Lebensraum

Aus Lexikon Drittes Reich

in der Zeit der deutschen Reichsgründung (1870/71) aufgekommenes politisches Schlagwort, das imperialistische deutsche Ansprüche anmeldete und zunächst v. a. kolonialistisch gemeint war. Der Begriff fand Eingang in die politische Geographie durch den Wissenschaftler Friedrich Ratzel (1844-1904), der 1901 einen Essay mit dem Titel "Der Lebensraum" veröffentlichte. Er beschrieb darin die Menschheitsgeschichte als einen "permanenten Kampf um Lebensraum", zog aber keinerlei Folgerungen daraus für die deutsche Politik. Das blieb der Geopolitik K. Haushofers und seiner Schüler vorbehalten und fand literarischen Niederschlag u. a. im Roman von H. Grimm "Volk ohne Raum", dessen Titel zum nationalsozialistischen Schlagwort wurde. Zur kolonialen Ausrichtung trat nun eine kontinentaleuropäische Lösung, wie sie Hitlers Außenpolitik bestimmen sollte, die nach seinen Vorstellungen letztlich "Bodenpolitik" zu sein hatte.

Schon am 10. 12. 19 notierte Hitler, "dass auf den Kopf eines Russen 18-mal mehr Grund trifft als auf einen Deutschen", und leitete daraus in "Mein Kampf" gleich zu Beginn "das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens" her. Anders als bei den Geopolitikern, die militärische Eroberung als Notlösung ansahen, gehörte für Hitler Gewalt wesensmäßig zum Lebensraum-Konzept: "Der Pflug ist dann das Schwert." Die Revisionspolitik, die er zunächst einschlug, bezeichnete er selbst als "Rückendeckung ... für eine Vergrößerung des Lebensraums", da ein Krieg für die Wiederherstellung der deutschen Vorkriegsgrenzen "sich, wahrhaftiger Gott, nicht lohnen" würde. Bündnisse, deren "Ziel nicht die Absicht zu einem Krieg" umfasste, seien "sinn- und wertlos" (alle Zitate "Mein Kampf"). Auch kolonialpolitische Lösungen setzte Hitler nur taktisch ein als Argument gegen die kolonialistischen Westmächte, zielte aber in Wirklichkeit ausschließlich auf "Lebensraum im Osten" (Rede vor Reichswehrgenerälen 3. 2. 33), da es, wie er noch kurz vor dem Zusammenbruch am 7. 2. 45 sagte, nur Sinn habe, sich dorthin auszubreiten, "wo der geographische Zusammenhang mit dem Mutterland gesichert ist" ("Hitlers Politisches Testament"). Ausdrücklich war damit von Anfang an Russland gemeint.

Damit kam in die Lebensraum-Politik über die Erweiterung der Ernährungs- und Rohstoffbasis hinaus ein rassistisches Element, das im sozialdarwinistischen Schema der Geopolitiker angelegt war, aber erst nationalsozialistisch ausgeprägt wurde. Danach stand einem "Herrenvolk" ("Mein Kampf") zur Entfaltung die Unterwerfung und "Verdrängung", durchaus auch im Sinne von Vernichtung, minderwertiger Völker und Rassen zu. Nach Hitlers Ansicht war die bolschewistische Revolution nichts anderes gewesen als eine jüdische Machtergreifung in Russland. Da aber Juden niemals Staaten bilden könnten, sei das "Riesenreich im Osten reif zum Zusammenbruch", was "die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie" sein werde ("Mein Kampf"). Die Endlösung der Judenfrage war damit integrierender Bestandteil des Lebensraum-Kriegs, den Hitler noch im Februar 45 als "heilige Mission meines Lebens" und "Daseinszweck des Nationalsozialismus" bezeichnete.