Kirchenkampf (Thema)

    Aus Lexikon Drittes Reich

    "Wir müssen uns als die wahren Christen deklarieren, 'Christentum' heißt die Parole zur Vernichtung der Pfaffen, wie einstmals 'Sozialismus' zur Vernichtung der marxistischen Bonzen." In überspitzter Form beschreibt diese Goebbels-Notiz die nationalsozialistische Strategie im Kirchenkampf und auch die kirchenpolitische Leitlinie Hitlers in der Zeit vor der Machtergreifung. Lassen sich seine außenpolitischen oder rassistischen Ziele schon in nahezu allen Details in "Mein Kampf" auffinden, so fehlen kirchenpolitische Absichtserklärungen fast völlig oder dienten doch nur der Verschleierung wie der Punkt 24 des Programms der NSDAP vom 24. 2. 20, in dem der Standpunkt eines "positiven Christentums" eingenommen wurde. Was unter der Einschränkung durch das "Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse" zu verstehen und wie ernst sie zu nehmen war, wurde erst weit später deutlich und offiziell vermied Hitler bis zum Ende eine Kampfansage an die Kirchen. Daraus auf die weltanschauliche "untergeordnete Bedeutung" der Kirchenfrage zu schließen (Jäckel), verkennt den hohen Stellenwert, den ihr Hitler z. B. in den Tischgesprächen beimaß, und wäre ein später Erfolg der Vernebelung des tödlichen Gegensatzes von Nationalsozialisten und Christentum.

    Erste Erfolge erzielte Hitler damit bei den Protestanten, die nach dem Untergang der Monarchie und damit des Bündnisses von Thron und Altar politisch orientierungslos waren und nicht wie die Katholiken über eine eigene politische Partei und nicht über die römische Stütze verfügten. Zersplittert in drei Bekenntnisse (Lutheraner, Reformierte und Unierte) und 28 Landeskirchen, suchten sie auf die Fragen der Zeit verschiedene Antworten, trafen sich aber in der einen: In der nationalen Not nach der Niederlage entdeckte die evangelische Kirche "das Volk" als theologische Aufgabe, wollte "Volkskirche" sein im Sinne christlicher Solidarität und moralische Instanz. Das führte nicht wenige Theologen, Kirchenführer und Laien zum Dialog mit der Völkischen Bewegung und zur Übernahme mancher ihrer Positionen in eine Art politische Theologie, die sie später in der neuen Not der Weltwirtschaftskrise anfällig machte für die nationale und scheinchristliche Rhetorik der Nationalsozialisten, insbesondere Hitlers. Zwar fehlte es nicht an Warnern in der evangelischen Kirche vor dem totalitären Charakter der nationalsozialistischen Bewegung, zwar wiesen die Anhänger der "dialektischen Theologie" Barths auf die drohende Verfälschung des Bekenntnisses hin, doch wuchs die Anhängerschaft Hitlers unter den Protestanten und organisierte sich 1932 als Deutsche Christen, die bei den preußischen Kirchenwahlen (12.-14. 11. 32) immerhin ein Drittel der Sitze errangen. Der nationalsozialistische Antisemitismus erwies sich dabei nicht als Hindernis, sondern kam sogar vielfach einer latenten Judenfeindschaft in kirchlichen Kreisen entgegen.

    Auch einer Annäherung zwischen Nationalsozialisten und katholischer Kirche stand er - dessen rassistische Tragweite niemand ahnte - weniger im Wege als etwa die programmatische Eigenbezeichnung der NSDAP als "sozialistisch", doch auch sie bildete keine unüberwindliche Hürde. Wenn es dennoch bis zur Machtergreifung bei der prinzipiellen Ablehnung Hitlers durch den deutschen Episkopat blieb, dann wegen der Bindung der katholischen Kirche an das Zentrum, wegen kulturpolitisch-theologischer Bedenken und eben wegen der römischen Verankerung. Gerade sie aber, von der nationalsozialistischen Propaganda als Internationalismus und "antivölkisch" angefeindet, sollte Hitlers Hebel werden, die katholische Abwehr aufzubrechen: Die Lateranverträge der Kurie mit Mussolini 1929 signalisierten die Bereitschaft des Vatikans zum Arrangement mit autoritären Regimes antibolschewistischer Prägung und zur Aufgabe des politischen Katholizismus, der Hitler den Weg zur Macht hätte verlegen können. Seit zudem 1930 Pacelli (Pius XII.) Kardinalstaatssekretär geworden war, der als Nuntius in Berlin lange vergeblich für ein Konkordat mit dem Deutschen Reich geworben hatte, stiegen die Aussichten auf eine Duldung des Nationalsozialismus durch die Kirche.

