Kriegsgefangene

    Aus Lexikon Drittes Reich

    zur Verhinderung ihrer weiteren Teilnahme am Kampf in Sicherheitshaft genommene feindliche Kombattanten. Während des Zweiten Weltkriegs richtete sich die Behandlung der Kriegsgefangenen nach dem Genfer Abkommen vom 27. 7. 29, soweit die Kriegführenden diesem beigetreten waren. Daneben war die Haager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907 anzuwenden. Die UdSSR hatte das Genfer Abkommen nicht ratifiziert und an die HLKO sah sie sich nicht gebunden, da sie sich von allen durch das Zarenreich abgeschlossenen Verträgen losgesagt hatte. Gleichwohl ließ sie nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Kriegs der Regierung des Deutschen Reichs u. a. über die schwedische Vertretung in Moskau durch Note vom 17. 7. 41 mitteilen, dass sie sich unter der Bedingung der Gegenseitigkeit an die HLKO halten werde. Diese Note wurde von der Reichsregierung nicht beantwortet.

    Die Behandlung der in deutschem Gewahrsam befindlichen westalliierten Kriegsgefangenen entsprach im Wesentlichen den internationalen Vereinbarungen, wenn man von Ausnahmen absieht: So waren z. B. nach dem Kommandobefehl Angehörige der Kommandotrupps zu erschießen und notgelandete "Terrorflieger" der Lynchjustiz der Bevölkerung zu überlassen. Darüber hinaus befahl Hitler in einigen Fällen Repressalien, die gegenüber Kriegsgefangenen in der Regel verboten waren (u. a. Erschießung wiederergriffener flüchtiger Kriegsgefangener). Häufiger dagegen kamen Verstöße gegen die internationalen Vereinbarungen bei der Behandlung der Kriegsgefangenen aus östlichen Staaten vor. Gegen alle Grundsätze des Völkerrechts jedoch verstieß die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Ursache war einmal, dass Hitler sich wegen der fehlenden russischen Unterschrift unter das Genfer Abkommen selbst nicht daran gebunden fühlte, zum anderen die Einstufung des Kampfs im Osten als "Krieg zweier Weltanschauungen".

    Schon unmittelbar nach der Gefangennahme begann der Leidensweg der sowjetischen Soldaten. Zu Zehntausenden lagen sie nach den Kesselschlachten entkräftet, krank oder verwundet in den Armee-Gefangenen-Sammelstellen und Durchgangslagern. Die erforderlichen Versorgung blieb wegen Nachschubschwierigkeiten oder aus anderen Gründen aus. Massensterben war die Folge. Auf dem Transport in die Stammlager des rückwärtigen Gebiets und in das Reich starb eine große Zahl weiterer Kriegsgefangener. Die Lage besserte sich nach der Ankunft nicht, zumal durch besondere Befehle die Versorgung eingeschränkt wurde. Allerdings versuchten im Kriegsgefangenenwesen tätige Offiziere und Unternehmer, bei denen die Kriegsgefangenen im Arbeitseinsatz standen, von sich aus deren Los zu bessern. Erst als der Arbeitskräftemangel sich bemerkbar machte und die Kriegsgefangenen dringend für die Kriegswirtschaft benötigt wurden, trat langsam eine Wende in der Behandlung ein.

    Daneben gab es für gewisse Gruppen sowjetischer Kriegsgefangener zeitweise, teils bis zum Zusammenbruch des Dritten Reichs, Befehle, die deren physische Vernichtung anordneten. So waren nach dem so genannten Kommissarbefehl vom 6. 6. 41 gefangene Kommissare noch auf dem Gefechtsfeld "zu erledigen". Als die Truppe dem Befehl nur zögernd nachkam und viele Kommissare in die Lager abgeschoben wurden, setzte SD-Chef Heydrich Einsatzkommandos ein, die die Kriegsgefangenenlager nach Kommissaren zu überprüfen und darüber hinaus alle politisch "untragbaren" Kriegsgefangenen ausfindig zu machen hatten. Diese Kriegsgefangenen wurden der Sonderbehandlung zugeführt. Manchmal nahm man von der sofortigen Liquidierung Abstand und stellte die selektierten Kriegsgefangenen für "wissenschaftliche Versuche" mit voraussehbar tödlichem Ausgang zur Verfügung. Arbeitsunfähige, kranke und verwundete Kriegsgefangene waren in den besetzten Gebieten der UdSSR zeitweise den Höheren SS- und Polizeiführern zu übergeben, die die "unnützen Esser" erschießen ließen. Flüchtige und wiederergriffene Kriegsgefangene wurden nach dem Kugelerlass erschossen. Kriegsgefangene, die gegen die ihnen auferlegten Beschränkungen verstießen – z. B. Verbot des Umgangs mit deutschen Frauen und Mädchen –, wurden erhängt. Dasselbe Schicksal traf polnische und serbische Kriegsgefangene, während westliche Kriegsgefangene nur eine Bestrafung wegen Ungehorsams zu erwarten hatten. Es ist davon auszugehen, dass wenigstens 2,53 von den mindestens 5,4 Millionen in deutsche Gefangenschaft geratenen Rotarmisten starben oder ermordet wurden.

