Kinder- und Jugendliteratur

    Aus Lexikon Drittes Reich

    im Dritten Reich das literarische Gebiet, auf dem die nationalsozialistische Literaturpolitik am aktivsten war. Strenge Richtlinien des Innenministeriums zielten gleich nach der Machtübernahme auf eine kurzfristige "Neuordnung" der Kinder- und Jugendliteratur; neben den allgemeinen kultur- und literaturpolitischen Behörden und Gremien wurden besonders Lenkungs- und Zensurinstanzen für Kinder- und Jugendliteratur geschaffen: das Hauptlektorat Jugendschrifttum in Rosenbergs Amt für Schrifttumspflege, das Jugendschriftenlektorat in der Reichsjugendführung und die Reichsstelle für das Jugendschrifttum im Nationalsozialistischen Lehrerbund, die obligatorische "Grundlisten" für Schülerbüchereien erstellte und für Pädagogen, Eltern und Bibliothekare ein jährliches Verzeichnis empfohlener Titel ("Das Buch der Jugend") herausgab.

    Die Gleichschaltung der Kinder- und Jugendliteratur ging 1933 problemlos vor sich: Die marktbeherrschenden Verlage (Enßlin & Laiblin, Franckh, Thienemann, Schneider u. a.) hatten ohnehin nationalistisch ausgerichtete Programme, die wenigen fortschrittlichen Autoren gingen ins Exil, die meisten anderen bekannten sich freiwillig zum nationalsozialistischen Staat und wirkten mit an der "Reinigung der Kinder- und Jugendbibliotheken" (wobei selbst Klassiker wie Hebel als zu "judenfreundlich" ausgesondert wurden). Auflagenstarke Kinder- und Schülerzeitschriften (u. a. "Deutsche Jugendburg", "Hilf mit") dienten tagespolitischer Agitation. Hohe Honorare und Kinder- und Jugendliteratur-Preise (z. B. Hans-Schemm-Preis) sollten die Autoren zur Formung der Jugend im Sinne Hitlers anhalten: "Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich ..."

    Die Kinder- und Jugendliteratur fesselte die jungen Leser durch Abenteuer und Exotik (z. B. "Tecumseh"-Reihe von Wittek), nutzte die Faszination moderner Technik und bot heldische Vorbilder an (z. B. Italiaander: "Manfred Freiherr von Richthofen", 1938). Kolonialerzählungen, preußische Kriegsgeschichte, Berichte vom Leben des "Führers" oder Stoffe aus der Geschichte des Nationalsozialismus (z. B. Schenzinger: "Hitlerjunge Quex", 1932) waren Schwerpunkte der Kinder- und Jugendliteratur. Hinzu kamen Bilderbücher patriotischen Inhalts wie "Deine deutsche Heimat" (1936) oder zur antisemitischen Indoktrination wie "Der Giftpilz" (1938) oder "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid" (1936). Das wichtigste Thema der nationalsozialistischen Kinder- und Jugendliteratur war die Wehrerziehung. Seit Mitte der 30er Jahre häuften sich die Forderungen nach begeisternden "wehrkundlichen" Jugendbüchern, nach Kriegsbeginn dominierte das "Ideal der Härte" (z. B. "Jagdfliegergruppe G. Jäger an Polens Himmel", 1940). Die Kinderbuchverlage ließen Korrespondenten der Propagandakompanien über das "Ausharren am MG bis zur letzten Patrone" schreiben ("Kriegsbücherei der deutschen Jugend"); billige Bilderbüchlein bereiteten auf den Luftkrieg vor: "Die Bombe fällt gar unheilvoll / Zur Erde schnell und schneller, / Und wenn sie dich nicht treffen soll, / Eil' in den Luftschutzkeller!" Neben den ideologisch agitierenden Texten existierte bis in die ersten Kriegsjahre ein breites Angebot an idyllisierender Kinder- und Jugendliteratur, die von heilen Wichtelwelten erzählte. Ehemals kritische Autoren schrieben apolitische Unterhaltung und nur im Einzelfall gelangen Kinderbücher von Rang wie Falladas "Geschichten aus der Murkelei" (1938).