Luftkrieg

    Aus Lexikon Drittes Reich

    allgemein die Gesamtheit der militärischen Auseinandersetzungen mit Hilfe von Flugzeugen, im Zweiten Weltkrieg im engeren Sinne der alliierte Bombenkrieg gegen Deutschland. Schon am Tag der britischen Kriegserklärung (3. 9. 39) warfen einzelne Flugzeuge der Royal Air Force (RAF) Flugblätter über Hamburg, Bremen und dem Ruhrgebiet ab. Die deutschen Luftoperationen im Westen beschränkten sich auf Aufklärungsflüge, solange das Gros der Luftwaffe in Polen gebunden war. Beide Seiten waren bestrebt, keine Bomben auf Landziele zu werfen, um nicht Vergeltungsmaßnahmen herauszufordern.

    Das vorsichtige Abtasten änderte sich mit Beginn des Frankreichfeldzugs, als das britische Kabinett, nun unter Churchill, am 11. 5. 40 dem Bomber Command (BC) Angriffe auf das deutsche Hinterland freigab. Mit dem Einsatz von 99 Bombern gegen das Ruhrgebiet am 16./17. 5. 40 begann der strategische Luftkrieg gegen Deutschland. Erste Bomben (2 t) auf Berlin warf in der Nacht zum 8. 6. 40 ein französischer Marinefernaufklärer. Da alle deutschen Maschinen im Westfeldzug gebunden waren, blieben Reaktionen zunächst aus. Erst am 10. 7. 40 erfolgte ein stärkerer deutscher Gegenschlag gegen Südengland, dem die Luftschlacht um England folgte. Nach ersten deutschen Nachtangriffen gegen London forderte Churchill einen Angriff auf Berlin, den 81 zweimotorige Bomber am 25. 8. 40 ausführten. Allerdings fanden nur wenige in der Nacht Berlin und richteten auch nur geringen Schaden an. Einen ersten stärkeren Angriff flogen 189 Bomber gegen Hannover (10./11. 2. 41) und in der Nacht zum 9. 5. 41 359 Maschinen gegen Hamburg und Bremen. Ziele, die mit meist weniger als 100 Bombern angegriffen wurden, waren Berlin, Kiel, Hannover, Köln, Frankfurt, Stettin und Mannheim. Die bis dahin angerichteten Schäden waren erheblich geringer als die in England von der Luftwaffe verursachten (3 623 Tote). Eine wesentliche Steigerung der britischen Angriffe erfolgte, als Luftmarschall Harris am 23. 2. 42 das BC übernahm. Kurz zuvor (14. 2.) hatte das britische Kriegskabinett trotz des Fehlschlags ähnlicher deutscher Konzepte beschlossen, Ziel künftiger Angriffe solle die "Moral der Zivilbevölkerung und besonders der Industriearbeiter" sein.

    Die Luftbedrohung setzte auf deutscher Seite erhebliche Abwehranstrengungen in Gang. Bei Kriegsausbruch besaß die Luftwaffe noch keine Nachtjäger. Um die Jahreswende 1939/40 entstand aus einmotorigen Jägern eine erste Gruppe, die am 21. 4. 40 ihren ersten Abschuss erzielte. Am 17. 7. 40 wurde die Aufstellung der 1. Nachtjagddivision angeordnet. Bis 20. 9. 44 steigerte sich die Zahl der Maschinen in der Luftflotte Reich auf 1 181 Tag- und 772 Nachtjäger. Die Zahl der Flakbatterien stieg von 423 schweren im Juli 40 auf 1 432 schwere und 598 mittlere und leichte im September 44 (Heimatflak; Flakhelfer). Dennoch blieb das "Dach" der "Festung Europa" höchst lückenhaft. Die Verlustrate des BC sank von 3,9 % 1942 auf 1,7 % 1944 auch wegen der zeitweise erfolgreichen Störung der deutschen Funkmessgeräte durch Abwurf von Stanniolstreifen.

    Im März 42 leitete das BC die neue Phase des Luftkriegs mit vier Nachtangriffen gegen Essen ein, am 28./29. 3. 42 vernichteten 234 Bomber die Lübecker Innenstadt (1 425 Gebäude zerstört, 320 Tote, 785 Verletzte). Einen Monat später folgte Rostock (204 Tote, 60 % der Altstadt vernichtet). Am 30./31. 5. 42 kam es zum ersten "1 000-Bomber-Schlag" des Zweiten Weltkriegs: 1 046 Flugzeuge holte das BC gegen Köln zusammen. Sie warfen bei 48 Verlusten 1 459 t Bomben, töteten 469 Menschen, verletzten 5 027 und machten 45 132 obdachlos. Es folgten weitere Großangriffe auf das Ruhrgebiet und Bremen bis 26. 6. 42. Danach sank die Zahl der fast allnächtlich einfliegenden Bomber wieder ab. Zum BC kam am 27. 1. 43 die seit Mitte 42 in England versammelte 8. US-Luftflotte. Die Amerikaner mieden Nachtangriffe wegen der zu geringen Zielgenauigkeit. Die Konferenz von Casablanca legte im Januar 43 fest: Präzisionsangriffe der Amerikaner bei Tag, Flächenbombardierung bei Nacht durch die RAF.

    Eine schreckliche Steigerung des Luftkriegs brachte vom 24.-30. 7. 43 die Bombardierung von Hamburg: 2 205 britische Maschinen warfen bei 57 Verlusten 6 889 t Bomben, töteten 30 482 Menschen und zerstörten 277 330 Wohnungen, 3 212 Betriebe, 24 Krankenhäuser, 227 Schulen, 58 Kirchen. Von da an griffen die Alliierten fast jede größere deutsche Stadt an und verwüsteten nach der Invasion auch viele kleinere Städte wie z. B. Darmstadt (11./12. 8. 44: 12 300 Tote), Heilbronn (4./5. 12. 44: 7 147 Tote) oder Pforzheim (23./24. 2. 45: 17 600 Tote). Die größten Menschenverluste verursachten die alliierten Angriffe auf Dresden am 13./14. 2. 45 mit über 35 000 Opfern. Lange brachten die Angriffe auf die deutsche Industrie kaum Einbußen für die Rüstungsproduktion. Erfolg hatten die amerikanischen Bombardierungen der Treibstoff-Hydrierwerke, deren Ausstoß von Mai-September 44 auf 6 % sank. Das psychologische Ziel des Luftkriegs wurde nie erreicht. Er bombte eher einen noch größeren Widerstandswillen herbei und stützte die Glaubwürdigkeit der nationalsozialistischen Propaganda. Der Fehlschlag wurde nach dem Krieg auch von alliierter Seite eingestanden.

    Der Luftkrieg zerstörte in Deutschland 3,37 Millionen Wohnungen, tötete 609 000 Menschen und verletzte 917 000. Das BC verlor 8 325 Maschinen und 58 309 Mann fliegendes Personal, die 8. US-Luftflotte 11 687 Flugzeuge und 43 742 Mann.