    Zwar wurde der Wahlkampf des Zentrums für den 5. 3. 33 noch eindeutig auch gegen die NSDAP geführt, doch waren Risse zwischen der römischen Haltung und der Stimmung in der katholischen Laienschaft einerseits und dem deutschen Episkopat andererseits nicht mehr zu übersehen. Es bleibt daher umstritten, ob die Zustimmung des Zentrums am 23. 3. 33 zum Ermächtigungsgesetz und die Rücknahme der Warnungen vor den "religiös-sittlichen Irrtümern" des Nationalsozialismus seitens der Bischofskonferenz fünf Tage später bloß auf römischen Druck und im Vertrauen auf Konkordatszusagen Hitlers erfolgten. Dass die Gesprächsbereitschaft des neuen Kanzlers den Wandel förderte und in Rom wie bei den deutschen Bischöfen erstaunliche Illusionen über den wahren Charakter des Regimes weckte, steht fest. Sie mündeten in die vertragliche Zustimmung zur de facto längst vollzogenen Zerschlagung der politischen und gewerkschaftlichen katholischen Organisationen im Konkordat vom 20. 7. 33 mit seiner Ratifikation am 10. 9. 33, die bereits überschattet war vom einsetzenden Kirchenkampf gegen die katholische Kirche in Deutschland.

    Ähnlichen Ködercharakter wie das Konkordat hatte das Schlagwort von der Reichskirche auf evangelischer Seite, da es eine uralte Sehnsucht artikulierte nach Einheit und staatlichem Schirm. Reichskirche bedeutete zudem im Frühjahr 33 kirchenpolitisch die evangelische Flankierung der vertraglichen Regelungen zwischen Reich und Rom. Der katholisch aufgewachsene Hitler, dem die protestantische Pluralität ohnehin unverständlich war und der darin eine erhebliche Erschwerung seiner Gleichschaltungsvorhaben sah, machte sich das reichskirchliche Programm der Deutschen Christen zu eigen und drängte, beraten von L. Müller, auf die Verabschiedung einer Reichskirchenverfassung und die Wahl eines Reichsbischofs. Damit sollte das Führerprinzip in der Kirche Einzug halten, die staatliche Aufsicht gesichert und ein weltanschauliches Einfallstor geschaffen werden. Gegen die ersten beiden Absichten regte sich kaum Opposition, der dritten versuchten weitsichtigere Theologen und Laien wie die Jungreformatoren mit eigener Initiative zu begegnen. Mehr aber als Zeitgewinn gelang ihnen mit Bodelschwinghs Designierung zum Reichsbischof nicht, da der Sieg der Deutschen Christen bei den Kirchenwahlen vom 23. 7. 33 und die Wahl Müllers zum Reichsbischof am 27. 9. 33 die angestrebte nationalsozialistische Umarmung zu besiegeln schien.

    Jetzt erst erkannten viele die Gefährdung des Bekenntnisses, da nun die Übernahme des Arierparagraphen in die Kirche drohte und mit der Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ (20. 12. 33) die christliche Erziehung in akute Gefahr geriet. Erster Widerstand hatte sich in Niemöllers Pfarrernotbund formiert und versteifte sich im Frühjahr 34 gegen die Gängelung durch das Reichskirchenregiment Müllers, der mit Suspendierungen und Maulkorberlassen die Opposition zum Schweigen zu bringen suchte. Der Konflikt gipfelte in der Etablierung der Bekennenden Kirche (BK), die in scharfer Form die deutschchristlichen Irrlehren verwarf und dem Reichsbischof die Gefolgschaft kündigte. Erste offene Worte des Widerstands entzündeten sich auch auf katholischer Seite an Fragen des Bekenntnisses: In seinen Adventspredigten 1933 wandte sich der Münchner Kardinal Faulhaber gegen die antisemitischen Attacken auf das Alte Testament.

    Hitler selbst hielt sich bewusst im entbrennenden Kirchenkampf zurück und wurde von vielen noch lange als Appellationsinstanz empfunden, bei der man für Klagen über Ausschreitungen von Partei- und Staatsstellen Verständnis finden könne. Durch kleine Zugeständnisse wusste er diese Rolle eines staatsmännischen Maklers zu pflegen. So im Streit um Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" durch demonstratives Schweigen zu den publizistischen Angriffen von Theologen auf den nationalsozialistischen Ideologen. Während der Zeit der Machtsicherung 1933/34 ließ Hitler den Kirchgang geschlossener SA-Formationen fördern und seinen Stellverteter Heß am 17. 10. 33 einen so genannten Duldungserlass herausgeben, der Benachteiligungen wegen konfessioneller Zugehörigkeit ausdrücklich untersagte.

