Hermann Göring

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher nationalsozialistischer Politiker

    geboren: 12. Januar 1893 in Rosenheim gestorben: 15. Oktober 1946 in Nürnberg


    Göring war Sohn des ersten Reichskommissars in Deutsch-Südwest-Afrika. Seine Kindheit und Jugend, schon dadurch großbürgerlich geprägt, gewann ausgesprochenen Feudalstil, als die Eltern um die Jahrhundertwende auf die Besitztümer seines Patenonkels v. Epenstein übersiedelten. Auf zwei Schlössern im Salzburgischen und in Franken fand der Junge großzügige Verhältnisse, die ganz offenkundig seinen später berühmt-berüchtigten Hang zu Prunk und Pracht begründeten. Die militärische Lebensrichtung entwickelte sich aus dem Besuch der Kadettenanstalten Karlsruhe und Lichterfelde bei Berlin. Seine intellektuelle Anlage war vielversprechend. 1912 kam er zur Infanterie ins Elsass. Der Leutnant ging aber bald zur neuartigen Fliegertruppe über, in der er einer der erfolgreichsten Jagdflieger wurde (Pour le Mérite 1917). Nach Richthofens Tod war er letzter Kommandeur dessen Geschwaders. Den trüben Nachkriegsverhältnissen entging er durch Übersiedlung nach Dänemark und Schweden, wo er sich als Kunstflieger betätigte und Karin von Kantzow kennen lernte. Die gegenseitige Liebe zerstörte die Ehe der Schwedin, die 1923 nach ihrer Scheidung den 30-jährigen Fliegerhauptmann a. D. in München heiratete. Göring war bereits 1921 in die Heimatprovinz zurückgekehrt, weil er im Norden keine berufliche Zukunft sah.


    Wegentscheidend wurde die Begegnung mit Hitler, der dem Kriegshelden, bei dem Energie und Wille hervorstachen, den weiteren Aufbau der SA übertrug. Ein Jahr später, beim Hitlerputsch, erlitt Göring an der Feldherrnhalle schwere Verletzungen. Er entzog sich dem Haftbefehl durch Flucht nach Österreich. Morphium-Injektionen gegen die Schmerzen machten ihn süchtig. Erst Jahre danach konnte er die Abhängigkeit durch mehrere Entziehungskuren in Schweden überwinden. Die mittleren 20er Jahre waren Görings glücklose Lebensphase: versehrt, ohne Beruf, verschuldet und landesflüchtig. Eine Amnestie 1927 ermöglichte die Rückkehr, eine Kriegsfreundschaft schlug die Brücke zur Lufthansa und damit zu wirtschaftlicher Erholung.

    Göring entfaltete in Berlin ein reges Gesellschaftsleben, das auch politisch förderlich war. Die Kontakte zu Hitler erneuerten sich. 1928 wurde Göring MdR der NSDAP. Das eigene Haus in der Badenschen Straße diente der Pflege der Beziehungen zu den umworbenen politischen und industriellen Kräften. Während Goebbels Berlin auf der Straße und in Redeschlachten zu erobern suchte, errang Göring Siege auf gesellschaftlichem Parkett. Seine Weltgewandtheit machte ihn eher als andere nationalsozialistische Führer salonfähig in den Augen konservativer Kreise. 1931 starb Karin Göring an Herzschwäche (ihr zu Ehren nannte der Witwer seine spätere Prunkvilla in der Schorfheide "Karinhall"). 1932 wurde die NSDAP stärkste Reichstagsfraktion und Göring Reichstagspräsident. Der geschickte Organisator, gute Redner und gerissene Taktiker stellte hier (mit)entscheidende Weichen für die endgültige Gewinnung der Macht im Staat.

    Als Hitler Reichskanzler wurde, trat Göring als Minister ohne Portefeuille ins Kabinett ein, war zunächst nur Reichskommissar für die Luftfahrt. Dennoch hatte er sich schon jetzt ohne erkennbare Anstrengung den zweiten Platz in der Machthierarchie gesichert, weniger durch Leistung als durch sein Auftreten und seine Bedenkenlosigkeit. Der französische Botschafter in Berlin, François-Poncet, charakterisierte ihn in der Rückschau: "Er war geschickt, schlau, kaltblütig, mutig und von eisernem Willen. Skrupel kannte er nicht. Und er war ein Zyniker. Obwohl er großherzige Regungen und Ritterlichkeit kannte, konnte er von unerbittlicher Grausamkeit sein." So war Göring zwar ein unbedingter Anhänger von Hitlers Rassenlehre, konnte aber unverfroren erklären: "Wer Jude ist, bestimme ich!" und dementsprechend Schutzbriefe ausstellen, die auch gültig blieben; er genoss Popularität trotz oder wegen seiner Prunkliebe, Ordenssucht, Körperfülle und weil er als Einziger aus der nationalsozialistischen Prominenz Sinn sogar für regimefeindliche Flüsterwitze hatte, aber er intrigierte hemmungslos in der Röhm-Affäre und unterstützte kaltblütig die Mordaktion; er beherzigte das Prinzip "Leben und leben lassen", aber verstrickte sich ohne Zögern in jede der großen menschenverachtenden Gewaltaktionen des Dritten Reichs. Das machte ihn am Ende mit Recht zum Ersten unter den Hauptangeklagten in Nürnberg.

