Kollaboration

    Aus Lexikon Drittes Reich

    allgemein Zusammenarbeit mit einer feindlichen Besatzungsmacht, im engeren Sinne Unterstützung und Unterstützer der deutschen Behörden in den von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg eroberten Gebieten, insbesondere in Frankreich. Der Begriff Kollaboration war auch eine französische Prägung und würde von Pétain am 11. 10. 40 zur Bezeichnung seines Regierungsprogramms verwendet, das darauf zielte, Frankreich in einem deutsch beherrschten Europa einen gebührenden Platz zu sichern. Dass damit noch keine aktive Komplizenschaft mit dem nationalsozialistischen Expansionismus verbunden war, bewies die Konferenz von Montoire, bei der sich Pétain Hitler gegenüber mit vagen Versprechungen aus der Affäre ziehen konnte. Kollaborations-Motive waren, außer dem Überlebenswunsch, bei den Linken Hoffnungen auf den "sozialistischen" Teil des nationalsozialistischen Programms, bei den Rechten die Bewunderung für den starken faschistischen und antisemitischen Staat, den auch die Action Française gefordert hatte. Die Zeitungen der Kollaboration trugen entsprechende Titel wie "Les Nouveaux Temps" (Neue Zeiten) oder "Le Cri du Peuple" (Volksruf); es bildeten sich ausgesprochene Kollaborations-Parteien wie Rassemblement National Populaire (RNP) oder Parti Populaire Français (PPF).


    Eine neue Qualität bekam die Kollaboration mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion (22. 6. 41): Zum einen beseitigte er die Lähmung der französischen Kommunisten nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. 8. 39 und führte zu erheblicher Steigerung der Aktivitäten der Résistance gegen die deutsche Besatzung, zum anderen mobilisierte er antibolschewistische Ressentiments im französischen Bürgertum und spaltete so die französische Gesellschaft. Eine "Antibolschewistische Freiwilligen-Legion" entstand, aus der später die französischen Einheiten der Waffen-SS hervorgingen, die zum Teil bis zum letzten Tag u. a. Berlin verteidigten. Französische Milizen im besetzten Teil des Lands führten einen regelrechten Bürgerkrieg gegen die Maquisards (Partisanen der Résistance). Politisch längst durch beflissen-ehrgeizige Politiker wie Laval diskreditiert, wurde die Bezeichnung Kollaboration nun zum Inbegriff von Feindbegünstigung, Spitzeltum und Brudermord. Kollaboration bedeutete zudem bald auch Beihilfe zur nationalsozialistischen Judenverfolgung und Unterstützung einer Europäischen Neuordnung, in der Frankreich nur als Statist vorkam.

    Nach der Kriegswende wuchs daher die Erbitterung zwischen Résistance und Kollaboration lawinenartig. Die prominenten Kollaborateure wurden vor den herannahenden Alliierten nach Deutschland verbracht, nach dem deutschen Zusammenbruch verhaftet und meist zum Tod verurteilt. Die Kollaborations-"Basis" sah sich einem gnadenlosen Abrechnungsfeldzug ausgesetzt, dessen Opferzahlen in die Hunderttausende gingen. V. a. Frauen, die sich mit dem Feind eingelassen hatten, wurden in einem Rausch kollektiver Eifersucht misshandelt, an den Pranger gestellt oder getötet. Die Wunden heilten langsam, die Kollaborations-Akte ist bis heute in Frankreich nicht geschlossen.

    Wie in Frankreich fanden die deutschen Besatzer fast überall Unterstützung: In Belgien beim Vlaamsch National Verbond (VNV) und bei den Rexisten Degrelles. Belgische Einheiten kämpften in der Waffen-SS an der Ostfront. In den Niederlanden hatte Mussert schon 1931 eine "Nationaal Socialistische Beweging" (NSB) gegründet. Sie wurde Träger einer holländischen Kollaboration und von Reichskommissar Seyß-Inquart als einzige legale Partei anerkannt, Mussert wurde am 13. 12. 42 der holländische "Führer". Die Waffen-SS fand auch in den Niederlanden einigen Zulauf.

    Geradezu zum Synonym für Kollaborateure wurde der norwegische Faschisten-Führer Quisling ("Quislinge") mit seiner "Nasjonal Samling". Er hatte allerdings noch weniger als Mussert eine Basis im Volk und spielte während der Besatzungszeit neben Reichskommissar Terboven nur die Rolle des nationalen Feigenblatts für die deutschen Behörden. Fast bedeutungslos waren die dänischen Nationalsozialisten unter Frits Clausen, denen auch 1943 nach Übernahme der Regierungsgewalt über Dänemark durch die Wehrmacht keine Mitsprache eingeräumt wurde.

    In Jugoslawien wurde die Kollaboration nach dem Balkanfeldzug staatlich in Form des "unabhängigen" Kroatien unter dem Ustascha-Regime von Pavelic etabliert. Träger der Kollaboration in Ungarn nach der Entmachtung Horthys waren die Pfeilkreuzler unter Szálasi. In den besetzten Ostgebieten gab es keine organisierte Kollaboration, doch fanden die Besatzer bei Balten und Ukrainern, die auf nationale Selbständigkeit hofften, Unterstützung, die allerdings im Zuge der brutalen Unterdrückung und Ausbeutung rasch abbröckelte. Selbst bei den als "Untermenschen" abgestempelten russischen Völkern, bei Kirgisen, Tataren, Tscherkessen, fanden sich Hilfswillige. Symbolfigur dieser Kollaboration wurde Wlassow. Wie in Frankreich kam es in allen einst deutsch besetzten Ländern zu blutiger Abrechnung mit den Kollaborateuren. In der Sowjetunion genügte mitunter die bloße Kriegsgefangenschaft bei den Deutschen zur Verurteilung. Ein besonders trauriges Kapitel in diesem Zusammenhang war die Auslieferung der Kosaken, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, durch die Briten an die Sowjetunion, wo sie in den sicheren Tod gingen. Zahllose Opfer forderte auch die Rache der Tito-Partisanen an Ustascha und Kroaten. Selbst im früher mit Deutschland verbündeten Italien, das also von Staats wegen Kollaboration betrieben hatte, wütete die Vergeltung.