    Zugleich aber begannen massive staatliche Einschüchterungsversuche gegen oppositionelle Geistliche. Während die Partei in der evangelischen Kirche die Disziplinierung zunächst den deutschchristlichen Kirchenleitungen und dem Reichsbischof überließ, sah sich die katholische Kirche direkten Pressionen ausgesetzt. Sie betrafen den Religionsunterricht, die Predigtüberwachung, das Vereinsleben (u. a. Verbot der Deutschen Jugendkraft), die katholische Publizistik, die karitative Tätigkeit, die Bekenntnisschulen, die Finanztransaktionen (Devisenbewirtschaftung) und gipfelten in den Priesterprozessen. Auch in der evangelischen Kirche griff der Staat schließlich selbst ein, da der Reichsbischof die widerspenstige BK nicht in den Griff bekam. Am 16. 7. 35 wurde Kerrl zum Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten bestellt, ein "Gesetz zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche" vom 24. 9. 35 sollte wieder eine einheitliche Leitung und insbesondere die Kontrolle über die theologische Ausbildung sichern. Nach Anfangserfolgen scheiterte aber auch dieser Versuch und mündete in eine scharfe weltanschauliche Kontroverse durch eine Denkschrift der BK an Hitler, die im Ausland veröffentlicht wurde (23. 7. 36). Wie die wenig später folgende päpstliche Enzyklika "Mit brennender Sorge" prangerte die Denkschrift die nationalsozialistische "Entchristlichung", den Antisemitismus, den Führerkult und die Zerstörung des Rechts an. Die staatliche Antwort an beide Kirchen bestand in Verschärfung der Kontrollen, Kürzung des Kirchensteuersatzes (schon März 35) und Behinderung aller Tätigkeiten außerhalb der kirchlichen Räume (Sammlungen, Prozessionen u. a.). 1938 wurde gegen 2 256 Geistliche Strafanzeige wegen Vergehen gegen den Kanzelparagraphen, das Heimtückegesetz u. a. erstattet, 69 wurden verurteilt, 72 in Schutzhaft genommen (darunter Niemöller), 37 erhielten Redeverbot, 100 mussten ihre Gemeinden verlassen, gegen 439 wurden Verwarnungen ausgesprochen.

    Gleichwohl kann kein Zweifel sein, dass sich das Gros der Geistlichen und der praktizierenden Laien um Loyalität dem nationalsozialistischen Staat gegenüber bemühte, die meisten politischen Maßnahmen billigte oder gar bejubelte, die Nürnberger Gesetze und die Kristallnacht in Kauf oder nicht zur Kenntnis nahm und dass eine Abwehrhaltung nur dort einsetzte, wo direkte kirchliche Interessen berührt waren. Die Versuche hoher Kirchenführer rissen nicht ab, ein Arrangement mit dem Nationalsozialismus zu suchen. Was dieser, und d. h. Hitler, unter Kirchenkampf verstand, begriffen die wenigsten. Mögen die radikalen Ausfälle gegen die Kirchen im Krieg auch zum Teil auf die erste Phase des Kirchenkampfs zurückgehen, in der Hitler praktisch erfuhr, dass ein Nebeneinander von Nationalsozialismus und Christentum undenkbar und die Gewinnung der Kirchen für seine rassistischen und imperialistischen Ziele nicht einmal wünschbar war: Inhaltlich galt von Anfang an, dass nationalsozialistische Kirchenpolitik auf die Zerstörung der Verankerung der Kirchen im Volk und auf dessen Entwöhnung von den hemmenden Fesseln christlicher Moral zielen musste.

    Eingeschlagen war der Weg dorthin bereits: V. a. in der (HJ-)Erziehung wurde antichristliche Propaganda groß geschrieben ("Reinigung" des Liedguts u. a.), so dass sich insbesondere in evangelischen Organisationen Nachwuchssorgen bemerkbar machten. Das gleiche versuchte man in der widerstandsfähigeren katholischen Kirche durch Behinderung der Theologenausbildung zu erreichen (Schließung von theologischen Fakultäten u. a.). In den nationalsozialistischen Verbänden und Gliederungen wurde zum Kirchenaustritt angehalten, man war gottgläubig. Feiern im nationalsozialistischen Jahresablauf sollten allmählich die kirchlichen Feiertage ablösen, was allerdings kaum in Ansätzen gelang.

