Germanenkult

    Aus Lexikon Drittes Reich

    überzeichnende Verklärung von Geschichte und Kultur der Germanen. Nachdem die Germanen im 19. Jahrhundert zum Gegenstand der deutschen Literatur geworden waren, erfuhren sie zunächst eine idyllisierende, romantische Überhöhung, symbolisierten später deutsche Größe und Überlegenheit sowie eine von sozialen Widersprüchen freie nationale Gemeinschaft. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg entfalteten zahlreiche nationalistischen, mit der politischen Wirklichkeit unzufriedene Autoren einen Germanenkult mit "Urväter-Sagas", mit "Romanen aus germanischer Vorzeit" und über "germanische Volkskönige" wie Blunck, oder nordisch-mythische Balladen wie Münchhausen. Der literarische Germanenkult wurde seit Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine positivistische nationalistische Geschichtswissenschaft abgelöst, die mit einer neu interpretierten "germanischen Altertumskunde" der griechisch-römischen Antike ein "klassisches" germanisches Altertum mit einer "eigenwertigen Geisteskultur" als gleichwertig gegenüberstellte ("Germanische Altertumskunde", herausgegeben von H. Schneider, 1938). Die Nationalsozialisten förderten den ihrem rassistischen Weltbild entsprechenden Germanenkult und weiteten ihn aus durch Brauchtumspflege, durch Restauration oder Neuanlage germanischer Kultur- und Gedenkstätten, durch Thingspiele u. a., da das Dritte Reich im Verständnis seiner Führer das germanische Erbe fortführte, sich im Germanenkult historische Verwurzelung, Dauerhaftigkeit und Volkstümlichkeit des Systems ausdrücken sollten.