Judenverfolgung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Die Geschichte der Juden in der Diaspora ist eine Geschichte der Verfolgung. Religiöser Fanatismus und wirtschaftliche Motive führten immer wieder zu judenfeindlichen Aktionen, die nicht selten mit Massakern endeten. Unter dem Toleranzgedanken der Aufklärung vollzog sich seit Ende des 18. Jahrhunderts eine Emanzipation, die im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich zur politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung führte. Mit der Emanzipation war jedoch die Feindschaft gegen die Juden – der Antisemitismus – nicht beseitigt; er lebte in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und Betätigungsgraden fort. Darüber hinaus entwickelte sich eine weitere Richtung der Judenfeindschaft: der Rassenantisemitismus. Er erreichte seinen Höhepunkt im nationalsozialistischen Deutschland mit der so genannten Endlösung der Judenfrage.

    Die Judenverfolgung stellte einen der Kernpunkte nationalsozialistischer Weltanschauung dar. Bereits im Parteiprogramm der NSDAP vom 24. 2. 20 war festgestellt worden, dass Volksgenosse nur sein kann, wer "deutschen Blutes" ist. Es wurde gefordert, die Juden unter Fremdengesetzgebung zu stellen. Die erste offizielle Attacke findet sich in einer Gesetzesinitiative der Reichstagsfraktion der NSDAP vom 13. 3. 30, mit der diese (ohne Erfolg) anregte, denjenigen wegen "Rasseverrat" mit Zuchthaus oder in besonders schweren Fällen mit dem Tod zu bestrafen, "der durch Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutsgemeinschaft (oder farbigen Rassen) zur rassischen Verschlechterung und Verletzung des deutschen Volkes beiträgt oder beizutragen droht".

    Nach der Machtergreifung begannen die Nationalsozialisten alsbald ihre Pläne zur Judenverfolgung in die Tat umzusetzen. Zunächst stand ihrem Vorhaben allerdings Artikel 109 der Weimarer Verfassung entgegen, nach dem alle Staatsbürger vor dem Gesetz gleich waren. Ausnahmegesetze gegen die Juden wären demnach verfassungswidrig gewesen. Der Weg dafür wurde erst durch das Ermächtigungsgesetz (24. 3. 33) geebnet. Eine Woche später folgte das so genannte 1. Gleichschaltungsgesetz, nach dem auch die Regierungen der deutschen Länder ohne vorherige Beschlussfassung der Landtage Gesetze erlassen konnten. Das erste Ausnahmegesetz war dann das Berufsbeamtengesetz vom 7. 4. 33, nach dem u. a. Beamte nichtarischer Abstammung in den Ruhestand zu versetzen oder (Ehrenbeamte) zu entlassen waren (Arierparagraph). Ausgenommen hiervon waren auf Wunsch des Reichspräsidenten Hindenburg zunächst Beamte, die bereits seit dem 1. 8. 14 im Beamtenverhältnis gestanden oder die im Ersten Weltkrieg für Deutschland bzw. seine Verbündeten gekämpft oder deren Väter und Söhne im Weltkrieg gefallen waren. Als nichtarisch wurden nach der 1. Verordnung zur Durchführung (DVO) vom 11. 4. 33 angesehen, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammte, wobei es genügte, wenn ein Eltern- oder Großelternteil nichtarisch war.

