Konzentrationslager

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (KZ). Die ersten KZ gab es im Burenkrieg (1901); so genannte concentration camps wurden von den Engländern als Internierungslager für Zivilgefangene eingerichtet. Im nationalsozialistischen Deutschland dienten sie seit 1933 zur Inhaftierung und Umerziehung aller "missliebigen Elemente" (wie Kommunisten, Sozialisten, Zentrumsangehörige, Geistliche u. a.) und zur Zwangsarbeit. Entstanden sind die KZ im Zuge der Verhaftungswelle nach der Machtübernahme 1933, die dazu führte, dass die Gefängnisse in kurzer Zeit völlig überfüllt waren und zusätzlicher Haftraum benötigt wurde. Die wesentliche Rechtsgrundlage für die Inhaftierung bildete die Reichstagsbrandverordnung. Die Haft wurde als vorbeugende Polizeimaßnahme bzw. Schutzhaft gegenüber staatsfeindlichen Elementen bezeichnet. Rechtsbehelfe gegen sie waren nicht zugelassen.

    Die ersten KZ wurden teils von staatlichen Stellen (Polizeibehörden u. a.), teils aber auch eigenmächtig von SA und SS in leerstehenden Fabriken, Lagerhallen u. a. eingerichtet. Diese "wilden" KZ (Schutzhaft) verschwanden in der Folgezeit nach und nach, die Leitung und Bewachung der anderen Lager blieb in den Händen der vom Staat als Hilfspolizei eingesetzten SA und SS und ging nach der Röhm-Affäre (30. 6. 34) allein auf die SS über. Das Modell für alle KZ wurde Dachau, dessen Lagerkommandant Eicke, der am 4. 7. 34 zum "Inspekteur der KZ" ernannt wurde, am 1. 10. 33 eine Lagerordnung erlassen hatte, die bei der Einrichtung der anderen Lager als Muster diente. Ein KZ hatte danach jeweils fünf Abteilungen, nämlich Kommandantur (I), politische Abteilung (II), Schutzhaftlager (III), Verwaltung (IV) und Lagerarzt (V). Die politische Abteilung (II) war praktisch ein Außenposten der jeweiligen örtlichen Gestapo mit einem Gestapobeamten als Leiter. Sie führte Vernehmungen durch und war für die Häftlingskartei, die Häftlingsakten u. a. zuständig. Der Schutzhaftlagerführer (bei großen Lagern gab es neben dem ersten einen zweiten Schutzhaftlagerführer) war auch Vertreter des Kommandanten. Ihm unterstanden der oder die Rapportführer, diesem die Blockführer. Ferner unterstanden ihm der Arbeitseinsatzführer und die Kommandoführer. Im Schutzhaftlager (III) waren die Häftlinge untergebracht.

    Die Disziplin der SS-Angehörigen in den Lagern war meist schlecht. Selbst schwere Bestrafungen (Todesstrafen) durch SS-Gerichte änderten daran nichts Grundlegendes. Parallel zur SS-Organisation wurde später eine Häftlingsselbstverwaltung eingerichtet, an deren Spitze der oder die Lagerältesten standen, gefolgt von den Blockältesten der einzelnen Baracken und dem Stubendienst. Funktionshäftlinge (Schreiber, Häftlingsärzte, Leichenträger u. a.) waren mit den verschiedensten Arbeiten im Lager betraut. In den Arbeitskommandos waren sie als Kapos und Vorarbeiter eingesetzt. Meist waren es Kriminelle oder politische Häftlinge, zwischen denen ein ständiger offener oder versteckter Kampf um die besten Positionen im Lager stattfand. Neben dem SS-Personal des Lagers selbst gab es zur Außenbewachung des Lagers SS-Wachtruppen, "SS-Wachverbände", später Totenkopfverbände genannt.

