Kollektivschuld

    Aus Lexikon Drittes Reich

    rechtliche Schuld einer Gemeinschaft (etwa eines Volks) für die Verbrechen einzelner ihrer Glieder. Der Begriff der Kollektivschuld widerspricht dem modernen Rechtsdenken, das nur eine Rechtsschuld des einzelnen Täters kennt und kollektive Haftung wie z. B. die nationalsozialistische Sippenhaft als Rechtsbeugung verwirft. Der nach 1945 erhobene Vorwurf einer Kollektivschuld des deutschen Volks für die nationalsozialistischen Verbrechen wurde daher in diesem Sinne fallen gelassen. Heuss sprach statt dessen von einer "Kollektivscham", die das deutsche Volk angesichts der in seinem Namen begangenen Untaten empfinden müsse, aus der die Verpflichtung zur Wiedergutmachung erwachse. Im gleichen Sinne äußerte sich 1946 Jaspers, der von "Mitbetroffenheit" sprach, "auch wenn wir moralisch und juristisch nicht haften"; und so wollte auch das Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche verstanden werden. Helmut Schmidt bezeichnete am 23. 11. 77 in einer Rede am Mahnmal in Auschwitz die "heutigen Deutschen" als persönlich nicht schuldig, bejahte aber eine "Mitverantwortung" auch der nachwachsenden Generationen für die deutsche Geschichte.