    Die Behandlung deutscher Kriegsgefangener im Gewahrsam der damaligen Alliierten war unterschiedlich. Die westlichen Mächte hielten sich im Wesentlichen an das Völkerrecht, wenn man von Exzessen kleinerer Einheiten oder Einzelner absieht. Allerdings nahmen Übergriffe und Unkorrektheiten gegenüber deutschen Kriegsgefangenen in der Endphase des Kriegs und nach der Kapitulation zu, insbesondere zum Nachteil von Angehörigen der Waffen-SS. Vielfach sind auch Verstöße als Reaktion auf das Bekanntwerden von nationalsozialistischen Verbrechen zu sehen. Der häufige Vorwurf mangelhafter Versorgung und Unterbringung kann in dieser Allgemeinheit nicht aufrechterhalten werden. Untersuchungen ergaben, dass diese Verhältnisse sich durchweg auf die Zeit kurz vor und nach der Kapitulation beziehen, als Amerikaner und Briten rund vier Millionen deutsche Kriegsgefangene einbrachten, deren Versorgung und Unterbringung erhebliche Schwierigkeiten bereitete. Mit Erfolg bemühte man sich, diese Mängel zu überwinden, so dass das befürchtete Massensterben ausblieb. Mit der Entlassung der Kriegsgefangenen begannen die westlichen Alliierten schon kurze Zeit nach der Kapitulation, die Amerikaner z. B. noch im Mai 45. Bis Ende 48 waren alle deutschen Kriegsgefangenen, die sich im Gewahrsam der Westmächte befunden hatten, in Ausführung des Beschlusses der Moskauer Außenministerkonferenz von 1947 auf freiem Fuß, ausgenommen die wegen Kriegsverbrechen Verurteilten.

    Wie das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Gefangenschaft, war das der deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand katastrophal. Der "konventionslose Krieg", die ideologische Kriegführung und namentlich die schlechten Lebensbedingungen, unter denen auch die sowjetische Zivilbevölkerung zu leiden hatte, forderten erhebliche Opfer unter den Kriegsgefangenen. In den ersten Monaten nach dem Einfall in die UdSSR bis in das Jahr 1942 hinein wurden deutsche Soldaten häufig, später vereinzelt auf Befehl von Kommissaren und fanatischen Offizieren unmittelbar nach der Gefangennahme erschossen, was offensichtlich anfangs auf den von der deutschen Seite erlassenen Kommissarbefehl und später auf die aufpeitschende sowjetische Propaganda (Ehrenburg) zurückzuführen sein dürfte. Auf den Transporten in die festen Lager starben Tausende an Entkräftung. Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Betreuung waren bei harter Arbeit unter teils ungewohnten klimatischen Verhältnissen bis etwa 1948 äußerst schlecht, die Sterblichkeit entsprechend hoch. Von den 1941/42 in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten starben 90-95 %, 1943: 60-70 %, 1944: 30-40 %, 1945: 20-25 %. Erst 1949 erreichte die Todesziffer infolge der allgemeinen in der UdSSR verbesserten Lebensbedingungen ein normales Maß.

    Mit der Entlassung der Kriegsgefangenen nahm sich die UdSSR Zeit. Sie waren billige Arbeitskräfte für den Wiederaufbau. Zwar wurden schon in den ersten Nachkriegsjahren deutsche Kriegsgefangene entlassen; überwiegend handelte es sich aber dabei um Arbeitsunfähige. An den Beschluss der Moskauer Außenministerkonferenz hielt sich die Sowjetunion nicht. Noch im Mai 50 trafen Heimkehrertransporte in der Bundesrepublik ein. Zurück blieben die wegen Kriegsverbrechen Verurteilten. Ein Teil kam 1953/54 nach Hause. Erst nach Verhandlungen Adenauers im September 55 in Moskau erklärte sich die UdSSR bereit, auch die restlichen "kriminellen Elemente" zurückzugeben. Nach (west)deutschen Berechnungen hätten noch insgesamt 130 000 Kriegsgefangene in sowjetischem Gewahrsam sein müssen, nach russischen Angaben waren es jedoch nur 9 628 Personen, die in Straflagern einsaßen. Im Jahr 1956 kehrten diese Kriegsgefangenen heim. Von insgesamt 3,06 Millionen in sowjetische Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten waren 1 094 250 ums Leben gekommen.