Literatur

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Als nationalsozialistische Literatur im weitesten Sinne wird diejenige Literatur bezeichnet, die zentralen Inhalten der nationalsozialistischen Ideologie Ausdruck verlieh und auf die sich politische und kulturelle Institutionen, anerkannte Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler des Dritten Reichs als "artgemäße" zeitgenössische Dichtung beriefen. Mit dieser Bestimmung werden nicht nur diejenigen ideologiekonformen Werke als nationalsozialistische Literatur erfasst, die während des Dritten Reichs produziert wurden, sondern auch zahlreiche Werke, die vor 1933 erschienen, z. T. sogar solche, die bereits vor 1918 entstanden sind. Andererseits wird die Bestimmung nicht allen Schriftstellern oder allen ihrer Werke gerecht; Grenz- und Sonderfälle wie Carossa, Ernst Jünger oder Benn müssen je für sich beurteilt werden. Die eingangs vorgenommene Bestimmung der nationalsozialistischen Literatur folgt ideologischen und literaturpolitischen Kriterien. Eine ausschließlich ästhetischen Gesichtspunkten folgende Bestimmung wäre schwierig, wenn nicht unmöglich. Auch Wertungs-Kriterien führen allenfalls zu dem Urteil, dass die nationalsozialistische Literatur generell von mittelmäßiger, wenn nicht miserabler ästhetischer Qualität ist, aber damit ist weder eine hinreichende Bestimmung gewonnen, noch erübrigt ein solches Urteil die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Literatur.

    Die bevorzugten Genres lassen sich drei hauptsächlichen Typen zuordnen, je nachdem, welcher ideologische Inhalt in ihrem Zentrum steht oder welcher Funktion sie nachkommen: Die Heimatromane, speziell die Bauernromane (Bauerndichtung) und mit ihnen die meisten historischen Romane kreisen um die Idee des "Volkstums"; die Weltkriegsromane und die nationalsozialistische Marsch- und Kampflyrik verherrlichen und propagieren "Heldentum"; chorische Dichtungen, eine bestimmte Art von "Weltanschauungs-Lyrik" und Thingspiele geben dem "Glauben" an den Nationalsozialismus Ausdruck und fordern zu "Bekenntnissen" auf. Diese Dreiteilung kann sich auf die Selbstinterpretation nationalsozialistischer Schriftsteller, Politiker und zeitgenössischer Literaturwissenschaftler stützen, derzufolge die nationalsozialistische Literatur als "volkhafte Dichtung", "heldische Dichtung" und "Weihedichtung" erscheint. Die mit diesen Begriffen ebenfalls angesprochenen ideologischen Inhalte und Funktionen liegen allerdings nicht nur dem jeweiligen literarischen Typus zugrunde, sondern sind Wesensmerkmale der gesamten nationalsozialistischen Literatur oder sollen dies - programmatischen Äußerungen zufolge - zumindest sein.

    So kann unter "volkhafter Dichtung" speziell der Heimat- und Bauernroman begriffen werden, generell aber ist alle nationalsozialistische Literatur "volkhafte Dichtung", insofern sie "das Schicksal des Volkes als den höchsten Gegenstand der Kunst proklamiert" (A. Mulot). Die Forderung, Kunst müsse sich aus den "Kräften des Volkstums" speisen (Goebbels), bedeutete letztlich, dass Kunst und Literatur nach dem Kriterium der "blutsmäßigen Substanz" (Schumann) beurteilt wurden. Demgemäß erfolgte der Kampf gegen "bloßes Artistentum" (Goebbels) nicht nur aus ästhetischen Gründen, er war zugleich rassistisch motiviert. Die "volkhafte Dichtung" hatte also auch eine politische Funktion, und zwar eine doppelte: Einerseits propagierte sie beim Leser "Rassenbewusstsein", andererseits diente die Berufung auf ihre angeblich schutzwürdigen Werte als Rechtfertigung für die Verfolgung des "rassefremden Literatentums" (Rosenberg).

    Auch "heldische Dichtung" bezeichnet nicht nur einen besonderen Typus mit bestimmten Genres, vielmehr ist Heroismus den literarischen Programmen zufolge eine grundlegende Qualität der nationalsozialistischen Literatur: Ihr Ausdruck, Stil und ihre generelle "Haltung" sollten heroisch bestimmt sein, inhaltlich hatte sie heldische Menschen zu zeigen. Hieraus ergab sich ebenfalls eine politische Doppelfunktion: Einerseits war die Konsequenz des heroischen Prinzips die Unterdrückung der so genannten dekadenten und defätistischen Literatur und ihrer Autoren, andererseits förderte die "heldische Dichtung" beim Leser den "Geist der Wehrhaftigkeit". Das gepriesene "Heldentum" trat in der Literatur mit der Ideologie des "Volkstums" in Wechselwirkung: In den Weltkriegsromanen, die noch vor 1933 erschienen waren, wurde die soldatische Gemeinschaft der Front als Kern einer zukünftigen Volksgemeinschaft gezeichnet und deren Ordnung nach dem Vorbild der Kampfgemeinschaft von Führer und Gefolgschaft entworfen; die Literatur nach 1933 propagierte die Verwandlung der Volksgemeinschaft in eine Kampfgemeinschaft, die Literatur wurde zur "Waffe".