    Kein anderer unter Hitlers Gefolgsleuten, nicht einmal Himmler, vereinigte mit der Zeit - und großenteils nebeneinander - so viele Ämter auf sich. Der bisherige Reichstagspräsident, der mit seinem ungeschickten Drohverhalten im Reichtstagsbrandprozess den mittlerweile widerlegten Verdacht nährte, die Nationalsozialisten als Nutznießer seien an der Brandstiftung beteiligt gewesen, wurde im April 33 preußischer Ministerpräsident (zeitweilig auch Innenminister, der hier die Geheime Staatspolizei beherrschte), im Mai 33 Reichsminister für Luftfahrt, 1934 Reichsforst- und Reichsjägermeister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, 1936 Beauftragter für den Vierjahresplan, der vorwiegend der Kriegsvorbereitung diente. 1936 setzte er Personal und Material der jungen Luftwaffe zum ersten Härtetest ein: als Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg zugunsten von Franco. 1938 ernannte Hitler ihn, der die mittleren und höheren Offiziersränge übersprungen hatte, zum zweiten Feldmarschall des Dritten Reichs (nach Blomberg). Nach dem Pogrom der Kristallnacht (9./10. 11. 38) drängte Göring die Juden endgültig aus dem Wirtschaftsleben und erlegte den Opfern eine "Wiedergutmachung" auf: Für die unschuldig erlittenen Schäden mussten sie zusammen eine Sondersteuer von einer Milliarde RM entrichten. In der Polenkrise (August 39) versuchte Göring, den Krieg zu verhindern, und setzte erfolglos internationale Beziehungen ein (Dahlerus). Unter dem Eindruck des britischen Ultimatums vom 3. 9. 39 äußerte Göring deutliche Zweifel am Durchhaltevermögen: "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann möge uns der Himmel gnädig sein." Zwei Tage zuvor hatte Hitler ihn zum Nachfolger designiert.


    Die Kriegsjahre zeigten Göring in zwei scharf voneinander abgesetzten Erscheinungsbildern. In der Blitzkriegsphase trug er entscheidend zu den Siegen bei (neuartiges Zusammenwirken von Luft- und Erdkampfverbänden). Auf dem Höhepunkt der Erfolge erhielt er den für ihn geschaffenen höchsten militärischen Dienstgrad und nannte sich nun Reichsmarschall (19. 7. 40). Doch schon in der Luftschlacht um England begann der Niedergang der Jagdwaffe. Sie erwies sich - bei An- und Rückflug - technisch unterlegen und vermochte nicht die für eine Invasion der Insel nötige Luftherrschaft zu erkämpfen und die Verluste der Bomber in erträglichen Grenzen zu halten. Falsche Weichenstellungen in der Luftkriegsrüstung lieferten dann das Reich entgegen Görings Versprechen mehr und mehr hilflos den Bombenangriffen des westlichen Gegners aus. Mit diesem offenkundigen Versagen an der Spitze der deutschen Luftwaffe ging Görings Persönlichkeitsverfall einher. Er fiel in die alte Morphiumsucht zurück, die ihn inaktiv und realitätsblind machte. Unter der euphorischen Wirkung der Suchtmittel versprach er, den Stalingrad-Kessel ausreichend zu versorgen, was völlig misslang. Görings Ansehenseinbußen wuchsen durch militärische Misserfolge bei gleichzeitigem Wohlleben, finanziert und ausgestaltet durch Kriegsbeute (u. a. Kunstraub). Hitler hielt zwar dennoch lange zu ihm, doch verlor Göring an Boden gegenüber den Rivalen Bormann, Himmler und Goebbels. Als er kurz vor Kriegsende mit den westlichen Alliierten in Verhandlung treten wollte, stieß ihn Hitler im politischen Testament aus der Partei aus und ordnete seine Verhaftung an, die Göring bald mit amerikanischer Gefangenschaft tauschte.

    Im Nürnberger Prozess nahm Göring selbstbewusst die Führungsrolle unter den Angeklagten ein. Er wurde trotz geschickter Verteidigung unter dem Eindruck erdrückender Beweise seiner Mitschuld an den nationalsozialistischen Massen- und Kriegsverbrechen, insbesondere der Endlösung, zum Tod verurteilt. Er nahm das Urteil gelassen auf, da er Gift hatte ins Gefängnis schmuggeln können (wie, ist ungeklärt). Weniger als drei Stunden vor dem Zeitpunkt der Hinrichtung setzte er seinem Leben ein Ende. Die Leiche wurde zusammen mit denen der Gehenkten verbrannt, die Asche in ein Nebenflüsschen der Isar gestreut.