Heinrich Himmler

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher nationalsozialistischer Politiker

    geboren: 7. Oktober 1900 in München gestorben: 23. Mai 1945 bei Lüneburg


    Himmler wuchs in einem katholisch-bürgerlichen Haus auf, der Vater war Gymnasiallehrer. Nach Notabitur Kriegsfreiwilliger, kam Himmler nicht mehr an die Front und studierte von 1919-22 Landwirtschaft an der TH München; Abschluss mit Diplom, anschließend Landwirtschaftlicher Assistent in Schleißheim. Konservativ geprägt, suchte er mit dem Ehrgeiz des militärisch Zuspätgekommenen im nationalen Kampfbund "Reichsflagge" Anschluss und Betätigung, stieß dann zur Hitler-Bewegung und nahm am Hitlerputsch als einer der Fahnenträger teil. In Hitlers persönliches Kraftfeld geriet er erst nach dessen Entlassung aus der Landsberger Festungshaft 1924. Vorgeprägt von Glaubensgeborgenheit als Lebensfundament, aber doch nicht gefestigt im Katholizismus, übertrug Himmler seine geistige Heimatsuche bedingungslos auf Hitler und die nationalsozialistische Weltanschauung. Mitentscheidend wurde hierbei der Berufsweg des Landwirts in einer Zeit, in der sich der Blut-und-Boden-Mythos in nationalen Kreisen stark entwickelte. Himmler fand Zugang zur bündischen Bewegung der Artamanen und wurde 1925 Gauführer darin. Die allgemeinen nationalsozialistischen Ideen von Volk und Rasse fanden für den Mittzwanziger in den Elementen landsässiger Kultur, Brauchtum, Höherzüchtung, Auslese und Neogermanentum konkrete Anwendung und Anschaulichkeit. Der Agrarfachmann wurde in den Denkkategorien seines erlernten Berufs zum Apostel rassischer Neubesinnung, aber weit mehr als sein Führer mit sektiererischem Einschlag. Wo Hitler nur allgemeine Ziele absteckte und Direktiven wies, ging Himmler mit pedantischer Genauigkeit und pädagogischem Eifer daran, die Richtlinien des Meisters mit Inhalt zu füllen.


    Das Instrument dafür fand er in der Elitetruppe der Schutzstaffel (SS). Hervorgegangen aus der persönlichen Stabswache des Parteiführers (1921) innerhalb der paramilitärischen SA, führte die SS ihren Eigennamen ab 1925, blieb aber integraler Bestandteil der SA unter deren Führung. Himmler, der zunächst mit allgemeinen Parteiaufgaben hervortrat – 1925: Geschäftsführer Gau Niederbayern, stellvertetender Gauleiter und Propaganda-Obmann Oberbayern-Schwaben –, wurde 1927 zum stellvertretenden Reichsführer SS ernannt. Die SS umfasste nur wenige hundert Mann. Doch Himmlers organisatorisches Talent, sein Fleiß, die ideologische Unbeirrtheit, unbedingte Führertreue und skandalfreie Lebensführung mussten frühzeitig auffallen und ihn für Beförderungen qualifizieren. Schon 1929 wurde er (der dritte und zugleich letzte) Reichsführer SS. Himmler wollte sein rassisches Idealbild in der SS verkörpert sehen. Seine Richtlinien für Auswahl und Nachwuchs legten strenge "arische" Kriterien fest: nach Abstammung, "erbbiologischer" Gesundheit, Wuchs, Gesichtsschnitt. Der leidenschaftliche Personalpolitiker Himmler prüfte am liebsten selber Passbilder mit der Lupe, so wenig sein eigener Typus (mittelgroß, dunkelhaarig, kurzsichtig, fliehendes Kinn) nordischen Idealanschauungen entsprach. Das Bewusstsein des Elitecharakters der SS ließ Himmler hochmütig herabblicken auf die grob-biederen Straßenkämpfernaturen, die das Normalbild in der SA ausmachten. Gleichwohl zeigen ihn die Fotos der frühen 30er Jahre loyal, mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck, im zweiten Glied hinter dem SA-Führer Röhm.


    Die Wende des Jahrs 1933 bedeutete für Himmler zunächst keinen Aufstieg, der mit dem sichtbaren Vorankommen der anderen Hitler-Granden vergleichbar war. Er wurde Polizeipräsident in München. Doch mit Umsicht und vorausplanender Weitsicht nutzte er die Chance zielstrebig; denn hier hatte er einen Zipfel staatlicher Exekutive gefasst. Von München aus unterwarf er sich die politische Polizei erst Bayerns, dann aller deutschen Länder mit Ausnahme Preußens, wo Ministerpräsident Göring die Geheime Staatspolizei (Gestapo) unter eigener Kontrolle hielt. Himmlers rechte Hand wurde Heydrich, der ab 1931 den SS-internen Sicherheits- und Nachrichtendienst (SD) aufbaute. 1934 ernannte Göring Himmler zum stellvertretenden Chef der Gestapo in Preußen. Dieser Schlüsselposten eröffnete Himmler und Heydrich den Eintritt ins Machtzentrum. Zugleich gab er ihnen Gelegenheit, die schwelende Röhm-Affäre zur Reife zu bringen. Mit eigens zubereitetem Material überzeugten sie Hitler von angeblichen Putschabsichten der SA. Nach Röhms Beseitigung wurde die SS aus der Vormundschaft der nun domestizierten SA gelöst und zur selbständigen Organisation (25. 7. 34) erhoben.