    Schließlich hat auch der Begriff "Weihedichtung" doppelte Bedeutung: Im engeren Sinne bezeichnet er die verschiedenartigen liturgischen Texte für die nationalsozialistischen Feiern einschließlich der Thingspiele; insofern diese Texte den Führer und die Ideologie des Nationalsozialismus sakralisierten, dem "Glauben" an den Nationalsozialismus Ausdruck verliehen und für entsprechende "Bekenntnisse" Formeln bereitstellten, kann ebenso gut von "religiöser Dichtung" gesprochen werden. Religiöse Qualität (im Sinne einer "politischen Religiosität") hatte jedoch, zumindest tendenziell, alle nationalsozialistische Literatur, da die Ideologie nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse regeln, sondern auch spirituelle Sinngebung ermöglichen sollte. Kolbenheyer schrieb der nationalsozialistischen Literatur "transzendente Bedeutung" zu, Böhme erklärte den nationalsozialistischen Dichter zum "Künder" eines "neuen Glaubens". Hatte die "heldische Dichtung" die Funktion, die Volksgemeinschaft zur Kampfgemeinschaft zu schmieden, so sollte die "Weihedichtung" die Volksgemeinschaft in eine "Glaubensgemeinschaft" (Johst), in eine bedingungslose Gefolgschaft verwandeln.

    Eine Reihe von Werken, die im Dritten Reich als vorbildhafte nationalsozialistische Literatur galten und die auch vorher schon beträchtlichen Publikumserfolg hatten, entstand bereits vor 1918, v. a. Heimatromane und historische Romane von Bartels, Bloem, Burte, Frenssen, Kolbenheyer, Stehr, außerdem einige nicht minder erfolgreiche, meist antisemitisch geprägte kulturhistorische und kulturtheoretische Werke: die "Deutschen Schriften" von Lagarde, "Rembrandt als Erzieher" von Langbehn, "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" von H. S. Chamberlain, die "Geschichte der deutschen Literatur" von Bartels, "Die Sünde wider das Blut" von Dinter. Diese Literatur wird in der Regel als Vorläufer der nationalsozialistischen Literatur betrachtet und als völkisch-nationale Literatur bezeichnet, da es den Nationalsozialismus als politische Bewegung noch nicht gab. Doch die ideologischen Inhalte des Nationalsozialismus waren in dieser Literatur, die ebenfalls als "völkische", "heldische" und "religiöse Dichtung" erschien, bereits präsent, so dass gefolgert werden muss: Der Nationalsozialismus hat nicht die nationalsozialistische Literatur hervorgebracht, vielmehr hat diese den Nationalsozialismus mitgeschaffen; sie hat dazu beigetragen, die Ideologie bereitzustellen und zu propagieren, die mit dem Nationalsozialismus identifiziert wird. Die ideologischen Positionen, die schon vor 1918 entwickelt worden waren, verschärften sich allenfalls in den folgenden Jahren unter dem Eindruck des verlorenen Kriegs und im Kampf gegen die gehasste Republik von Weimar. Die Tradition des "volkhaften" Heimatromans und historischen Romans (E. Strauß, Blunck, Vesper, Kolbenheyer), auch des Kolonialromans (H. Grimm), setzte sich fort. Ein neues Genre des "heldischen" Literaturtyps stellten die zahlreichen Weltkriegsromane dar, die fast alle in einem Schub Ende der 20er Jahre erschienen (Beumelburg, Wehner, Dwinger, Schauwecker, Zöberlein). Der nationalsozialistische Schriftsteller und Publizist Vesper prägte das Wort von den "zwei Literaturen" dieser Zeit; er behauptete, die linke und bürgerlich-liberale Literatur habe die andere, die "echte deutsche Dichtung" unterdrückt. In Wahrheit erzielten die dem Nationalsozialismus nahe stehenden Heimat- und Kriegsromane auch schon vor 1933 recht erhebliche Auflagezahlen.

    Nach 1933 wurde der Erfolg der nationalsozialistischen Literatur mit politischen und administrativen Mitteln durchgesetzt. Der Ertrag an neuen Werken war während des Dritten Reichs relativ bescheiden. Die "junge Garde" nationalsozialistischer Schriftsteller, die überwiegend erst nach 1933 an die Öffentlichkeit trat (Anacker, Baumann, Böhme, Eggers, Menzel, Schumann u. a.), schrieb vorzugsweise Marsch- und Kampflyrik, "Weltanschauungs-Lyrik", chorische Dichtungen für die nationalsozialistischen Feiern und Thingspiele. Der funktionale Aspekt der Literatur rückte in den Vordergrund. Es ist symptomatisch, dass diese jungen Schriftsteller fast ohne Ausnahme zugleich Funktionäre in den verschiedensten staatlichen und parteiamtlichen Lenkungsorganen waren, vom Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer über Reichspropagandaleitung, Reichsjugendführung und Oberster SA-Führung bis zum Rasse- und Siedlungshauptamt der SS.