Hitlerjugend

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (HJ), programmatische Bezeichnung für die totalitäre Organisation der Jugend innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung. Faktisch entstand sie aus dem 1922 in München gegründeten "Jungsturm Adolf Hitler", einer Nachwuchsorganisation der SA, wenn sie sich als HJ auch erst im Dezember 26 konstituierte. Nachdem Schirach am 30. 10. 31 "Reichsjugendführer der NSDAP" (bis 1940, Nachfolger Axmann) geworden war, suchte er sich alle Jugendverbände der NSDAP zu unterstellen (neben der HJ entstanden 1929 der Bund Deutscher Mädel (BDM), der NS-Schülerbund, das Deutsche Jungvolk, erst im September 32 konnten NS-Jugendbetriebszellen eingerichtet werden) und sie unabhängig von den Weisungen der SA- und Parteidienststellen zu machen. Dieses Ziel war im September 32 erreicht.

    Den eigentlichen Aufschwung erlebte die HJ durch den überraschenden Zuspruch, den der Reichsjugendtag in Potsdam am 2. 10. 32 erhielt. Jetzt wurden ihre Verbände als Deutsches Jugendwerk auch in den Reichsausschuss der Deutschen Jugendverbände aufgenommen. Dessen Zentrale besetzte die HJ am 5. 4. 33. Dieser Handstreich wurde von der Reichsregierung durch die Ernennung Schirachs zum Jugendführer des Deutschen Reichs belohnt. Die Reichsjugendführung (RJF) war damit als "oberste Reichsbehörde" zugleich staatliches Organ der Jugendpolitik und Reichsleitung der HJ. Die HJ umfasste nun Jungvolk (zehn- bis 14-Jährige), Jungmädel (zehn- bis 14-Jährige), BDM und eigentliche HJ (15- bis 18-Jährige). Sie gliederte sich in 40 Gebiete, unterteilt wiederum in Banne, Stämme, Gefolgschaften, Scharen und Kameradschaften. Nun konnte sich die jetzt nur noch alters- und geschlechtsspezifische, nicht mehr sozial untergliederte HJ als einzige staatlich geförderte Jugendorganisation durchsetzen und über die RJF auch ihren Einfluss auf die Ausgestaltung des Jugendlebens geltend machen (Jugendherbergswerk und Heimbeschaffung, Kinderlandverschickung, Gesundheitskontrollen, Schul- und Betriebsjugendwalter, Reichsberufswettkampf und zusätzliche Berufserziehung, alleiniges Recht der HJ zur Durchführung von Wettkämpfen). Wo ihrem Totalitätsanspruch Grenzen gesetzt waren, reagierte sie mit dem Ausschluss ihrer Mitglieder, wenn diese katholischen Jugendverbänden oder studentischen Korporationen angehörten. Der bis zum Erlass des "Gesetzes über die HJ" im Dezember 36 eingerichtete "Staatsjugendtag", der am Samstag die Mitglieder des Jungvolks und der Jungmädel vom Unterricht in den öffentlichen Schulen befreite, ermöglichte die Registrierung der Verbandszugehörigkeit der Schüler.

    Obwohl in ihrem Erziehungsauftrag eindeutig parteilich und gegen eine konfessionelle Erziehung gerichtet, nahm die HJ für sich in Anspruch, die deutsche Jugendbewegung fortzuführen. Die Beachtung des Prinzips der "Selbstführung" verschleierte die zentrale Lenkung der Gestaltung des "Jugenddiensts". Zugleich versprach die HJ, den Traum von Gewinnung der "inneren Einheit des Volkes" durch die junge Generation, der aus Traditionen der deutschen Staatspädagogik (Fichte) und der Zeit des Jugendkults vor dem Ersten Weltkrieg stammte, zu verwirklichen. Nach der gesetzlichen Festlegung vieler "Dienstpflichten" für junge Menschen (Landjahr, Arbeits-, Wehrdienst, Pflichtjahr für Mädchen) hat die Jugenddienstverordnung vom 25. 3. 39 auch die Dienstpflicht in der HJ eingeführt. Von 1940 an waren demnach schon die Zehnjährigen zum Eintritt in Jungvolk und Jungmädel verpflichtet, für die älteren Jahrgänge wurden in den darauf folgenden Jahren "Jugendappelle" zu ihrer Erfassung durchgeführt.

    Die Aktionsfelder, die den 14- bis 18-Jährigen "Hitlerjungen" angeboten wurden, sind bis zum Krieg ständig erweitert und differenziert worden. Das nationalpolitische Engagement und die Härte in der körperlichen Beanspruchung durch den Dienst wurden bald übergeleitet in die Gewöhnung an Rituale und in die Vermittlung außergewöhnlicher Erlebnisse durch Fahrt und Lager: Die Gesinnungsgemeinschaft sollte zur "Formation" werden. "Sonderformationen" wie Flieger-, Marine-, Motor-HJ entwickelten militärisch nutzbare Fertigkeiten, Wettkämpfe brachten auch Nichtorganisierte mit der HJ in Beziehung, immer mehr konnten auch die kulturellen Aktivitäten der Jugendlichen von der HJ in Regie genommen werden. Die Differenz zwischen Schulung und Unterricht, Dienst und Arbeit, Führerauslese und Ausbildung blieb zunächst noch gewahrt: Der politische Irrationalismus setzte auf die Orientierung an Symbolen, auf Einsätze und Erlebnisse, in denen sich politische Gesinnung im Handeln bewähren konnte. Doch die totalitäre Dynamik negierte zunehmend die Unterschiede zwischen Schule und Lager, Ausbildung und emotionaler Selbstbestätigung.

    Im Krieg hatte nach Meinung der RJF "alle Arbeit allein der Kriegführung zu dienen". Da die HJ aber in einem Moment zur Zwangsveranstaltung geworden war, in dem ihr die älteren Führungskräfte entzogen wurden, geriet die "Selbstführung" in eine Krise. Diese wurde mit einer "Polizeiverordnung" nach obrigkeitsstaatlichem Muster und durch die Verschärfung von Strafandrohungen beantwortet. Der "HJ-Streifendienst" wurde jetzt als Organ der Sicherheitspolizei tätig. Die HJ näherte sich, insbesondere in ihrer Tätigkeit in den okkupierten Gebieten, immer mehr der SS als pseudostaatlicher totalitärer Organisation an. Der Apparat der RJF nutzte die "Selbstführung" als willfähriges Instrument zur Auflösung der auf die Nachwuchssicherung verpflichteten Institutionen aus, um die Jugendlichen möglichst früh für den "Endsieg" zu mobilisieren (Wehrertüchtigungslager, Flakhelfer, Volkssturm, Werwolf).