    Während zunächst in den KZ nur politische Schutzhäftlinge inhaftiert waren, ging man später – u. a. zur Diskriminierung der politischen Gefangenen – dazu über, entsprechend dem Erlass des Reichsjustizministeriums vom 14. 12. 37 so genannte "Berufs- und Gewohnheitsverbrecher, Asoziale" u. a., die als polizeiliche Vorbeugungshäftlinge bezeichnet wurden, in die Lager einzuweisen. Zusammen mit den Juden und "Zigeunern", den Homosexuellen und den Ernsten Bibelforschern (Zeugen Jehovas), den so genannten Arbeitsscheuen (Himmler-Erlass vom 26. 1. 38) und Personen, die ihre gerichtlich verhängten Strafen bereits verbüßt hatten oder die angeblich zu Unrecht freigesprochen worden waren, waren damit schon frühzeitig verschiedene Kategorien von Häftlingen in den KZ inhaftiert. Nach Kriegsausbruch wurden dann zunehmend ausländische Häftlinge aus den deutsch besetzten Gebieten – z. B. NN-Häftlinge (Nacht-und-Nebel-Erlass) – in die Lager gebracht. Sie stellten schließlich das Gros der Gefangenen.

    Die verschiedenen Arten von Häftlingen wurden durch auf dem Kopf stehende Dreiecke (so genannte Winkel) aus farbigem Stoff auf der Kleidung gekennzeichnet; die kriminellen Häftlinge hatten grüne, die politischen rote, die Asozialen schwarze, die Homosexuellen rosa und die Bibelforscher violette Winkel. Die jüdischen Häftlinge waren daran zu erkennen, dass über dem jeweiligen Winkel ein gelbes Dreieck so aufgenäht wurde, dass sich insgesamt ein Davidstern ergab, während ausländische Häftlinge dadurch kenntlich gemacht wurden, dass der Anfangsbuchstabe ihrer jeweiligen Nationalität auf dem Winkel angebracht wurde. Bereits einmal Geflohene oder Fluchtverdächtige waren durch einen großen roten oder schwarzen so genannten Fluchtpunkt auf Brust und Rücken besonders gekennzeichnet.

    Da in den Lagern ein riesiges Reservoir an Zwangsarbeitern zur Verfügung stand, begann die SS eigene Wirtschaftsbetriebe zu gründen und errichtete im Februar 42 das Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt (WVHA) unter Leitung des späteren SS-Obergruppenführers Oswald Pohl, dem die Dienststelle des Inspekteurs der KZ unter der Bezeichnung "Amtsgruppe D" eingegliedert wurde. Mit zunehmender Kriegsdauer machten die ständigen Bombardierungen die Verlagerung großer Teile der Rüstungsproduktion unter die Erde erforderlich, wodurch immer mehr Häftlinge und Zwangsarbeiter benötigt wurden. Die kleine Gruppe der KZ, die 1939 bestanden hatte – Dachau, Flossenbürg, Sachsenhausen, Buchenwald, Mauthausen und das Frauenlager Ravensbrück mit insgesamt 21 400 Häftlingen –, wuchs zu einem weit verzweigten System an, das auch die besetzten Länder einschloss. Überall dort, wo die Industrie Arbeitskräfte brauchte, wurden Außenkommandos (Nebenlager) eingerichtet. Die Zahl der Häftlinge in Buchenwald z. B. vergrößerte sich dadurch auf fast 525 000 im August 44 und betrug Anfang 45 schließlich über 600 000 Menschen.

    Das Interesse des WVHA an der Ausnutzung der Arbeitskraft stand in gewisser Weise dem Interesse des RSHA auf Ausschaltung bzw. Umerziehung der politischen Gegner entgegen. Für die Häftlinge brachte die Unterstellung der KZ unter das WVHA jedoch kaum Vorteile. Nach einem Befehl Pohls vom April 42 sollte die Ausnutzung der Arbeitskräfte "im wahrsten Sinne des Wortes erschöpfend" gestaltet und Mahlzeiten, Appelle u. a. auf ein nicht mehr zu verdichtendes Mindestmaß beschränkt werden. Seit September 42 wurden auch bestimmte Justizgefangene (Sicherungsverwahrte u. a.; Deutsche, Juden, Zigeuner, Russen, Polen u. a.) nach einer Vereinbarung zwischen Thierack und Himmler "zur Vernichtung durch Arbeit" in die KZ eingewiesen. Zudem wurden in den Lagern regelmäßig alle nicht mehr arbeitsfähigen Häftlinge ("Muselmänner") ausgesondert und in Tötungsanstalten der Euthanasie-Aktion oder Vernichtungslager transportiert und dort getötet. In vielen Fällen wurden sie auch in den Lagern selbst durch Giftinjektionen ermordet.

