Joseph Goebbels

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher nationalsozialistischer Politiker

    geboren: 29. Oktober 1897 in Rheydt gestorben: 1. Mai 1945 in Berlin


    Der Sohn eines Buchhalters einer kleinen Dochtfabrik kam aus streng katholischem Elternhaus, sollte daher Priester werden. Doch Goebbels entschied sich für ein Studium der Philosophie und Literatur. Er sah seine Zukunft eher auf literarischem Gebiet. 1921 promovierte der junge Goebbels, der durch einen Krüppelfuß behindert war und daher nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, über das romantische Drama. In dem schmächtigen Körper mit dem unverhältnismäßig großen Kopf steckten der Wille und Ehrgeiz des vom Leben sichtbar Zurückgesetzten - eine Daseinsminderung, die sich auch in zahlreichen Liebesaffären Ersatz suchte. Der kleine, hinkende Mann war bei Frauen ungewöhnlich erfolgreich, begabt mit dem Charme tiefdunkler Augen, mit Geist und Temperament. Doch gab es ungeachtet dieser Siege Niederlagen anderer Art, die seinem Leben die endgültige Richtung wiesen. Der literarische Ehrgeiz wurde nicht befriedigt. Die Zeitungen schickten seine Beiträge zurück, die Verlage seine Romane und Dramen. Insbesondere seine drängenden Bewerbungen beim liberalen "Berliner Tageblatt" unter Chefredakteur Th. Wolff wurden abgewiesen. Mutmaßlich ist Goebbels' Entwicklung zum fanatischen Antisemiten und Verächter alles Bürgerlichen maßgeblich auf diese Kränkungen seines Ichs zurückzuführen. Die mangelnden belletristischen Qualitäten des Schöngeistes Goebbels lassen die Absagen verständlich erscheinen. Er schrieb schwülstig und verstiegen und zeigt sich in seinen Tagebüchern der 20er Jahre in der unstabilen Seelenlage eines Backfischs, fortwährend in Extremen schwankend, "emotionale Wechselbäder" (Heiber) erlebend.


    Merkwürdig, dass die sentimentalen Ergüsse sich mit der schneidenden Schärfe und Präzision des politischen Redners und Redakteurs vertrugen, als welcher Goebbels seit 1924 im völkischen Lager auftrat - von Anbeginn mit Erfolg. Hier fand er Ersatz an Anerkennung und Lob, die ihm als Belletrist versagt blieben. Heiber spricht von "hochintellektueller Glasur über pubertärer Gefühlswelt". Politisch stand Goebbels dem "linken" Nationalsozialisten G. Strasser nahe, wurde Gaugeschäftsführer in Rheinland-Nord (Sitz Elberfeld) und redigierte die "Nationalsozialistischen Briefe". Während der Rivalitäten zwischen Hitler und dem Strasser-Flügel hielt er zum letzteren, bis Hitler diesen Kurs 1926 auf der Bamberger Führertagung rhetorisch niederwalzte. Hitler erkannte Goebbels' Begabung und zog ihn geschickt an sich. Bald beugte sich Goebbels "dem Größeren, dem politischen Genie", wie er seinem Tagebuch anvertraute und hinzufügte: "Hitler, ich liebe dich, weil du groß und einfach zugleich bist." Diese Bindung hörte erst mit dem fast gemeinsamen Tod auf. Goebbels, als Redner gleichrangig, mit starker Ausstrahlung, aber ohne Charisma, wusste instinktiv, dass er nur Diener, Rufer, Propagandist eines Ersten sein konnte, nie selber Erster. In diesem Sinn hat er Hitlers Aufstieg und Herrschaft demagogisch unterstützt und gefestigt bis ganz zuletzt.


