abgrenzung sowohl zur traditionellen Gesellschaftsvorstellung wie zur marxistischen Klassentheorie: Während die Gesellschaft erst eine nachträglich zweckhafte Zusammenfassung von Gruppen sei, bedeute Gemeinschaft "ursprünglichen Lebenszusammenhang", "Urdasein"; im Gegensatz zum "volkstumslosen, internationalen" Klassendenken wurzele die Gemeinschaft im "Blut", verpflichte zur Pflege der "Erbmasse", des "konstanten Faktors" der Gemeinschaft, und könne so Grundlage einer umfassenden Volksgemeinschaft werden, wie sie im Ersten Weltkrieg in der Front sichtbar geworden sei. Wie das Fronterlebnis zur echten Gemeinschaft der Kämpfer geführt habe, müsse "das Erlebnis des gemeinsamen Schicksals auf gleichem Raum zur Opfer- und Schicksalsgemeinschaft" führen.


    Gegen den Vorwurf des Kollektivismus verwahrten sich die nationalsozialistischen Gemeinschaftsideologen mit dem Hinweis auf den vorgesehenen "gegliederten" Gemeinschaftsaufbau: Keimzelle sei die Familie, die wiederum eingebunden sei in "Berufskameradschaft" und Gemeinde und sich schließlich zum Volk weite. Die Praktiken der nationalsozialistischen Erziehung belegen jedoch, dass den totalitären Zielen selbst der verklärte Familienbegriff im Wege stand. Angestrebt wurde eine "ausgerichtete" Gemeinschaft, deren "oberstes Gesetz" die "Disziplin" sein müsse nach dem Prinzip von "Führer und Gefolgschaft" (Ley 11. 12. 34). Von einer Gemeinschaft, in der sich das Individuum "erst zur Persönlichkeit entfalten" könne, wie offiziell propagiert wurde, konnte dabei natürlich keine Rede sein.