Homosexualität

    Aus Lexikon Drittes Reich

    gleichgeschlechtliche Beziehungen, zwischen Frauen nicht unter Strafandrohung, zwischen Männern in vielen deutschen Ländern bis 1871 straffrei, dann nach § 175 Reichsstrafgesetzbuch als "widernatürliche Unzucht" mit Gefängnis bedroht, in der Strafrechtspraxis ausschließlich auf "beischlafähnliche" Handlungen bezogen. Von den Nationalsozialisten wurde der § 175 am 28. 6. 35 so verschärft, dass jegliche "Unzucht" zwischen Männern, sogar gedankliche Beziehungen ohne Körperkontakt (wenn sie von "einiger Intensität und Dauer" waren), als "Verbrechen" bestraft werden konnten, mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, in schweren Fällen mit "Entmannung".


    In der nationalsozialistischen Weltanschauung galt Homosexualität als "Umkehrung des Geschlechtstriebes", als Untergrabung des "natürlichen Lebenswillens", da sie den "Fortbestand des Volkes" gefährden könne. Sexualwissenschaftler, die wie Hirschfeld für Toleranz bei abweichendem Sexualverhalten eintraten, wurden als "Zuhälter unter wissenschaftlichem Deckmantel" verteufelt. Als "widernatürliche Empfindung" hielten nationalsozialistische Mediziner Homosexualität für "heilbar", in der Praxis wurden Homosexuelle jedoch nicht in ärztliche Behandlung, sondern zunehmend in KZ eingewiesen (Kennzeichen: rosa Winkel), wo im Einzelfall u. a. der Reichsführer SS "Abkehrprüfungen" durchführte (z. B. 1944 in Ravensbrück), bei denen festgestellt wurde, wer sich von "Dirnen reizen" ließ und als "nicht wirklich homosexuell" aus der Haft entlassen werden konnte.

    Die nationalsozialistische Bewegung insgesamt war durch ein widersprüchliches Verhältnis zur Homosexualität gekennzeichnet: Öffentlich wurde Homosexualität bekämpft, intern geduldet. Männerbünde, die kämpferische bzw. soldatische "Tugenden" pflegen, "neigen zur Ausbildung homosexueller Praktiken" (Theweleit), Homosexualität war sowohl in den Freikorps wie in der SA verbreitet; Röhm wurde von Hitler zum Stabschef der SA ernannt, obwohl er aus seiner Homosexualität keinen Hehl machte. Der so scharf angekündigte nationalsozialistische Kampf gegen die Homosexualität wurde auch nach Röhms Ermordung entsprechend halbherzig geführt. Insbesondere in der sexuellen Notsituation des Kriegs wurden homoerotische Beziehungen vielfach stillschweigend geduldet.