Gleiwitz

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutsche Großstadt im oberschlesischen Industrierevier. Auf den Rundfunksender Gleiwitz wurde am Abend des 31. 8. 39 auf Befehl von SD-Chef Heydrich ein fingierter Überfall von einem Einsatzkommando unter SS-Sturmbannführer Naujocks verübt. Damit sollte vor der Weltöffentlichkeit der Beweis erbracht werden, dass polnische Grenzübergriffe einen Grad erreicht hätten, der militärische Gegenmaßnahmen (Polenfeldzug) als Notwehr erscheinen lassen würde.


    Entsprechend der Äußerung Hitlers vor hohen Militärs auf dem Obersalzberg am 22. 8. 39, er werde einen "propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft", wurden von Heydrich drei Aktionen geplant, deren spektakulärste die gegen den Sender Gleiwitz werden sollte: Auf das Stichwort aus Berlin: "Großmutter gestorben" besetzte Naujocks mit seiner als polnische "Insurgenten" getarnten Gruppe gegen 20 Uhr den Senderaum, unterbrach das Programm und ließ einen polnischen Aufruf zum Kampf gegen die Deutschen verlesen. Er war aber nur lokal zu hören, weil Gleiwitz überregional nur über den Sender Breslau ausstrahlte, der nicht zugeschaltet war. Währenddessen wurde Gefechtslärm simuliert und ein betäubter Häftling (SS-Jargon: "Konserve") an der Tür niedergelegt und erschossen. Er blieb nach Ende der ca. 20-minütigen Aktion zum Beweis der angeblichen polnischen Täterschaft zurück. Die propagandistische Ausschlachtung der vorgetäuschten Überfälle - es liefen zugleich Aktionen gegen das Zollhaus Hochlinden und das Forsthaus Pitschen, wo ermordete KZ-Häftlinge in polnischen Uniformen zurückgelassen wurden - machte Schwierigkeiten wegen der Panne mit der Senderreichweite und wegen des Übergewichts der folgenden Kriegsereignisse. Auch herrschte schon seit den Gerüchten um den Reichstagsbrand im In- und v. a. Ausland tiefe Skepsis bei nationalsozialistischen Entrüstungsfeldzügen.