    Schon vor Erlass des Berufsbeamtengesetzes hatten einzelne Länder und Kommunalbehörden (ohne Gesetzesgrundlage) Anordnungen zur Beurlaubung von Beamten getroffen. Während bei den Ländern hiervon überwiegend Richter und Staatsanwälte betroffen waren (Bayern und Preußen 31. 3. 33), fielen bei den Kommunen unter diese Maßnahme Beamte aller Laufbahnen und jeder (Fach-)Richtung. Darüber hinaus hatten sie häufig willkürliche Amtsenthebungen verfügt oder Beamte so unter Druck gesetzt, dass sie von sich aus ihr Amt niederlegten. Parallel zu dem Ausnahmegesetz für die jüdischen Beamten wurden Maßnahmen ergriffen, die eine Einschränkung der Tätigkeit in vielen Berufen zum Gegenstand hatten: So wurde z. B. die Neuzulassung nichtarischer Rechtsanwälte ausgeschlossen und die Rücknahme der Zulassung zugelassener (unter gewissen Voraussetzungen) Anwälte gestattet (7. 4. 33), die Tätigkeit jüdischer Ärzte, Zahnärzte und Zahntechniker bei den Krankenkassen für beendet sowie die Neuzulassung für unzulässig erklärt (22. 4. 33); Juden erhielten keine Apothekenkonzession (17. 4. 34) mehr. Neben den Maßnahmen gegen diese Berufsgruppen begann man mit der Ausschaltung der Juden aus dem Kulturleben. Grundlage hierfür war das "Gesetz über die Errichtung der Reichskulturkammer" vom 22. 9. 33. Nichtarier wurden in die Kammer nicht aufgenommen.


    Während sich die einschränkenden Maßnahmen der Judenverfolgung in den ersten beiden Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft im Wesentlichen auf bestimmte Berufsgruppen beschränkten, wurden mit Erlass der so genannten Nürnberger Gesetze vom 15. 9. 35, dem "Reichsbürgergesetz" (RBüGes) und dem "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" (BlSchGes), die Juden allgemein betroffen. Durch das RBüGes wurden Juden von der Reichsbürgerschaft ausgeschlossen, blieben jedoch deutsche Staatsangehörige. Nach der "1. DVO zum RBüGes" vom 14. 11. 35 war nun als Jude anzusehen, wer von mindestens drei der "Rasse" nach volljüdischen Großeltern abstammte und (unter gewissen Voraussetzungen) der von zwei volljüdischen Großeltern abstammende Mischling. Als Nichtreichsbürgern stand den Juden in politischen Angelegenheiten kein Stimmrecht zu und sie konnten keine öffentlichen Ämter bekleiden. Die noch tätigen jüdischen Beamten und andere im öffentlichen Dienst stehenden Juden waren zu entlassen. Die Ausnahmeregelung für Frontkämpfer und andere privilegierte Juden fiel damit weg. Das BlSchGes verbot die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden und drohte im Falle der Zuwiderhandlung Zuchthausstrafe an. Untersagt und mit Zuchthaus oder Gefängnis bedroht war ebenfalls der außereheliche Verkehr zwischen Personen dieser Kreise.

    Die Nürnberger Gesetze brachten nicht nur die von den Nationalsozialisten angestrebte Trennung zwischen Juden und Nichtjuden; sie waren in der Folgezeit auch die Grundlage für den systematischen Ausschluss der Juden aus der staatlichen Gemeinschaft. Von der Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben nahmen die Machthaber zunächst noch Abstand. Zwar hatten jüdische Gewerbetreibende und Unternehmer verschiedentlich unter Einschränkungsmaßnahmen zu leiden (z. B. Aufruf der Parteileitung der NSDAP vom 29. 3. 33 zum planmäßigen Judenboykott) und in Einzelfällen war es auch schon zur Ausschaltung aus ihrem Tätigkeitsgebiet gekommen (z. B. Waffenherstellung, -reparatur und -handel; Versteigerergewerbe); aus Gründen eines störungsfreien wirtschaftlichen Wiederaufbaus ließ man sie fürs Erste unbehelligt. Am 14. 6. 38 aber erklärte der Reichswirtschaftsminister, dass der Grundsatz "Keine Anwendung des Arierparagraphen in der Wirtschaft" nicht mehr aufrechterhalten wird; eine möglichst schnelle Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft sei anzustreben. Der Eingriff begann mit dem "Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung" vom 6. 7. 38, nach dem Juden der Betrieb einer Reihe von Gewerben verboten wurde, und nahm seinen Lauf mit zahlreichen weiteren durch Gesetze und Verordnungen sanktionierten Maßnahmen. Die im Zuge der wirtschaftlichen Eliminierung der Juden ergehenden Berufsverbote dehnte man schließlich auf die in der Ausübung ihrer Tätigkeit von Einschränkungen schon betroffenen Berufsgruppen aus (z. B. Ärzte 25. 7. 38; Rechtsanwälte 27. 9. 38). Hand in Hand mit der Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben lief die Wegnahme ihres Vermögens (Arisierung).