    Die konsequente Fortsetzung dieses Programms bremste der Kriegsausbruch, beendigte es aber keineswegs, wie die Parole vom "Burgfrieden" suggerieren sollte. Zwar untersagte Hitler mit Rücksicht auf die kämpfende Truppe direkte Repressalien (Befehle u. a. vom 8. 9. 39 und vom 24. 7. 40), ließ aber v. a. Bormann bei seiner Politik der Nadelstiche weitgehend freie Hand und riskierte mit dem Programm der Euthanasie sogar den unmittelbaren Konflikt. Der Rückzieher, zu dem er sich bald gezwungen sah v. a. durch Proteste Galens, Wurms u. a., nährte auf kirchlicher Seite die Illusion, dem Staat "ins Gewissen" geredet zu haben, und die Bereitschaft, den Krieg weiter mitzutragen (Dankgottesdienste für Siege, Fürbitten, Frontseelsorge, Kirchenglocken für die Metallspende u. a.).

    Dass von einem nationalsozialistischen "Gewissen" in religiösen Fragen jedoch nicht die Rede sein konnte, hätte schon der Anschluss des katholischen Österreichs lehren müssen. Die Reichsregierung verweigerte die Anwendung des Konkordats auf die "Ostmark" und beschränkte seine Geltung auch bei späteren Gebietserweiterungen auf das "Altreich". Trotz der emphatischen Begrüßung durch den österreichischen Episkopat kam es schon 1938 zu antikirchlichen Aktionen u. a. gegen Kardinal Innitzer. Musterfall aber für das, was den Kirchen zugedacht war, wurde der Reichsgau Wartheland. Nicht nur die dortige katholische Kirche, weil polnisch, auch die deutschen Lutheraner, die geglaubt hatten, sich im "Volkstumskampf" Verdienste um das Reich erworben zu haben, erlebten die Zurückstufung zu privaten Vereinen, die fast völlige Einstellung der staatlichen Unterstützung, das Verbot von Kontakten mit den Schwesterkirchen in Deutschland, die Massenverhaftung von Pfarrern und damit die weitgehende, mit "Kriegsnotwendigkeiten" bemäntelte Lahmlegung des Gemeindelebens.

    Die schwerste Prüfung im Kirchenkampf aber kam erst und wurde von beiden Kirchen nicht bestanden: Nur ganz wenige, wie die Breslauer Vikarin Katharina Staritz, Pfarrer Grüber oder Bischof Wurm, erhoben ihre Stimmen gegen die Endlösung, soweit überhaupt Nachrichten darüber durchdrangen. Die katholische Kirche schwieg fast völlig. Viele halfen in der Stille, die Amtskirchen aber verdrängten offiziell das Problem der "Nichtarier", hatten sie doch alle Hände voll zu tun mit der Selbstbehauptung: Ihre Presse wurde durch Papierkontingentierung gedrosselt (schon seit 6. 6. 40), die Krankenhausseelsorge verboten (1. 6. 40), der Ordensnachwuchs "aus Gründen des Arbeitseinsatzes" beschränkt (30. 10. 40), religiöse Literatur durfte nicht mehr an Soldaten verteilt werden (15. 1. 41), Jesuiten wurden aus der Wehrmacht entlassen (12. 7. 41), kirchliches Personal sollte bevorzugt dienstverpflichtet werden (14. 9. 43), die Beschlagnahme von Klöstern und Gemeindeeinrichtungen zu Kriegszwecken nahm Ausmaße völliger Enteignung an.

    Die Kirchen hatten einen schweren Stand, ein wirklicher Kirchenkampf aber blieb ihnen wegen des Zusammenbruchs des Dritten Reichs erspart. Ob sie im Fall des "Endsiegs" abgefault wären "wie ein brandiges Glied" (Tischgespräche 13. 12. 41), darf dennoch bezweifelt werden. So zaghaft die Triebe kirchlichen Widerstands oder besser christlicher Widersetzlichkeit auch waren, sie zeigten, dass ein Generalangriff des Staates die uralten Kräfte des Märtyrertums geweckt hätte. Beispiele wie Pater Kolbe, D. Bonhoeffer, P. Schneider und viele andere bewiesen, dass der Felsen, auf dem die Kirchen gründen, stabiler ist, als ihre nationalsozialistischen Verfolger glaubten, und 1945 ein gutes Fundament für den Neubau bildete.