    Die Häftlinge waren in den Lagern bedingungslos der Gewalt der SS und der Gestapo ausgeliefert. Nach der Eicke'schen Lagerordnung (Dachau) war die Verhängung von Strafen, Prügelstrafe, Pfahlhängen u. a. bis hin zur Todesstrafe, die allerdings – z. B. bei Fluchtversuchen – in der Regel vom RSHA angeordnet wurde, Sache des jeweiligen Lagerkommandanten. Eigenmächtige Tötungen und Misshandlungen von Häftlingen waren ausdrücklich verboten. Es war den SS-Angehörigen sogar untersagt, Häftlinge zu berühren. Trotz dieses eindeutigen Verbotes waren Häftlingsmisshandlungen und -tötungen (Erschlagen, Erhängen, Ertränken, zu Tode foltern u. a.) etwas Alltägliches. Neben den SS-Angehörigen waren an ihnen auch Funktionshäftlinge, namentlich die Kapos, beteiligt. Die Täter gingen regelmäßig straffrei aus. Von der Inspektion der KZ wurde diese Praxis geduldet. Im Übrigen waren die Lebensverhältnisse, was Hygiene, Kleidung, Verpflegung und ärztliche Versorgung anging, durchweg vollständig unzureichend und unmenschlich. Meist waren die Häftlinge in zugigen Holzbaracken, in denen sich dreistöckige, primitive Etagenbetten befanden, untergebracht. In jedem Bett schliefen bis zu drei Häftlinge, denen oft nur eine einzige Decke zur Verfügung stand, auf Strohsäcken als Unterlage und manchmal sogar auf dem blanken Holz der Bettstatt. Die Kleidung bestand im Allgemeinen – auch im Winter – nur aus dem dünnen, gestreiften Häftlingsanzug, der zudem sehr selten gewaschen wurde. Als Verpflegung gab es neben geringen Brotrationen v. a. Rüben- und Wassersuppen. Zusammen mit den schlechten sanitären Verhältnissen, die immer wieder Seuchen hervorriefen, und mit den unmenschlichen Arbeitsverhältnissen führte das zu einer außerordentlich hohen Sterblichkeit, die auch durch die Aufforderung des WVHA (Schreiben Pohls vom 20. 1. 43), mit allen Mitteln die Arbeitskraft der Häftlinge zu erhalten, nicht gebremst werden konnte. Darüber hinaus wurden Häftlinge auch zu zahlreichen medizinischen Menschenversuchen benutzt, die manchmal terminal angelegt waren, d. h. es stand von vornherein fest, dass die Versuchspersonen dabei zu Tode kommen würden. Im Rahmen der Endlösung wurden einzelne Lager zur Tötung mittels Giftgas und zur Sonderbehandlung, d. h. Exekution "staatsfeindlicher Elemente" und russischer Kriegsgefangener (nach dem Kommissarbefehl vom 6. 6. 41), benutzt.

    Kurz vor Kriegsende wurden die meisten KZ ins Innere des Reichs evakuiert. Im Chaos des Zusammenbruchs kamen dabei zahllose entkräftete Häftlinge in zum Teil offenen Gütertransportzügen ums Leben oder wurden – wenn sie auf Fußmärschen das Marschtempo nicht durchhalten konnten – von ihren Bewachern am Straßenrand erschossen. Viele starben in den total überfüllten Auffanglagern (nach Schätzungen insgesamt etwa ein Drittel der im Januar 45 registrierten Häftlinge).