    Mit all diesen und zahlreichen anderen Maßnahmen der Judenverfolgung wurde versucht, die Juden zum Verlassen des Deutschen Reichs zu bewegen. Ausgewiesen wurden zunächst nur früher in Polen beheimatete Juden, u. a. auch diejenigen, die nach 1919 bei der Abstimmung über die Zugehörigkeit der deutschen Landesteile im Osten für das Deutsche Reich optiert hatten, denen aber nach 1933 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden war. Rund 17 000 Personen wurden am 29. 10. 38 über die polnische Grenze zwangsweise abgeschoben. Als Vergeltung für dieses Unrecht verübte der junge Jude Grynszpan, dessen Angehörige sich unter den Abgeschobenen befanden, am 7. 11. 38 in Paris ein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath, das für die Juden in Deutschland schwere Konsequenzen auslöste: Bei der alljährlichen Zusammenkunft der so genannten Alten Kämpfer am 9. November in München gab Goebbels mit einer judenfeindlichen Rede das Startzeichen für einen Pogrom, der noch am selben Abend begann (Kristallnacht) und bis zum 11. November dauerte. Nun wurde eine Flut von Gesetzen und Verordnungen erlassen, die die noch in Deutschland befindlichen Juden nach und nach aller Rechte beraubte. Die Maßnahmen wurden von der zentral gelenkten Presse und den Publikationen der nationalsozialistischen Organisationen mit einer beispiellosen Hetzkampagne begleitet.

    Trotz allem erreichten die Machthaber es nicht, ihrem Ziel, die Judenfrage durch Auswanderung zu lösen, näher zu kommen. Von den Anfang 33 in Deutschland lebenden (über) 500 000 Juden waren bis Ende 38 nach Zahlung der so genannten Reichsfluchtsteuer knapp 180 000 emigriert. Die Zurückgebliebenen hofften immer noch auf eine Normalisierung der Verhältnisse; teilweise war es ihnen mangels Vermögens aber auch nicht möglich, die Heimat zu verlassen, da viele Länder nicht bereit waren, mittellose Juden aufzunehmen. Um die Angelegenheit in den Griff zu bekommen, wurde am 24. 1. 39 unter der Leitung des Chefs der Sicherheitspolizei Heydrich die "Reichszentrale für jüdische Auswanderung" errichtet mit der Aufgabe, die Emigration der Juden vorzubereiten, zu lenken und zu beschleunigen. Zur Förderung der Auswanderung ordnete das Reichsinnenministerium am 4. 7. 39 die Bildung einer "Reichsvereinigung der Juden" (Reichsvertretung) an, der alle Juden angehören mussten. Mit Mitteln, die sich die Reichsvereinigung ausnahmslos von vermögenden Juden beschaffte, ermöglichte sie armen Juden die Auswanderung. Nahezu 80 000 Juden verließen 1939 Deutschland.