    Dem ersten entscheidenden Schritt in die Machtelite des Dritten Reichs folgte der zweite am 17. 6. 36, als dem Reichsführer außerdem die gesamte Polizei im Reich unterstellt wurde (Titel: Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei). Damit hatte Himmler zusätzlich zu seiner inzwischen 50 000 Mitglieder zählenden SS den ganzen staatlichen Sicherheitsapparat in der Hand. Ein alles durchdringendes Kontroll- und Überwachungssystem war ihm verfügbar geworden bzw. entstand jetzt in konsequentem Ausbau der Machtmittel. Himmler schuf einen Staat im Staate, ein wucherndes Gebilde verschlungener Kompetenzen, zwischen denen Himmlers bürokratischer Verstand den vollen Durchblick und sein Machtinstinkt die uneingeschränkte Aufsicht behielt. Das Imperium der SS reichte von den Nachwuchsanstalten (Junkerschulen) und Aufzuchtstätten (Lebensborn) über das Millionenheer der Ordnungspolizei bis zum gewaltigen Komplex der Konzentrationslager (KZ) unter der Befehlsgewalt der Totenkopfverbände. Jedes der SS-Hauptämter, vom persönlichen Stab des Reichsführers bis zum Ressort "Festigung des deutschen Volkstums" (dies erst im Krieg), war einem Obergruppenführer unterstellt, Himmlers Generalität. Inmitten der Riesenmaschinerie rotierte leise und besonders effektiv der Motor, den Heydrich bediente. Seinem Ressort, dem Reichssicherheitshauptamt, unterstanden u. a. der Sicherheitsdienst (SD) sowie die Sicherheitspolizei mit den Abteilungen Kripo und Gestapo.


    Mit Kriegsbeginn dehnte Himmler seinen tiefgestaffelten Herrschaftsapparat auf die besetzten Gebiete aus und erfasste dabei mit besonderer Intensität den Osten. Erst jetzt zeigte sich Himmler im vollen Licht seiner Doppelnatur, die der Hitlers glich: Programmatiker und Vollstrecker in einer Person. Einerseits dachte er Hitlers Gedanken "von sich aus zu Ende, besaß aber auch ... die Macht, sie in die Wirklichkeit umzusetzen: Das bestimmt seinen Rang und seinen Standort in der Hierarchie des Dritten Reiches" (Fest). Ideologisch zutiefst durchdrungen, übte er Macht nicht um ihrer selbst willen aus, sondern glaubte, eine Mission zu erfüllen, und glich auch darin Hitler. Der Kampf im Osten war für beide der Weltanschauungskampf gegen slawische und jüdische "Untermenschen". Dieses Sendungsbewusstsein erklärt, dass Himmler ohne inneren Zwiespalt sowohl sittliche Ideale predigen und zugleich Millionen Menschen vernichten lassen konnte (Einsatzgruppen, Endlösung). Er versuchte, seine SS-Männer in vielen (geheimen) Reden gegen alle Skrupel des Tötens zu härten, und unterschrieb ohne Hemmung Todesurteile, wenn seine Leute sich an jüdischem Eigentum bereicherten. So war "König Heinrich", wie die Anhänger ihn nannten (die Spötter sagten "Reichsheini"), der Tugendwächter der SS und zugleich der größte Organisator des Massentötens, den die Weltgeschichte kennt. Das Ineinander von Ausrottungspolitik und rechtlichem Denken verdichtete sich in dem beispiellosen Satz (Oktober 43 in Posen): "Wenn die Ausrottung nicht scheußlich und so furchtbar für uns wäre, dann wären wir ja keine deutschen Menschen."


    In der Ämterhäufung ähnelte Himmler fast Göring. Nachdem er 1939 zusätzlich Reichskommissar für die "Festigung des deutschen Volkstums" geworden war, kam 1943 das Innenministerium dazu, nach dem 20. 7. 44 der Befehl über das Ersatzheer: So konzentrierte sich seine Energie, als der Großraum Osten schon wieder verloren war, erneut auf das innere Reich, hierbei besonders auf die Verfolgung der Verschwörer nach dem Zwanzigsten Juli 44 und auf die Mobilisierung letzter Kampfreserven, auch des Volkssturms. 1945 versagte der kriegsunerfahrene SS- und Polizeichef, als er nacheinander zwei Heeresgruppen führte. Geheime Waffenstillstandsbemühungen gegenüber dem Westen kamen Hitler zu Ohren, der seinen bisher unbedingt ergebenen Gefolgsmann im politischen Testament aller Ämter enthob und aus der Partei ausstieß. Himmler schlug sich nach Flensburg durch, wo ihn die Regierung Dönitz aber als Belastung abwies. Beim Versuch, verkleidet durch die britischen Linien zu entkommen, wurde Himmler festgenommen und beging Selbstmord.