Großbritannien

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (amtlich United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland), Parlamentarische Monarchie in Nordwesteuropa mit 242 632 km² und 43 Millionen Einwohnern (1930). Zwischen 1914 und 45 erlebte Großbritannien durch zwei Weltkriege mit der Weltwirtschaftskrise als "Wasserscheide" im Zeichen einer von nur zwei Labour-Regierungen unterbrochenen konservativen Vorherrschaft mit dem Niedergang des politischen Liberalismus den tiefgreifenden Umbruch vom Liberalkapitalismus des 19. zum Wohlfahrts- und Interventionsstaat des 20. Jahrhunderts. Wichtige Wandlungen in den Außenbeziehungen – Umformung des Empire zum Commonwealth, Schrumpfung zur europäischen Mittelmacht, Auflösung des Mandatssystems von 1919 und Beginn der Dekolonisation, Herausforderung als "Werkstatt der Welt" durch deutsche, amerikanische und japanische Konkurrenz – verbanden sich mit der Konzentration auf innenpolitische Probleme und Aufgaben: Modernisierung der Wirtschaft, Umstrukturierung von alten (Kohle, Eisen und Stahl, Textilien) auf neue Wachstumsindustrien (Elektrogeräte, Chemie, Feinmechanik, Maschinenbau, Motoren), Abbau der sozialen Spannungen (1926 Generalstreik) und der Arbeitslosigkeit (nie unter einer Million), Motorisierung, Urbanisierung u. a.

    Die Schlüsselbegriffe der 20er Jahre "Reconstruction, Restoration, Recovery" wiesen noch zurück auf die illusionäre Hoffnung, innen- und außenpolitisch die "Uhren auf 1914" zurückstellen zu können (1925 Rückkehr zum Goldstandard). Die Weltwirtschaftskrise setzte mit dem Kernbegriff "planning" neue Akzente der Krisenbewältigung: staatlich subventionierter Wohnungsbau und Ausbau der Landwirtschaft, Planwirtschaft und Sozialstaatsplanung, staatliche Strukturpolitik in den Notstandsgebieten, Ausbau der Arbeitslosenversicherung.


    Außenpolitisch verstand sich London in den 20er Jahren als Garant der kollektiven Sicherheit (Völkerbund, Kellogg-Pakt) und des europäischen Mächtegleichgewichts (Locarnopakt), als Mittler zwischen französischem Sicherheits- und Hegemonialstreben und deutschem Verlangen nach Revision von Versailles, nach machtpolitischer Gleichberechtigung. Großbritannien, das die Weimarer Republik als zuverlässiges Bollwerk gegen den Bolschewismus protegiert hatte, sah sich nach dem Zusammenbruch des Versailler Systems der kollektiven Sicherheit nach Hitlers Machtübernahme zur Suche nach bilateralen Wegen zur Entspannung gezwungen (Deutsch-Britisches Flottenabkommen). Nur so konnte es mit einer Doppelstrategie von Appeasement und gemäßigter Aufrüstung angesichts des Scheiterns der internationalen Abrüstung und der Bedrohung des Britischen Weltreichs durch die drei Aggressoren Deutschland, Italien und Japan den genannten Transformations- und Modernisierungsprozess im Innern nach außen absichern.

    Zwangswirtschaft, Sozialstaatsplanungen, die nationale Koalition im Kriegskabinett Churchill und die Integration der Gewerkschaften im Krieg sowie der Wahlsieg der Labour Party unter Attlee und Bevin im Juli 45 schufen die Voraussetzungen für die Verwirklichung des bereits in der Zwischenkriegszeit konzipierten und in ersten Ansätzen realisierten modernen Wohlfahrtsstaats und der "mixed economy" (Verstaatlichungen) in Großbritannien. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs waren die totale Erschöpfung der nationalen materiellen und finanziellen Ressourcen, die endgültige Auflösung des Weltreichs sowie der Abstieg in die Zweitrangigkeit und internationale Abhängigkeit.