    Eine für beide Seiten folgenreiche Entscheidung war, dass Hitler seinen besten Agitator im Herbst 26 ins "rote" Berlin schickte, um die NSDAP auf dem schwierigsten Pflaster Deutschlands voranzubringen. Tatsächlich eroberte Goebbels Berlin für den Nationalsozialismus. Die Reichshauptstadt blieb 18 Jahre lang sein vorrangiges Aktionsfeld. Der Hass der Kommunisten auf den Gauleiter war nicht ohne Respekt, denn Goebbels war furchtlos, hielt seine Hetzreden mitten in den Arbeitervierteln und stand in der Saalschlacht ungerührt auf dem Podium. Seine brutal dreinschlagenden SA-Leute blieben fast immer als Sieger am Platz. Kamen eigene Kampfgenossen ums Leben, so veranstaltete Goebbels für die "Blutzeugen" Trauerspektakel im Stil von Staatsbegräbnissen (z. B. H. Wessel). So hielt er das politische Berlin in Atem und sammelte Anhang. Nebenbei redigierte Goebbels die Zeitung "Der Angriff" und amtierte seit 1930 als Reichspropagandaleiter der NSDAP. Der arbeitsüberhäufte Demagoge war außerdem auch MdR seiner Partei. Er ersann immer neue Kunstgriffe der Massenlenkung. Wo heute dergleichen angewandt wird, steht Goebbels häufig unsichtbar als Lehrmeister dahinter. Auch setzte er die neuen Medien Funk und Film konsequent als Propagandamittel ein - was freilich erst nach der Machtergreifung möglich war. Sie wurden ebenso wie Presse, Literatur, Musik und Kunst der 1933 gegründeten Reichskulturkammer unterstellt. Goebbels' Zugriff blieben als Reichsminister für "Volksaufklärung und Propaganda" (13. 3. 33) nur wenige Sektoren der Kunstentfaltung entzogen: die preußischen Staatstheater, in denen Göring relative Freiheiten walten ließ, die Architektur, die Bauliebhaber Hitler sich selber lenkend vorbehielt. Goebbels war es v. a., der den fruchtbaren, z. T. dominierenden Einfluss jüdischer Schriftsteller, Journalisten, Künstler aus dem deutschen Kulturleben verbannte, da die Berufsausübung auf diesen Gebieten "arische" Herkunft voraussetzte. Auf der anderen Seite war Goebbels klug genug, inmitten diktierter Weltanschauung Inseln der Gemütserholung zu dulden. Zahllose Lustspielfilme bis in die spätesten Tage des Regimes waren von jedem politischen Beiklang frei. Als Presseherrscher (Presseanweisungen) sorgte Goebbels dafür, dass der nationalsozialistische Staat nach innen und außen mit einer einzigen Stimme sprach. Die entscheidenden innen- und außenpolitischen Schritte wurden jeweils mit Kampagnen vorbereitet, begleitet und gerechtfertigt. Einzelne fremde Übergriffe im erhitzten nationalen Klima nutzte Goebbels zu Pressefeldzügen maßloser Hetze aus. Er konnte unversehens "gesundes Volksempfinden" mobilisieren und war der Hauptorganisator des Pogroms der Kristallnacht (9./10. 11. 38). Als oberster Meinungsdirigent trug er maßgeblich dazu bei, die Massenverbrechen an den Juden (im Krieg) atmosphärisch vorzubereiten. Ebenso festigte er, neben Heß und Schirach, den Führerkult. Trotz aller Loyalität zu Hitler litt dessen Vertrauen zu seinem Paladin in den späten 30er Jahren wegen seiner Liebesaffären. Goebbels, seit 1931 mit Magda, geschiedene Quandt, verheiratet, erregte Aufsehen wegen seiner Leidenschaft für die tschechische Schauspielerin Lida Baarova. Hitler, der nach der Affäre um Blomberg keinen zweiten öffentlichen Eheskandal in hohen Rängen duldete, rief Goebbels zur Ordnung.

    Die bisher schon hochgesteigerte propagandistische Energie des "kleinen Doktors" setzte im Krieg noch weitere Reserven frei; das galt selbstbezogen wie übertragen. Unablässig war er in Reden und Artikeln (u. a. in "Das Reich") um Hebung der Kriegsmoral bemüht, um so mehr, je gefährdeter sie war infolge der zermürbenden Bombenangriffe auf deutsche Städte. Sicherlich hat er mit seinen Durchhalteparolen stark dazu beigetragen, dass das Volk weit über das physische und psychische Maß hinaus die Kriegsdrangsale geduldig ertrug. Seine dabei entwickelte Strategie der (Ver-)Tröstungen mit Hilfe von Endsiegfantasien oder der Beschwörung von Wunderwaffen wirkte bis zum Zusammenbruch. Goebbels' Hassnatur formte die öffentliche Vorstellungswelt mit effektvollen Formeln, so in der rhetorisch genialen Sportpalastrede zum "totalen Krieg" (18. 2. 43). Er war stets am stärksten, wenn es auf Hauen und Stechen ging, wenn Affekte und Zorn entzündet werden sollten. Er brauchte Feinde, wenngleich seine Feindbilder weniger ideologisch verwurzelt waren als bei Hitler und Himmler. Selbst in den Trümmerwüsten Berlins und anderer Städte scheute er sich nicht, unters Volk zu gehen, als sein Führer längst die Masse nicht mehr suchte. Als Generalbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz (Juli 44) suchte er das letzte an Widerstandskraft aus dem Volk herauszupressen, illusionslos über die persönlichen Folgen einer Niederlage: "Vor allem in der Judenfrage sind wir ja so festgelegt, dass es für uns gar kein Entrinnen gibt", hatte er schon im März 43 ins Tagebuch geschrieben. Doch bis in den klar erkannten Untergang hinein ließ Goebbels keinen Moment im Einsatz nach. Von Hitler dann im politischen Testament zum Reichskanzler ernannt (29. 4. 45), inszenierte er einen Abgang im Tragödienstil: Er vergiftete seine sechs Kinder und nahm sich zusammen mit seiner Frau im Bunker unter der Reichskanzlei einen Tag nach seinem Herrn das Leben.