Kreisauer Kreis

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nach dem Gut Kreisau (Kreis Schweidnitz, Niederschlesien) des Grafen Moltke benannter Widerstandskreis; die Bezeichnung Kreisauer Kreis wurde vermutlich von Freisler geprägt und findet sich erstmals in einem der so genannten Kaltenbrunner-Berichte an Bormann vom 25. 8. 44. Im Kreisauer Kreis trafen sich ab 1940 bei drei großen Konferenzen Pfingsten 42, Oktober 42 und Pfingsten 43 Vertreter aller gesellschaftlichen und politischen Richtungen überwiegend aus der jüngeren, für Reformen aufgeschlossenen Generation der 30- bis 40-Jährigen: altpreußische Adlige (u. a. Graf Yorck von Wartenburg), Sozialisten (Reichwein, Mierendorff, Haubach, Leber), Geistliche beider Konfessionen (Pater Delp, der Berliner Gefängnispfarrer Poelchau), Professoren, Landräte (Steltzer) und Diplomaten (H. B. von Haeften, A. von Trott zu Solz).

    Dabei ging es dem Kreisauer Kreis nicht primär um eine aktive Politik des Staatsstreichs; so lehnte Moltke den "Tyrannenmord" aus christlichen Gewissensgründen und der Furcht ab, dadurch einen Neuanfang in Deutschland nach Hitler mit einer neuen "Dolchstoßlegende" zu belasten. Vielmehr standen im Mittelpunkt der oft sehr kontroversen Treffen christlich-sozialistisch geprägte Beratungen und Reformentwürfe (Sommer 43 vorläufige "Grundsätze für die Neuordnung") über einen sozialen Ausgleich zwischen den Klassen, eine "sittliche und politische Erneuerung" und über die politische und gesellschaftliche Neugestaltung Deutschlands und Europas nach dem Krieg: Nach innen wurde das Konzept der eigenverantwortlichen und sich selbst verwaltenden "kleinen Gemeinschaften" in Kommunen, Nachbarschaften und Betrieben nach dem amerikanischen Prinzip der "democracy of grass roots" als Grundlage eines von unten nach oben gegliederten Staatsaufbaus mit gestuften und indirekten Wahlen von der Kreisebene aufwärts entwickelt; das Wirtschaftsprogramm sah u. a. die Verstaatlichung des Grundstoff- und Energiesektors vor; nach außen setzte sich der Kreisauer Kreis für einen nationalen Souveränitätsverzicht, einen föderativ gegliederten europäischen Bund und die Aussöhnung Deutschlands mit seinen westlichen und östlichen Nachbarn ein.

    Der Kreisauer Kreis wurde mit der Verhaftung Moltkes durch die Gestapo im Januar 44 praktisch zerschlagen und war trotz zahlreicher persönlicher Querverbindungen am Zwanzigsten Juli 44 nicht mehr beteiligt.