    Nach der Niederlage Polens sah Heydrich die Möglichkeit, die Judenfrage durch Evakuierung nach Polen zu lösen. Aus außenpolitischen Gründen befahl Göring jedoch am 24. 3. 40, die Deportationen einzustellen. Heydrich ordnete hierauf an, die Auswanderung wieder verstärkt zu betreiben. Der Madagaskarplan war zwar noch nicht aufgegeben, konnte infolge des Kriegs jedoch nicht verwirklicht werden, und die Anzahl der Aufnahmeländer hatte sich verringert. Im Oktober 40 wies man die Juden Badens, der Pfalz und des Saarlands kurzerhand in das unbesetzte Frankreich aus. Im Hinblick auf die bevorstehende Endlösung der Judenfrage ordnete das RSHA am 20. 5. 41 aber an, diese "Auswanderungen" zu unterbinden. Am 31. 7. 41 wurde Heydrich schließlich von Göring beauftragt, alle Vorbereitungen für eine "Gesamtlösung der Judenfrage" im deutschen Einflussgebiet in Europa zu treffen. Mitte Oktober 41 begannen die Deportationen der Juden aus dem Reichsgebiet in die Ostgebiete und schließlich in die Vernichtungslager, v. a. nach Auschwitz.

    Von der Deportation ausgenommen wurden (im Wesentlichen) zunächst Juden über 65 Jahre, schwer kriegsbeschädigte Juden, Juden mit Kriegsauszeichnungen, in "Mischehe" lebende Juden und solche, die in Rüstungsbetrieben arbeiteten. Erstere wurden jedoch bald in das als Altersgetto bezeichnete Lager Theresienstadt transportiert, in das sie sich durch so genannte Heimeinkaufsverträge unter Abgabe ihres Vermögens "einkaufen" mussten. Infolge schlechter Lebensbedingungen starben viele Gettobewohner oder wurden letztlich noch in eines der Vernichtungslager "ausgesiedelt". Die durchweg zwangsweise in den Rüstungsbetrieben beschäftigten Juden schob man schließlich seit Frühjahr 1943 nach Auschwitz ab. Unter ihnen befanden sich zahlreiche in "Mischehe" lebende Juden.

    Bis zur Deportation der letzten Juden hatten sich deren Lebensbedingungen immer weiter verschlechtert. Gekennzeichnet (Judenstern), diffamiert, schikaniert, ihres Vermögens beraubt, aus ihren Berufen und Wohnungen (Judenhäuser) entfernt und als Zwangsarbeiter beschäftigt, lebten sie rechtlos in ihrer Heimat. Von den noch im Mai 41 im "Altreich" lebenden 168 972 Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze wurden am 1. 9. 44 lediglich noch 14 574 registriert. Nach diesem Stichtag gingen noch zahlreiche Transporte nach Auschwitz und beim Näherrücken der Roten Armee in KZ, die im Reichsgebiet lagen. Der vermutlich letzte "Alterstransport" verließ am 27. 3. 45 Berlin Richtung Theresienstadt.

    Unter der Judenverfolgung der Nationalsozialisten hatten nahezu alle Juden in den von der Wehrmacht besetzten oder im deutschen Einflussgebiet befindlichen Ländern zu leiden. Zwar stellten sich dort verschiedentlich Regierungen und Bevölkerung der nationalsozialistischen Judenpolitik entgegen (z. B. Dänemark und die Niederlande); nur in wenigen Fällen gelang es jedoch, die Juden allgemein vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren (Bulgarien, ohne seine besetzten Gebiete). Besonders tragisch war das Schicksal der in vielen dieser Länder befindlichen staatenlosen Juden, unter denen sich zahlreiche deutsche Emigranten befanden, denen man nach Verlassen Deutschlands die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt hatte. Für sie sprach keine Regierung. Sie wurden die ersten Opfer der Verfolgungsmaßnahmen (z. B. Frankreich). Am brutalsten führten die Nationalsozialisten die Judenverfolgung in Polen und den besetzten Teilen der UdSSR durch. Die besonderen politischen Verhältnisse in diesen Gebieten ließen hier den nationalsozialistischen Machthabern freie Hand zur Durchsetzung ihrer Vernichtungsziele, die schon mit den Einsatzgruppen angestrebt wurden.