Großdeutsches Reich

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (Großdeutschland), zunächst propagandistisch, im Zweiten Weltkrieg offizielle Eigenbezeichnung des nationalsozialistischen Deutschen Reichs. Die Bildung eines Großdeutschen Reichs war schon in Punkt 1 des Programms der NSDAP vom 24. 2. 20 verlangt worden: "Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen ... zu einem Großdeutschland"; das Parteiorgan "Völkischer Beobachter" trug seit 1921 den Untertitel "Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands".


    Der Begriff "großdeutsch" hatte eine lange Entwicklung hinter sich und ging zurück auf das patriotische Erwachen in den Befreiungskriegen (1813/15) gegen die napoleonische Fremdherrschaft. Im Lied von E. M. Arndt (1769-1860) "Was ist des Deutschen Vaterland?" (1813) hieß es schon: "Das ganze Deutschland muss es sein." Die Hoffnungen gingen unter in der Zeit der Restauration und scheiterten erneut 1848/49 am preußisch-österreichischen Dualismus und dem Vielvölkerballast der Donaumonarchie. Bismarcks Reichsgründung von 1871 führte dann die kleindeutsche Lösung mit Modifikationen zum Sieg, deren "Enge" von den enttäuschten Verfechtern eines Großdeutschen Reichs bekämpft wurde. Insbesondere in Deutschösterreich blieb die großdeutsche Sehnsucht wach (Alldeutscher Verband) und brach sich nach dem Untergang des habsburgischen Reichs 1918/19 Bahn in Forderungen nach Anschluss an das Deutsche Reich. Damit aber wären die Alliierten des Ersten Weltkriegs um die machtpolitischen Früchte des Siegs gebracht worden, weswegen sie in den Friedensverträgen die Vereinigung verboten.

    Der Österreicher Hitler artikulierte in seiner großdeutschen Propaganda daher Hoffnungen auf "nationale Wiedergeburt", da der "Zusammenschluss des geschlossen siedelnden Deutschtums" aufgrund des von alliierter Seite propagierten Selbstbestimmungsrechts der Völker die einzig realistische Chance schien zur Lockerung der "Fesseln des Versailler Vertrags". Wenn dennoch nach Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich am 13. 3. 38 nur zögernd vom Großdeutschen Reich gesprochen wurde, dann wegen der wesentlich weiter gesteckten Ziele Hitlers. In der Presseanweisung des Propagandaministeriums vom 21. 3. 38 wurde die Zurückhaltung damit begründet, dass zu einem wirklichen Großdeutschen Reich "natürlich noch andere Gebiete" gehörten, "die wir zu gegebener Zeit beanspruchen werden". Zunächst dominierte daher der weniger verbindliche Begriff "Großdeutschland", der erst von der Bezeichnung Großdeutsches Reich verdrängt wurde nach der Eingliederung des Sudetenlands (Oktober 38), des Memelgebiets (März 39), der "Reichsgaue" Danzig-Westpreußen und Wartheland (Oktober 39), der Errichtung der "Nebenländer" Protektorat (März 39) und Generalgouvernement (Oktober 39) sowie der Annexion Eupen-Malmedys (Mai 40) und der Übernahme Elsass-Lothringens (Juli 40). Mit dieser radikalen Überdehnung der ursprünglich großdeutschen Vorstellungen wurde der Begriff Großdeutsches Reich imperialistisch zerstört und konnte nach der Bedingungslosen Kapitulation (8. 5. 45) keine Wirkung mehr entfalten.